Unsere Zuwendungsnummern – Rette mich, Hund!

Zuwendungsnummern

Auf dem Foto siehst Du mich (rechts im Bild, schwarze Jacke) mit meiner Hündin Luna (links im Bild, laubfarbenes Fell). Ich persönlich halte mich ja gerne für das Alphatier in unserer Beziehung. Luna toleriert das und zieht die Fäden aus dem Hintergrund.

Es ist zum Beispiel bis heute ungeklärt, wer von uns beiden eigentlich mit wem Gassi geht. Aber ich schweife ab.

Viel wichtiger ist: Ich habe mich mit Lunas Hilfe bei einer waschechten Zuwendungsnummer ertappt.

Man könnte auch sagen; bei einem „Bitte-Beachte-Mich-Relikt“ aus meiner Vergangenheit. Wenn ich nicht so hätte über mich selbst lachen müssen, wäre es mir fast schon peinlich. Was ist passiert?

Lebenslehrerin Luna

Vor ein paar Tagen haben Luna und ich einen ausgedehnteren Abendspaziergang gemacht. Es gibt hier viel Natur drum herum und es ist herrlich, die einsamen Feld-, Wald und Wiesenwege mit ihr abzulaufen und mit allen Sinnen aufzusaugen, wie 18 Kg Hund bis in die Fellspitzen vor purer Lebensfreude vibrieren. Einfach nur, weil sie schnüffeln und frei herumlaufen kann.

Für mich jedesmal wieder eine Lektion in Demut. Es braucht so wenig, um glücklich zu sein, wenn wir aufhören, dem Leben ständig unsere Bedingungen zu diktieren. Sogar dann, wenn schnüffeln vielleicht gar nicht so Dein Ding ist. Luna stellt keine Bedingungen, sie IST einfach und freut sich des Lebens. Das ist ansteckend. Ihre Freude ist meine Freude.

Ein Unfall mit Folgen

Auf den letzten ca. 500 Metern unseres Spaziergangs ereignete sich dann ein glücklicher „Unfall“. Ohne viel Dramatik erzählt: Ich bin unter dem Gras in ein kleines Erdloch getreten und umgeknickt. Natürlich habe ich, wie sich das gehört, erstmal laut aufgeschrien und bin mit schmerzverzerrtem Gesicht in fachmännischer Rumpelstilzchenmanier auf dem anderen Bein herumgehüpft.

Man muss dazu sagen, ich bin ehemaliger Basketballer. In meinem Schmerzgedächtnis existieren noch lebhafte Erinnerungen an Sprunggelenksverletzungen. Deshalb habe ich quasi schon mal präventiv gelitten, bevor der eigentliche Schmerz kommt. Damit ich nicht so überrascht bin, wenn er dann kommt.

Er kam übrigens nicht. Mein Sprunggelenk hat das ziemlich gut weggesteckt. Mit anderen Worten: Es ist überhaupt nichts passiert. Auf körperlicher Ebene.

Etwas in mir drin hat aber sofort die günstige Gelegenheit erkannt und sich wohl gedacht:

‚Warum nicht? Man muss die Feste feiern wie sie fallen. Zeit für den täglichen Schuss Aufmerksamkeit.‘

Ich habe nämlich festgestellt, wie mein erster Blick sofort in Richtung Hund ging; ob er denn auch guckt, der Hund. Ich wollte schlicht und einfach Zuspruch und Trost, wollte bemuttert und bekümmert werden. Wenigstens so ein ganz kleines bisschen.

Und außer Luna war ja nun mal gerade blöderweise niemand anderes da, der die lebensgefährliche Situation mitbekommen haben könnte. Also sollte folgerichtig der Hund herhalten. Luna hatte von dem ganzen Vorfall übrigens entweder gar nichts mitbekommen oder es war ihr einfach vollkommen schnurz.

Oder aber – und dazu tendiere ich – sie hat schlicht und einfach noch vor mir gemerkt, dass mein theatralisches Verhalten in dem Moment nicht echt war. Es war eine Zuwendungsnummer, die sofort angesprungen ist, als sich eine Gelegenheit dafür bot.

Und dann kam das, worüber ich kurze Zeit später herzhaft lachen musste, als mir klar wurde, was da abging.

Als ich merkte, dass es Luna scheißegal war, dass ich eben fast ein Bein verloren hätte, habe ich hochgedreht, habe noch ein Dezibel oder zwei lauter ‚Aua!‘ gerufen und den armen Hund aus der Ferne noch durchdringender angesehen, mit der Bitte und dem fast flehentlichen Appell um eine angemessene Reaktion ihrerseits.

Unsere Zuwendungsnummern - Bitte beachte mich

Wir alle brauchen Zuwendung. Es ist eines unserer elementaren psychologischen Grundbedürfnisse. Ohne Zuwendung gehen wir ein. Der Begründer der Transaktionsanalyse, Eric Berne, sprach in diesem Zusammenhang auch vom „Stroke-Hunger“. Stroke meint hier so viel wie (emotionale) Streicheleinheit.

Wenn Du Dir das schwer vorstellen kannst oder tiefer einsteigen möchtest, empfehle ich Dir meinen Artikel zum Thema auf myMONK.de: Wenn Kinder spüren, dass sie nicht erwünscht sind.

Doch die Wenigsten haben in ihrer Entwicklung immer genau die Menge an Zuwendung auf genau die Art erhalten, die sie sich gewünscht hätten. Selbst in gesunden Familien nicht. Also tun wir das Nächstliegende. Wir sorgen selbst dafür, dass wir die Zuwendung bekommen, die wir brauchen. Durch eine Zuwendungsnummer.

Ich habe zum Beispiel – das ist ziemlich offensichtlich – mal irgendwann in der Vergangenheit gelernt, dass ich eine kleine Dosis Extra-Zuwendung und -Aufmerksamkeit bekomme, wenn ich mich verletzt habe. Das hat mir offenbar so gut gefallen, dass dieses Muster rudimentär auch heute noch vorhanden ist. (Blöd nur, wenn der Hund nicht mitspielt).

Natürlich lief das alles bis hierher völlig automatisch, blitzschnell und unbewusst ab. War ja auch nicht das erste Mal in meinem Leben. Auch wenn mir das bis zu dem Moment gar nicht so bewusst war, hat dieses Muster sicher eine laaaange Tradition bei mir.

Gemerkt habe ich es erst, als ich mich dabei ertappt habe, wie ich noch eine Stufe weiter eskalieren wollte. Ich war im Begriff, mich zu dem hinreißen zu lassen, was der NLP’ler vornehm „komplexe Äquivalenz“ nennt. Das sind Bedeutungszuschreibungen à la:

‚Wenn ich Luna wirklich etwas bedeuten würde, dann würde sie sofort angerannt kommen, mich ordentlich herzen und professionell erste Hilfe leisten. War ja bei Flipper schließlich auch nie ein Problem.‘

Spätestens bei dem Gedanken musste ich jedoch so laut lachen, dass ich mich fast ins Gras gesetzt hätte. Fand Luna dann übrigens auch geil und kam direkt angelaufen. Mein Lachen war nämlich, im Gegensatz zu meiner vorherigen Zuwendungsnummer, echt. Na bitte, geht doch.

Die Natur von Zuwendungsnummern

Mein Beispiel soll hier nur exemplarisch stehen für ein breites Feld an Zuwendungsnummern. Man kann sie nämlich mit allen möglichen Themen haben. Letztendlich mit allem, was in der Vergangenheit schon mal mehr oder weniger funktioniert hat, um (etwas mehr von der) Aufmerksamkeit zu bekommen, die wir alle brauchen.

Dabei ist es egal, ob wir mal Zuwendung dafür erfahren haben, dass wir traurig waren, ein Problem hatten, Schmerzen erlitten oder gute Leistungen erbracht haben. Was auch immer wiederholt schon mal halbwegs für uns funktioniert hat, kann für uns zu einer Zuwendungsnummer werden.

In den Fällen, in denen wir uns aber auf den Kopf stellen konnten, ohne eine Chance zu haben, die für uns nötige Zuwendung von unserem Umfeld zu bekommen, lernen wir, sie uns ersatzweise selbst zu geben. Das sind dann schon fast keine Zuwendungsnummern mehr, sondern eher emotionale Überlebensnummern.

Übermäßiges Essen wäre hier ein Beispiel für ein typisches Selbst-Zuwendungsmuster (self-stroking).

Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass wir uns aus purer Verzweiflung und zur Selbstrettung in die Größenidee versteigen, wir bräuchten keine Zuwendung von anderen (weil es die für uns sowieso nie gegeben hat).

Dann schotten wir uns hermetisch ab und unterliegen unseren inneren Antreibern (überzogene Selbstansprüche), indem wir beispielsweise versuchen, immer stark zu sein und niemals Schwäche zu zeigen.

Diese überzogenen Selbstansprüche sind ein Fass ohne Boden, denn sie haben kein Maß, kein „Genug“. Sie sind der verzweifelte Versuch, uns unangreifbar zu machen, um uns weitere Verletzungen zu ersparen. Es sind kompensatorische Beziehungsbedürfnisse.

Tipp: Eng verwandt sind Zuwendungsnummern übrigens mit dem Vorgang der emotionalen Entfremdung.

Hast Du Dich selbst (oder andere) auch schon mal bei einer Zuwendungsnummer ertappt? So ziemlich jeder von uns hat sowas. Es ist nicht schlimm, es ist menschlich. Wenn es das eigene Leben beeinträchtigt, sollte man was dagegen unternehmen. Ansonsten ist Lachen und sich selbst nicht so ernst zu nehmen eine wunderbare Musterunterbrechung.