Wenn Du mich verlässt, bringe ich mich um – Emotionale Erpressung, the „Selbstbestrafungs-Way“

Emotionale Erpressung durch Drohung mit Selbstbestrafung

Emotionale Erpressung hat viele Gesichter. Ein weit verbreitetes ist die Erpressung des anderen durch die Androhung, sich selbst etwas anzutun, wenn er sich nicht so verhält, wie der Erpresser es haben will. Das ist die Extremform und sie ist mächtig.

Vor vielen Jahren hatte ich selbst eine Freundin, die regelmäßig (unsere heftigsten Streitereien fanden irgendwie meistens im Auto statt) damit gedroht hat, aus dem fahrenden Auto zu springen, wenn ich jetzt mit ihr Schluss machen würde. Für den jungen unerfahrenen Kerl, der ich damals war, ziemlich großer Stress, das kannst Du mir glauben.

Doch neben der extremsten Form emotionaler Erpressung durch Selbstbestrafung gibt es viele vorgelagerte Stufen, die für den Laien nicht immer so leicht zu erkennen sind.

Da gibt es beispielsweise den Sohn, der nicht arbeiten gehen möchte seine Eltern (unberechtigerterweise) für seine Depression verantwortlich macht und sich somit eine Dauerkarte fürs Hotel Mama sichert, indem er bei jeder Anmerkung seitens der Eltern, er müsse jetzt aber langsam mit 34 mal lernen auf eigenen Beinen zu stehen, den Schuldgefühlknopf seiner Eltern bedient.

"Erst macht ihr mich mit eurem Verhalten krank und jetzt wollt ihr mich auch noch rausschmeißen. Macht doch. Ihr müsst ja dann mit dem Gefühl klar kommen, dass ich wegen euch unter der Brücke schlafe. Feine Christen seid ihr mir."

Und da ist der trockene Alkoholiker, der jedes Mal, wenn seine Frau nicht macht, was er will, verlauten lässt, dass er wegen ihr noch wieder mit dem Trinken anfangen werde, womit er natürlich eine ihrer größten Ängste bedient und sie am Schopf ihres (fehlgeleiteten) Verantwortungsgefühls packt.

Oder der Ehemann, der weiß, dass seine Frau finanziell von ihm abhängig ist und der jedes Mal, wenn sie ihm zuhause nicht sprichwörtlich den Arsch hinterhertragen möchte, mit einem leisen Seufzer zu verstehen gibt, dass ihn die Arbeit ja schon so belaste und jetzt macht ihm seine Frau noch zusätzlichen Kummer. Das ganze könne ja nur im Burnout enden und wer ernährt dann die Familie, wenn er nicht mehr arbeitsfähig ist? Woraufhin seine Frau selbstverständlich einknickt und mit einer mürrischen Miene tut, was der Herr und Gebieter verlangt. Was bleibt ihr auch anderes übrig?

Und da ist auch die neue Freundin, die scheinbar ohne ihn nicht mehr lebensfähig ist und die bereits eine Woche vor jeder seiner Geschäftsreisen in schwere "Depressionen" verfällt und ihm auf eine Million Arten zu verstehen gibt, wie sehr sie in seiner Abwesenheit leiden wird, doch schlagartig die liebste Freundin der Welt ist, sobald er einen seiner wichtigen Termine absagt, um die Zeit "lieber" mit ihr zu verbringen. Inklusive all der angenehmen Belohnungen am Esstisch und im Schlafzimmer. Man muss das erwünschte Verhalten schließlich auch richtig konditionieren. Das Ganze erinnert aus der Ferne manchmal ein bisschen an Hundeerziehung.

"Böser Freund. Sollst Du auf Geschäftsreise gehen? Frauchen ist sehr enttäuscht und traurig. So isser fein. Schön zuhause bleiben. Brav. Mund auf, Leckerli rein."

Ich könnte hier noch hunderte Beispiele anführen, aber ich denke, das Grundprinzip dürfte klar sein.

Das Muster in Aktion

Menschen, die auf emotionale Erpressung durch (angedrohte) Selbstbestrafung zurückgreifen, sind meistens extrem bedürftig, unselbstständig und abhängig vom "Objekt ihrer Erpressung". Zumindest gilt das für ihr Verhalten an der Oberfläche und auch subjektiv würden die meisten ihr eigenes Erleben wohl so beschreiben. "Wer bin ich denn schon ohne Dich?"

Unter der sichtbaren Oberfläche verleiht emotionale Erpressung durch (angedrohte) Selbstschädigung jedoch unheimlich viel Macht über das passende Gegenüber, was der Erpresser jedoch niemals zugeben würde. Es würde ja auch nicht zur oft selbst geglaubten Story der eigenen Hilflosigkeit passen.

Die Betroffenen versuchen, mit dem Erpressten zu verschmelzen (nichts darf uns trennen; kein Blatt passt zwischen uns) und zeigen häufig eine erstaunliche Unfähigkeit, ihr Leben selbst auf die Reihe zu bekommen. Interessant ist dabei, dass es sich meist um durchaus intelligente Menschen handelt, für deren Unselbstständigkeit es keinen objektiv erkennbaren äußeren Grund gibt. Das lässt die Vermutung aufkommen, dass es sich hier sehr wahrscheinlich um angelerntes Bindungsverhalten handelt, ähnlich wie bei der erlernten Hilflosigkeit.

Wir alle entwickeln ja früh in unserem Leben verschiedene Wege, um in Beziehung mit unserer Umwelt zu treten, Bindung herzustellen und aufrecht zu erhalten und lernen aus Erfahrung und am Vorbild, wie wir unsere eigenen emotionalen Bedürfnisse beim Gegenüber "durchsetzen" können.

Bezeichnend ist, dass der andere vollständig für sowohl die eigenen Probleme als auch das eigene Wohlergehen verantwortlich gemacht wird. Wer durch (angedrohte) Selbstbestrafung erpresst, gibt scheinbar alle Macht an den anderen ab, wird selbst völlig unfähig, an seinen Geschicken im Leben etwas zu ändern. Nur der andere kann das für ihn tun und wehe, er tut es nicht.

Dabei können die eigenen Probleme durchaus vorhanden sein (Arbeitslosigkeit, Drogenprobleme, Depression, ...) oder einfach nur im Sinne einer Horrovorstellung fantasiert und demonstrativ vor sich her getragen werden: "Wegen Dir ende ich noch als Alkoholiker!"

Die Erpresser machen sich selbst künstlich klein und den Erpressten (scheinbar) künstlich groß. Das erinnert an die Reinszenierung früherer Eltern-Kind-Verhältnisse, bei der der Erpresste - ob er will oder nicht - in die Rolle des Elternteils gedrängt wird, obwohl er diese Rolle in der Beziehung faktisch gar nicht haben muss. Beispielsweise in der Partnerschaft.

Auf der Empfängerseite setzt das Spiel natürlich ein schuldbewusstes Gegenüber voraus, das gewohnt ist, Verantwortung zu übernehmen oder sich zumindest schnell verantwortlich zu fühlen. Das ist beispielsweise bei den meisten parentifizierten Kindern der Fall - also bei Menschen, die zu früh erwachsen werden und bereits als Kind die schwachen Eltern stützen mussten, wel diese zu tief in ihren eigenen Themen gefangen waren. Mit anderen Worten bei Menschen, die als Kinder schon Eltern für ihre Eltern sein mussten.

Das ist auch und ganz sicher beim "Brave-Tochter-Syndrom" (Scherrmann/Scherrmann-Gerstetter) bzw. der "Gefall-Tochter" (u.a. Onken) der Fall. Je mehr der oder die Erpresste für Schuldgefühle und (falsche) Verantwortungszuschreibung empfänglich ist, je mehr jemand gewohnt ist, die Dinge für andere zu erledigen, desto besser eignet er sich für die Empfängerseite.

Was Du tun kannst, wenn Du emotional erpresst wirst

Das wichtigste ist erstmal...

  1. Dir klar zu machen, was genau da abläuft und wie es abläuft.
  2. Das Verständnis gewinnen, dass die gezeigte Hilflosigkeit des Erpressers nur vordergründig Schwäche ist. In Wirklichkeit ist es getarnte destruktive Macht. Ob dem Erpresser das schon bewusst ist, oder nicht.
  3. an Deinen eigenen emotionalen Triggerpunkten arbeiten, die Dich so empfänglich für diese Form emotionaler Erpressung machen.
  4. Dir zu überlegen, ob Du die Beziehung zum emotionalen Erpresser aufrechterhalten möchtest (wenn er Erpresser beispielsweise Dein Partner oder Partnerin ist).
  5. falls Du die Beziehung aufrecht erhalten möchtest (beispielsweise in einer Partnerschaft), ob Ihr beide bereit seid, an dem Verhaltensmuster zu arbeiten und bessere Wege zu finden, miteinander umzugehen. Denn auch der Erpresser leidet. Die emotionale Erpressung ist einfach die bisher bestmögliche Art, wie er gelernt hat, mit seinen Ängsten und Bedürfnissen in Beziehung umzugehen.

1,2 und 4 kannst Du normalerweise problemlos alleine erledigen. Für 3 könnte die Zusammenarbeit mit einem Coach und/oder Therapeuten sinnvoll sein und für 5 ein Paar-Coaching bei jemandem, der sich mit dieser Thematik auskennt.

Und wenn der andere droht, sich umzubringen?

Zunächst einmal gilt: Jede Drohung eines Suizids ist ernst zu nehmen. Das gilt leider auch für die Drohungen, die lediglich eine perfide Manipulations-Masche darstellen. Nur ist es auf der Empfängerseite nicht Deine Aufgabe, das zu unterscheiden.

Dafür gibt es jede Menge Fachstellen. Meistens ist der lokale sozialpsychiatrische Dienst zuständig, das Gesundheitsamt kann Dir ebenso weiterhelfen. Das Gleiche gilt für die bekannten Notrufnummern 110 und 112. Und auch jedes Krankenhaus kann zur Not angerufen werden und leitet die entsprechenden Schritte ein. Dazu gibt es professionelle Hotlines wie die Telefonseelsorge. Überall findest Du speziell geschultes Personal, das Dir weiterhilft, wenn jemand in Deinem Umfeld droht, sich umzubringen, wenn Du Dich nicht so verhältst, wie er oder sie sich das vorstellt.

Diese Stellen helfen Dir, die Ernsthaftigkeit der Drohung einzuschätzen, leitet bei Bedarf entsprechende Schritte ein und helfen auch Dir, mit der Situation umzugehen. Eine erste grobe Einschätzung liefert Dir auch die Einteilung der prä-suizidalen Stadien nach Ringel bzw. Pöldinger.

Das ist aber wirklich nur als grobe Orientierung gedacht. Bitte überlasse es den Fachleuten, die Situation einzuschätzen.

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