Warum Selbstfürsorge nicht bedeutet, dass Du fett und arbeitslos wirst

Selbstfürsorge (auch Selbstmitgefühl) wird häufig missverstanden. Viele Menschen befürchten, dass ihr Leben immer mehr aus der Bahn gerät, wenn sie sich liebevoll um sich selbst kümmern. Gehörst Du auch dazu? Dann bringt Dir dieser Artikel mehr Klarheit.

Selbstfürsorge macht uns nicht zu Sklaven des Lustprinzips

"Selbstfürsorge heißt doch, dass ich nur noch mache, was ich will!" ist sicher eine der häufigsten Fehlinterpretationen davon, was wahrhaft gelebtes Selbstmitgefühl wirklich bedeutet. Aber bei der Selbstfürsorge geht es nicht darum, nur noch zu tun, worauf wir Lust haben und zu lassen, was uns nicht augenblicklich mit orgastischer Freude erfüllt.

Sonst wären sicherlich die meisten Menschen mit einem guten Verhältnis zu sich selbst übergewichtig, pornosüchtig und arbeitslos. Diese Denkweise erinnert mich immer an das Aufkeimen der "Arbeit mit dem inneren Kind" in der Therapie- und später auch in der Esoterikszene. Viele Jahre wurden dabei innere Kinder gepampert und gepudert, bis ihnen die Quaste aus den Ohren kam.

Das Ergebnis dieser einseitigen Überbetonung war dann wirklich häufig, dass das Leben der Betroffenen nicht mehr funktionierte. Außerdem züchtet man sich auf diese Weise häufig kleine innere Tyrannen heran, die einfach kein Genug kennen und mit der permanenten Äußerung auch kleinster Bedürfnisse unsere Alltagsroutine als Erwachsene empfindlich stören können.

"Mein inneres Kind (also ich) musste schon so viel einstecken und entbehren, jetzt mach' ich das alles wieder gut!". Ein gut gemeinter Versuch, der aber meist nach hinten losgeht, denn er produziert an anderer Stelle mehr Folgeprobleme, als er zu lösen imstande ist.

Wir sind mehr als unsere Emotionen und haben auch mehr Persönlichkeitsanteile als nur innere Kinder (ja, mehrere in verschiedenen Alters- und Entwicklungsstufen). Wenn wir uns nur noch um die Gefühle unserer inneren Kinder sorgen, werden wir ohne es zu beabsichtigen ziemlich schnell ziemlich egozentrisch und kreisen nur noch um uns und unsere Befindlichkeiten. Natürlich sagen wir das nicht so. Wir sind nicht egozentrisch. Wir kümmern uns politisch korrekt um die Bedürfnisse unseres inneren Kindes und da kann ja wohl niemand etwas dagegen haben, oder?

Damit hier keine Missverständnisse aufkommen. Natürlich ist es sinnvoll, sich um die Verletzungen unserer inneren Kinder zu kümmern. Am richtigen Ort und vor allem zum richtigen Zeitpunkt. Unser Leben bekommt mehr Tiefe und Farbe, je besser es unserem inneren Kind geht und je mehr es sich in unser Alltags(er)leben einbringen kann. Das bedeutet aber nicht, dass wir deshalb den Bock zum Gärtner machen sollten.

Was wir brauchen, ist eine erwachsene Führung in unserem inneren Team bzw. unserer inneren Familie. Und obwohl die Wünsche und Bedürfnisse innerer Kinder dabei unbedingt berücksichtigt werden sollten und sie gerne auch mal für eine Zeit bestimmen dürfen, wo es in der Freizeit langgeht, sind sie doch denkbar ungeeignet und wären auch schnell überfordert, wenn wir ihnen dauerhaft die Steuerung unseres Lebensschiffs überlassen wollten. So etwas führt dann tatsächlich zu Entgleisungen und Wucherungen des Lustprinzips in unserem Leben mit manchmal hohen sozialen, wirtschaftlichen und gesundheitlichen Folgen.

Die meisten Kinder haben nämlich noch nicht den charakterlichen und emotionalen Reifegrad, um nicht nur den Lustgewinn des aktuellen Verhaltens (oder die Frustvermeidung der aktuellen Unterlassung) anzustreben, sondern auch die langfristige Perspektive im Blick zu haben.

Selbstfürsorge behält die Auswirkungen unseres Verhaltens im Blick

Echte Selbstfürsorge bedeutet, so mit uns selbst umzugehen, wie ein liebevoller Erwachsener das tun würde. Stell Dir vor, wie eine liebevolle Mutter oder ein liebevoller Vater mit den kurzsichtigen Wünschen seines Kindes umgehen würde.

Als Kinder sind wir auf den kurzfristigen Kick aus. Wir haben auch noch kein wirkliches Erfassen größerer Zeitspannen entwickelt und unsere eigene Zukunft erscheint uns unendlich und voller unbegrenzter Möglichkeiten zu sein. Würde man uns lassen, würden wir wahrscheinlich am liebsten den ganzen Tag Süßigkeiten in uns reinstopfen und auf der Spielekonsole daddeln. Das ist ja mal auch ganz okay. Aber was wäre, wenn das nun unser Leben wäre?

Ein liebevoller Erwachsener wird hier eingreifen und das Kind in seinen kurzfristigen und egozentrischen Wünschen liebevoll begrenzen, um es vor später eintretendem größeren Schaden wie Schulversagen, Arbeitslosigkeit, Karies, sozialer Isolation und Übergewicht zu bewahren.

Das passt auch ganz gut zu unserem Beziehungsbedürfnis nach liebevoller Grenzsetzung. Hier findest Du den passenden Artikel: Bedürfnis nach Grenzen und hier die entsprechende Podcast-Folge zum Thema: #010 Stop in the name of love: Unser Bedürfnis nach liebevoller Grenzsetzung

Selbstfürsorge vs. Selbstschädigung: Wie Du den Unterschied erkennst

Du siehst, es ist gar nicht immer so leicht auf den ersten Blick zu erkennen, ob wir jetzt gerade gut für uns sorgen oder unabsichtlich dabei sind, uns zu schaden. Das Geheimnis ist natürlich auch hier, wie eigentlich überall im Leben, die richtige Balance zu finden. Natürlich ist das Schokoeis hin und wieder mal okay und dass Du auch mal keine Lust auf die Arbeit hast, kann Dir sicher auch niemand verübeln. Gönn' Dir definitiv Deine Inseln des unvernünftigen Lustgewinns. Pass nur auf, dass sie sich nicht zu Kontinenten des kurzfristigen Lustgewinns auswachsen.

Selbstfürsorge ist es dann nicht mehr, wenn es langfristig mehr schadet, als nutzt. Wenn Du beispielsweise gerne schick essen gehst, dann ist es natürlich ein Akt der Selbstfürsorge, wenn Du Dir dies ab und zu gönnst und das Ereignis wie einen echten Event feierst und auskostest.

Wenn Du allerdings jeden zweiten Tag Essen gehst, obwohl Du Dir ehrlich betrachtet höchsten zweimal im Monat leisten kannst, dann sitzt Du dem kurzfristigen Lustgewinn auf und bewegst Dich in einem Bereich, der auf Dauer selbstschädigend ist, denn Du bringst damit einen anderen Bereich Deines Lebens in Schieflage, nämlich Deine Finanzen und belastest vielleicht sogar Deine Freundschaften, wenn Du Dir ständig überall Geld pumpen musst.

Daran erkennst Du auch ein weiteres wichtiges Prüfkriterium für selbstschädigendes Verhalten: Es löst kurzfristig scheinbar die Probleme in einem Lebensbereich, erschafft aber gleichzeitig in einem oder mehreren anderen Bereichen ernst zu nehmende neue Probleme.

Vielleicht hilft Dir bei der Orientierung folgender Leitsatz, den ich meinen Klienten regelmäßig mit auf den Weg gebe:

Selbstfürsorge ist es dann nicht mehr, wenn Du insgesamt mehr Leid erzeugst, als Du linderst.

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