Der Unterschied zwischen Selbstmitleid und Selbstmitgefühl

Selbstmitleid stinkt. Oder war das Eigenlob? Egal. So sehr unterscheiden sich die beiden gar nicht. Zumindest nicht in ihrer Wirkung auf unsere Mitmenschen. Der Grund für die meist negativen Reaktionen, die beide hervorrufen, liegt mit Sicherheit auch an der Egozentrik, die in beiden mitschwingt. Im einen wie im anderen Fall kreisen wir dabei nur um uns und das meist öffentlichkeitswirksam zur Schau gestellt.

Im Falle von Eigenlob kreisen wir um unsere eigene Großartigkeit. Man könnte das Ego nennen. Im Falle von Selbstmitleid kreisen wir um unsere eigene Opferstory. Beides soll uns mit Bedeutung aufladen und enthält nicht selten einen gar nicht so subtilen Appell an unsere Umwelt: Beachte mich!

Es handelt sich dabei um früh erlernte Verhaltensweisen, um einen Schuss Extra-Zuwendung von unseren Mitmenschen zu bekommen. Bei Eigenlob in der Hoffnung, dass wir Anerkennung für unsere glanzvollen Kunststückchen oder auf Hochglanz polierten Eigenschaften erhalten - was in unserer Kultur nebenbei bemerkt häufig eher das Gegenteil bewirkt. Bei Selbstmitleid in der Hoffnung, Fürsorge, Zuwendung und Nestwärme von anderen Menschen zu erhalten, die "doch sehen müssen, wie schlecht es uns geht".

Und wenn diese Zuwendung beim Selbstmitleid nicht von anderen Menschen kommt, dann meinen wir, uns damit wenigstens ein bisschen um uns selbst zu kümmern. Die Transaktionsanalyse nennt so etwas ein "Self Stroking Pattern", was man wohl am besten mit Selbstzuwendungsmuster übersetzen könnte. (Vielleicht kennst Du schon meinen Artikel "Unsere Selbstzuwendungsnummern - Rette mich, Hund", in dem ich ein anderes Self-Stroking-Pattern entlarve, das ich vor einiger Zeit mal bei mir selbst entdeckt habe)

Self Stroking Patterns lassen sich häufig bei Menschen finden, deren Beziehungsbedürfnisse in ihrer Kindheit und Jugend nicht ausreichend erfüllt waren. Sie mussten lernen, auf "emotionaler Selbstversorger" umzuschalten und sich das, was sie eigentlich von anderen benötigt hätten, selbst zu geben. Oder es zumindest so gut es geht zu versuchen.

Das Problem bei Selbstmitleid und vergleichbaren Verhaltensweisen ist, dass sie uns selbst dann, wenn sie zu funktionieren scheinen, uns nur mit einer nährstoffarmen Ersatznahrung abspeisen. Sie sind nicht das, was wir wirklich zum emotionalen Gedeihen benötigen. Sie füllen unseren seelischen Magen, aber ernähren uns nicht. Als würden wir Mengen von Pappe fressen. Klar, wenn nichts anderes zur Verfügung steht, lässt so vielleicht wenigstens das quälende Hungergefühl für eine kurze Zeit nach. Aber dann?

Selbstmitgefühl vs. Selbstmitleid

Warum ist Selbstmitleid eigentlich so problematisch? Ist doch eigentlich nur gut und billig, wenn wir uns selbst das geben, was andere uns vorenthalten (haben). Oder etwa nicht?

Das Problem beim Selbstmitleid ist, dass es nur um uns selbst kreist. Wir empfinden unser eigenes Leid als besonders schlimm. Das gilt umso mehr, wenn wir damit bei unserem Gegenüber bisher nicht landen konnten. Dann drehen wir hoch und motzen unser Leiden noch zusätzlich auf, in der Hoffnung, dass der andere doch wenigstens dann merken muss, wie schlecht es uns geht. Das machen wir meist so geschickt, dass wir es selbst kaum mitbekommen und uns selbst unser Leidens-Tuning glauben.

Andere spüren meist schneller als wir, wie unecht diese Art zur Schau gestellter Gefühle werden können. Zumindest dann, wenn wir mit unserem Selbstmitleid über die Funktion als Self Stroking Pattern hinaus versuchen, auch andere von unserem Leiden zu überzeugen.

Was ich persönlich aber für noch schwieriger am Selbstmitleid halte, ist der Umstand, dass es uns von anderen isoliert. Ja, sogar versucht, den Grad unseres Leidens über andere zu stellen. Natürlich unbeabsichtigt und nicht bewusst. Wir verlieren dabei schnell aus dem Blick, dass auch andere leiden. Menschen, Tiere, Pflanzen. Das Leiden eint uns. Nicht alle leiden zur gleichen Zeit und auch nicht an denselben Umständen. Doch jeder leidet im Laufe seines Lebens.

Wir alle müssen archetypische Leidenssituationen im Laufe unseres Lebens bewältigen, die mit Schmerzen einhergehen. Der Verlust eines lieben Menschen ist beispielsweise so eine archetypische Situation, durch die nahezu jeder Mensch im Laufe seines Lebens hindurch muss. Schon Buddha erkannte das Leiden in seinen verschiedenen Erscheinungsformen in seinen 4 edlen Wahrheiten als ein zentrales Element menschlichen Lebens und gestaltete seine gesamte Lehre darum, dieses Leid zu verringern.

Selbstmitgefühl ist etwas komplett anderes. Darin verlieren wir nicht aus dem Blick, dass auch andere leiden. Im Gegenteil. Es verbindet uns mit anderen Menschen und gibt uns ein Gefühl, in einer universellen Erfahrung Teil von etwas Größerem zu sein. Verbunden mit allen Wesen, mit denen wir diese und weitere Gemeinsamkeiten teilen. Allein das Bewusstsein darüber, dass alles Leben leidet, kann die Erfahrung unseres eigenen Leidens transzendieren.

Wir müssen dann nicht so tun, als wäre unser Leiden schlimmer, als das anderer Menschen. Im Gegenteil. Indem wir anerkennen, dass alles und jedes auf seine eigene Weise leidet, können wir uns auf tiefe Weise verbunden fühlen. Nicht umsonst sagt der Volksmund ja, geteiltes Leid wäre halbes Leid.

Echtes Selbstmitgefühl bedeutet eben auch, dass wir es uns (und anderen) nicht antun, eine überzogene Geschichte über unser Leid zu erzählen und so das Leid noch zu verstärken. Wahres Selbstmitgefühl verzichtet auf jegliche Opferstory (selbst dann, wenn es allen Grund dazu gäbe, eine zu erzählen) und reduziert somit jegliches Leid auf den darin enthaltenen Schmerz. Denn Schmerz ist das was bleibt, wenn wir unsere Story über die Ungerechtigkeit des Schmerzes weglassen. Und mit Schmerz alleine können wir umgehen.

Auf einen Satz gebracht:

Selbstmitgefühl fügt - im Gegensatz zum Selbstmitleid - unserem Schmerz keine unnötige Geschichte hinzu.