Alles, nur diese Ohnmachtsgefühle nicht – Wie wir dem Selbstoptimierungswahn verfallen

Ohnmacht und Selbstoptimierungswahn

„Je mehr ein Mensch nach Perfektionismus strebt, um so unzulänglicher ist er oder fühlt sich so. Wäre er wirklich ‚perfekt‘, müsste er nicht so krampfhaft danach streben.“
Rose von der Au

Heute schon perfektet? Nein? Schäm Dich!

Machst Du etwa gar nicht mit bei unserem gesellschaftlich verordneten Selbstoptimierungswahn?

Dann lies erst recht weiter. Vielleicht bekommst Du ja danach Lust, dem Klub beizutreten.

Selbstoptimierungswahn – was is’n das?

Wenn wir die Unkontrollierbarkeit des Lebens zu spüren bekommen, empfinden wir tiefe Ohnmacht. Ein Gefühl, dass wir kaum aushalten können. Da ist es nur verständlich, dass wir alles tun, um dieses Gefühl beiseite zu schieben.

Eine bewährte Methode ist es, zu glauben, dass alles in unserem Leben seine Ursache irgendwo in uns hätte. Dann bin ich zwar auch für den ganzen Mist in meinem Leben verantwortlich, aber zumindest nähre ich die Illusion, ich könnte was daran ändern.

Indem ich an mir arbeite, bis der Arzt kommt.

Und schon stecke ich mittendrin: im Selbstoptimierungswahn.

Verletztes Bedürfnis nach Einflussnahme

Das Gefühl, Einfluss auf die Geschehnisse in unserem Leben nehmen zu können, ist elementarer Bestandteil geistigen Wohlbefindens.

Es ist neben der Verstehbarkeit und Sinnhaftigkeit unseres Erlebens, einer der drei sozialmedizinischen Faktoren für Gesundheit im Salutogenesekonzept nach Aaron Antonovsky.

Verletzende Erfahrungen können dazu führen, dass wir starke Ohnmachtsgefühle empfinden. Wir fühlen uns der Willkür des Lebens schutzlos ausgeliefert.

Besonders wenn diese Ohnmachtsgefühle durch das Verhalten anderer Menschen uns gegenüber ausgelöst werden, wird dadurch unser Bedürfnis nach Sicherheit, vor allem aber unser Bedürfnis nach Einflussnahme verletzt.

Die Erfüllung unserer Beziehungsbedürfnisse ist essenziell für uns. Werden sie nicht angemessen durch unser Umfeld gestillt, finden wir selbst Wege, die Lücke zu füllen.

Das Problem deutet sich bereits im Namen an. Es sind Beziehungs-Bedürfnisse. Sie setzen ein Gegenüber voraus. Sich Beziehungsbedürfnisse selbst erfüllen zu wollen, ist ein Widerspruch in sich.

Wenn wir nicht das bekommen, was wir eigentlich von anderen brauchen, sichern wir so wenigstens unser emotionales Überleben.

In der Not frisst der Teufel Fliegen.

So versuchen wir unangreifbar zu werden, indem wir uns einreden, niemanden zu brauchen. Wir strengen uns an, immer stark zu sein und alles alleine geregelt zu bekommen.

Oder wir bemühen uns, es anderen auf jede erdenkliche Art recht zu machen. Werden für unsere Mitmenschen so bequem wie möglich, um uns den weiteren Zustrom ihrer Zuwendung zu sichern.

Ohnmachtsgefühle sind unkontrollierbarer Stress

Ohnmachtsgefühle erleben wir als unkontrollierbaren Stress. Eine mögliche Abwehr dagegen ist der Selbstoptimierungswahn.

Unkontrollierbarer Stress ist für uns Säugetiere eine heftige Sache. Der Neurobiologe Gerald Hüther*1 erklärt, dass unkontrollierbarer Stress zu Abschaltprozessen im limbischen System des Gehirns führt.

Die Betroffenen erleben Ohnmachtsgefühle und reagieren neuronal mit einem Zustand des Freezing.

Freezing ist dem Totstellreflex von Beutetieren ähnlich. Eine der drei möglichen Reaktionen auf Gefahrensituationen:

  1. Kampf
  2. Flucht
  3. Totstellreflex (Freezing)

Dadurch geraten die Datenverarbeitungsprozesse im Gehirn ins Stocken. Gleichzeitig kommt es durch einen Datenrückstau im Gehirn dazu, dass unsere Amygdala in einem dauerhaften latenten Alarmzustand bleibt.

Der „Datenmüll“ kann nicht mehr abtransportiert werden.

In der Folge gehen wir oft aus dem Kontakt. Sowohl mit uns selbst als auch mit unseren Mitmenschen. Wir reagieren mit Kontaktvermeidungsstrategien. Sie sollen uns davor schützen, in Zukunft erneut ähnlichen Verletzungen ausgeliefert zu sein.

Sie nähren die Illusion der Kontrolle in einer kaum kontrollierbaren Welt.

Selbstoptimierungswahn – Abwehr gegen die Ohnmacht

Die Ursache für alle Geschehnisse unseres Lebens in uns selbst zu vermuten, mindert vordergründig unsere Ohnmachtsgefühle.

Es führt aber gleichzeitig auch dazu, dass wir in unerträglichen Situationen verweilen.

Wir gehen nicht, wenn es Zeit wäre, zu gehen.

Wir wehren uns nicht, wenn es angebracht wäre, uns zu wehren.

Schließlich liegt es ja an uns, nicht wahr?!

Ein Konzept, das auch in esoterischen Kreisen weit verbreitet ist. Wenn es dermaßen unreflektiert verwendet wird, schadet es mehr, als es nützt.

Besonders deutlich wird dies in dysfunktionalen Partnerschaften.

Hat jemand sich im Selbstoptimierungswahn verfangen, fällt es ihm schwer, sich aus einer unglücklichen Beziehung zu lösen.

Schließlich glaubt er:

„Wenn ich mich vollständig optimiert, meine alten Wunden geheilt und höchste Erleuchtung erlangt habe, funktioniert meine Partnerschaft endlich.

Oder es stört mich zumindest nicht mehr, dass sie es nicht tut.

Denn dass es mir etwas ausmacht, zeigt ja schließlich nur, dass es da noch ein Thema gibt, das ich lösen und aufarbeiten muss.“

So werde ich zum Kerkermeister meines selbst geschaffenen Gefängnisses. Ich verliere den Kontakt zur Realität und schneide mich von meinen wahren Gefühlen ab.

Ich lasse mir dann leicht Verhaltensweisen gefallen und ertrage Umstände, die sich die meisten Masochisten nicht bieten lassen würden.

So wird alles, was in meinem Leben nicht funktioniert, zum Beweis, dass mit mir etwas nicht stimmt.

Da ist es dann nicht weit, mich wie der letzte Versager zu fühlen.

Wenn ich mich so verhalte, ähnele ich stark dem Protagonisten in Paul Watzlawicks berühmter Anekdote Die Geschichte mit dem Hammer*2 über den der Autor feststellt:

Wer nur einen Hammer hat, für den wird die ganze Welt zum Nagel.

Selbstoptimierung: Ja – Aber bitte mit Augenmaß

Der gesamte Hilfe- und Selbsthilfesektor lebt von unserem Wunsch, uns zu vervollkommnen. Ich auch – und das gar nicht mal schlecht.

Einfach immer…

– noch ein Seminar,

– noch ein hilfreiches Buch,

– noch ein paar Bahnen im Fruchtwassersimulator drehen,

… irgendwann wird’s schon besser werden.

Warum schreibe ich dann einen solchen Artikel und riskiere, damit an dem Ast zu sägen, auf dem ich sitze?

Weil ein himmelweiter Unterschied zwischen sinnvoller Arbeit an sich selbst und Selbstoptimierungswahn besteht. Das Eine hat mit dem Anderen so viel zu tun wie Zierpflanzendünger mit dem Marsrover.

Der Wunsch, an uns selbst zu arbeiten und eine noch bessere Version unserer Selbst zu werden, ist tief in uns verankert.

Es ist der Grund, warum wir heute nicht mehr auf Bäumen leben und uns gegenseitig die Läuse aus dem Fell zupfen.

Man könnte es als evolutionären Trieb zur Weiterentwicklung bezeichnen.

Ich bitte nur darum: Lasst es uns mit Augenmaß tun und von unserem gesunden Menschenverstand Gebrauch machen.

Selbstoptimierung ist eine super Sache. Sie kann uns glücklich und unser Leben leichter machen.

Selbstoptimierungswahn gehört hingegen zu den Lösungsversuchen, die ich persönlich zu den Wegen in die Katastrophe zähle. Denn bei weitem nicht jeder bescheidende Umstand in unserem Leben hat seine Ursache hauptsächlich in uns selbst.

Darin läge – beim besten Willen – ein gerütteltes Maß narzisstische Überschätzung unserer eigenen Bedeutsamkeit. Das gilt selbst dann, wenn wir Konzepte wie Karma oder das Schattenprinzip einbeziehen wollen.

Es gibt bei jeden Erklärungsmodell einen Punkt, da wirkt das Beharren auf einem einzigen Konzept eher lähmend, als dass es unserem Leben etwas von Wert hinzufügt.

Ich bin überzeugt, dass menschliches Leben zu komplex und vielschichtig ist, um mit einem einzigen Konzept alles erklären zu wollen.

Was mich angeht, so kann ein gutes Konzept einen gewissen Teil unseres Lebens brauchbar abbilden, während es in anderen Bereichen eher ungeeignet ist.

Warum machen wir es uns dann mit unserer typischen Entweder-oder-Mentalität so verdammt schwer?

Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass die Wirklichkeit groß und großartig genug ist, um mit „sowohl als auch“ oder „manchmal so, manchmal so“ viel besser beschrieben zu sein?

Klingt paradox? Stimmt, ist es auch.

C. G. Jung*3 beschreibt es ganz treffend:

„Die Paradoxie gehört sonderbarerweise zum höchsten geistigen Gut; die Eindeutigkeit aber ist ein Zeichen der Schwäche. […] , denn nur das Paradoxe vermag die Fülle des Lebens annähernd zu fassen, die Eindeutigkeit und das Widerspruchslose aber sind einseitig und daher ungeeignet, das Unerfassliche auszudrücken.“

Und ich sehe beim besten Willen keinen Anlass dazu, ihm da zu widersprechen.

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Titel-Photo: pixabay.com
Lizenz: CCO Public Domain
Fotograf: geralt

*Gerald Hüther, „Biologie der Angst“,  Göttingen 2005, 5. Auflage
*Paul Watzlawick, „Anleitung zum Unglücklichsein“,  Piper Verlag GmbH, München 2003, 16. Auflage
*Carl Gustav Jung, „Gesammelte Werke“,  Band 12, §18

11 KOMMENTARE

  1. Danke..
    Ich bin auch der Meinung, dass man sich viel öfter die eigene Vollkommenheit in der Unvollkommenheit bewusst machen sollte! Das anerkennen und schätzen, was ist, wie man ist.
    Und ich glaube nicht, dass du dir mit so einem Beitrag die argumentative Daseinsberechtigung entziehst.. 😉 Im Gegenteil – es macht dich umso „menschlicher“ und glaubwürdiger. Angebote wie deine sind eine Bereicherung für all jene, die auf der Suche sind nach mehr Verständnis für sich selber und ihre Mitmenschen. Da wir leider noch immer kein Unterrichtsfach in den Schulen etabliert haben, das uns dabei unterstützen könnte, mit Gedanken und Emotionen bewusst und liebevoll umzugehen, wird die Nachfrage wohl auch bestehen bleiben – wenn auch eher im Erwachsenenalter, wenn das Leben uns quasi „zwingt“, hinzusehen und etwas zu ändern. 😀

  2. Herzlichen Dank für Deine lieben Worte und die darin enthaltene Anerkennung, liebe Alexa.
    Genau darum geht es mir bei dem Artikel. Um das Anerkennen der eigenen Grenzen um so nicht immer wieder der Selbstüberforderung anheim zu fallen.

    Liebe Grüße,
    Andreas

  3. Lieber Andreas,

    ich danke Dir für diesen wichtigen Artikel. Für mich besteht die größte Aufgabe im Leben darin, alles in uns selbst anzunehmen und es nicht mehr zu bewerten. Das ist die einzige Veränderung, die wirklich Sinn macht. Das Bedürfnis zur Selbstoptimierung deutet dagegen darauf hin, dass noch eine Abwehr gegen das besteht, was sich im eigenen Inneren zeigt. Da ist Leiden vorprogrammiert. Mein Lebensmotto lautet daher, mich allem zu öffnen, was mir in mir begegnet und nichts abzulehnen. Nicht immer einfach aber sehr wirkungsvoll. Für mich ist das die „A***bombe ins Leben“.

    Ein schönes Wochenende und liebe Grüße
    Claudia

  4. Vielen Dank für Deine Gedanken zu dem Artikel und Deine lieben Worte, Claudia.

    Ich wünsche Dir ebenfalls ein schönes Wochenende und freue mich drauf, wieder von Dir zu lesen.

    Herzliche Grüße,
    Andreas

  5. Danke Andreas, deine Gedanken haben mir sehr geholfen.
    Die Ansicht einiger, dass jeder bescheidene Umstand in unserem Leben, seine Ursache hauptsächlich in uns selbst hat, hat mich bereits mürbe gemacht.. Das bereitet ja Ohnmachtsgefühle.
    Deine Meinung ist, mit einem einzigen Konzept können wir nicht alles leben.
    Darüber bin ich froh, das zu lesen.
    Danke, ich mach mich nicht mehr fertig.
    herzliche Grüße von Hanne

  6. Hallo Hanne,

    das freut mich sehr zu lesen. Es ist schön, dass dieser kleine Artikel entlastend auf Dich gewirkt hat. Genau darum ging es mir; Du hast es wunderbar beschreiben…sich nicht mehr so fertig machen. 🙂

    Herzliche Grüße,
    Andreas

  7. Hallo Andreas,

    heute Morgen habe ich mich mit der Begrifflichkeit „Berufung finden“ beschäftigt und damit, wie ohnmächtig man sich fühlen kann, wenn man eine ultimative Antwort darauf sucht. Mich hat das jahrelang vom Tun abgehalten, dabei ist der Weg doch das Ziel. Mein Weg.

    Wie schön, dass ich deinen Artikel gerade jetzt gelesen habe und mich bestätigt fühle in der Vermutung, dass wir keiner Endlösung entgegenstreben müssen. Das nimmt ungemein viel Druck aus den Segeln und macht die Fahrt wesentlich angenehmer.

    Herzlichst
    Cathrin

  8. Hallo Cathrin,

    das freut mich total, zu lesen. Mir ist es früher ganz ähnlich ergangen. Das war einer der Gründe für mich, diesen Artikel zu schreiben. Schön, dass er Dir einen kleinen Impuls gegeben konnte. 🙂

    Liebe Grüße,
    Andreas

  9. das ist wirklich ein einmalig wichtiger, richtiger und gehaltvoller Text. In Extremen zu denken, zu handeln und zu fühlen, führt uns immer wieder in die nächste Falle. Wie auch ich mehrmals feststellen durfte. Mir gefällt das sowohl als auch, manchmal so und manchmal so. Ausserdem wünsche ich mir für mich, immer noch mehr Gelassenheit, das Leben so zu nehmen wie es nun eben mal ist . Mal so, mal so … und zwischendrin ja die Lebensfreude nicht vergessen, die einem allzu oft leider abhanden kommt. Vielen Dank Andreas, für diese wertvollen Gedanken.

    Herzlichst,

    Sabine

  10. Danke, lieber Andreas, für diesen eindeutig entlastenden Blog-Artikel. Vermutlich kommt jeder genau zu dem Zeitpunkt zu den Infos, die er grad braucht, keine Minute früher. Nachdem ich den Selbstoptimierungswahn fast ad absurdum kultiviert habe, bin ich inzwischen auf den Trichter gekommen, dass gar nicht alles perfekt sein muss. Bei mir kam das von einer ständig kritisierenden und arg narzisstischen Mutter, die mich ständig antrieb, im Job mehr als gut zu sein und v.a. mir (und sich selbst) ständig die Frage stellte, warum ich denn immer noch keinen Mann hätte usw. usf. Das alles hat mich derart angetrieben, an mir zu arbeiten, damit ich meine Mutter und auch vermeintlich mich endlich zufriedenstellen kann, dass ich inzwischen tatsächlich völlig weltfremd und von Menschen fast ganz isoliert bin, was natürlich nicht der Sinn von all der „Arbeit“ sein kann. Dennoch sehe ich, dass wir uns in einem noch nie dagewesenen Zeitenwandel befinden, wo jeder zuerst mal bei sich selbst ankommen darf, sich nicht zuletzt aus dieser unsäglichen Beziehungsbedürftigkeit zu befreien vermag, wo der Partner immer noch viel zu oft dazu „verwendet“ wird, die eigenen Defizite auszugleichen, z.B. all die Liebe zu geben, die man als Kind nicht bekommen hat. Von daher ist das mit der Selbstoptimierung schon richtig, aber halt einfach im gesunden Mass, wie Andreas das ja auch im Artikel schreibt. Bin dankbar, diesen Blog-Eintrag gefunden zu haben. Danke Andreas! 🙂

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