Selbstmitgefühl bedeutet, Dich der Angst zu stellen, dass Du nicht alles unter Kontrolle hast (mit Übung)

Selbstfürsorge bedeutet, Dich der Angst davor zu stellen, nicht alles unter Kontrolle zu haben

Selbstmitgefühl kann bedeuten, unserer Angst vor dem Leben direkt ins Gesicht zu schauen. Das ist ein Grund, warum es vielen so schwer fällt, mit Selbstkritik aufzuhören. Selbstkritik betäubt diese Angst nämlich mit der Illusion, wir hätten unser Leben mehr unter Kontrolle, wenn wir nur besser wären. Am Ende des Artikels stelle ich Dir eine Übung vor, mit der Du diese Angst  durch Selbstmitgefühl besser annehmen kannst.

Selbstkritik lullt uns in ein Gefühl der Kontrolle ein

Selbstkritik enthält die implizite Annahme, dass wir es besser könnten. Dass wir uns nur mehr anstrengen oder eine Wunderpille schlucken müssten, dann würden wir das, wofür wir uns kritisieren, endlich (auch) hinbekommen. Andere können es ja schließlich auch.

"Wenn ich doch nur nicht so faul wäre!"

"Wenn ich doch nur mit dem ständigen Naschen aufhören könnte!"

"Wenn ich doch nur in der Schule besser aufgepasst hätte!"

Dann, ja dann wäre heute alles besser. Fakt ist, wir können die Vergangenheit nicht umschreiben. Fakt ist auch, dass wir als Menschen zwar ein riesiges Veränderungspotenzial haben, aber es ist nicht unbegrenzt. Auch wenn das viele marktschreierische Erfolgs-Gurus nicht hören wollen. Und diese Unvollkommenheit der Welt und von uns selbst macht uns Angst. Denn sie kann bedeuten, dass wir leiden. Das haben wir im Laufe unseres Lebens schon unzählige Male erfahren.

Wir leiden, wenn wir nicht das bekommen, was wir wollen. Wir leiden, wenn wir das bekommen, was wir nicht wollen. Wir leiden, wenn wir etwas anstreben und es nicht erreichen. Wir leiden, wenn wir schlechter abschneiden, als wir selbst und andere es von uns erwarten. Wir leiden, wenn andere uns nicht dabei haben wollen, weil wir zu sehr dies und zu wenig jenes sind. Im Laufe unseres Lebens haben wir unzählige Erfahrungen damit gemacht, dass imperfekt zu sein, Leiden bedeutet.

Also strengen wir uns so gut es geht an, um besser zu werden. Nun gut, manchmal tun wir gar nichts, aber wir hassen uns selbst dafür, dass wir nichts tun. Schließlich sollten wir, oder etwa nicht? Ich meine, so fehlerhaft, wie wir jetzt gerade sind, können wir doch unmöglich bleiben?! Das würde ja schließlich noch mehr Leid bedeuten und das können wir wirklich nicht gebrauchen. Also machen wir uns durch unsere Selbstkritik Feuer unterm Arsch, in der Hoffnung, dass Letzterer sich damit endlich mal in Gang setzen würde. Tut er meistens nicht.

Selbstkritik erfüllt damit eine wichtige Funktion. Sie hilft uns, mit einer unser tiefsten Ängste umzugehen. Der Angst vor Kontrollverlust.

Die Wahrheit ist, wir haben nicht alles in unserem Leben unter Kontrolle. Wir haben nicht mal uns selbst vollständig unter Kontrolle. In jedem einzelnen Augenblick gibt es Myriaden von parallelen und in sich verschachtelten Ursache-Wirkungs-Ketten, bei denen sich die Bälle alle gegenseitig anstoßen und dann in unvorhersehbare Richtungen weiterfliegen. Jeden Moment kann etwas passieren, das unser gesamtes Leben auf den Kopf stellen kann und das wir weder direkt verursacht haben, noch hätten kommen sehen können.

Und auch wir sind alles andere als perfekt. Wir machen Fehler. Ständig. Egal, wie sehr wir uns anstrengen.

Aber das wollen wir nicht wahrhaben. Das macht uns Angst. Also kritisieren wir uns selbst. Irgendwann wird unsere Selbstablehnung schon dafür sorgen, dass wir uns mehr anstrengen. Zumindest ist das die unterschwellige Hoffnung dahinter. Und falls nicht, tut es wenigstens nicht mehr so weh, wenn andere uns ablehnen, wenn sie merken, dass wir nicht perfekt sind. Schließlich lehnen wir uns selbst meist viel mehr ab, als es andere je könnten, für unsere kleinen Fehler und Macken.

Das ist genial, oder? Wir lehnen uns selbst ab und verursachen uns damit unsagbares Leid, damit es uns nicht so viel Leid verursacht, wenn andere uns ablehnen. Das musst Du Dir mal auf der Zunge zergehen lassen.

Sinnvoller, als uns in Erlösungsphantasien von einem alternativen besseren Ich zu flüchten, wäre es, unsere Angst liebevoll anzunehmen. Ja, uns selbst liebevoll anzunehmen, mit all unserer Angst über die Unsicherheit, Verletzlichkeit und Endlichkeit des Lebens. Was natürlich all die kleinen und mittelschweren Leiden unseres Alltags mit einschließt.

Übung Selbstmitgefühl: Du bist verletzlich und imperfekt und beides ist zutiefst liebenswert

Hier möchte ich Dir noch eine kleine Übung mit auf den Weg geben, die Du ganz leicht in Deinen Alltag integrieren kannst. Die Übung stammt aus meinem Mini-Kurs zum Umgang mit unseren inneren Kritikern, den Du in ein paar Monaten auf dieser Seite erwerben kannst.

Übung: Die folgende Übung dauert etwa 15 Minuten. Suche Dir dafür am besten einen Ort, an dem Du ungestört bist. Stelle wenn möglich das Telefon und die Klingel aus, damit Du Dich ganz auf Dich selbst konzentrieren kannst.

Setze Dich bequem in einen Stuhl und lehne Dich sanft an die Lehne an, wenn Dir das hilft, die 15 Minuten entspannt zu sitzen. Lege oder lümmele Dich jedoch nicht hin, sonst läufst Du unter Umständen Gefahr, während der Übung einzuschlafen.

Schieße nun die Augen und tritt in Deinen Gedanken vor einen großen Spiegel. In dem Spiegel erblickst Du Dein eigenes Spiegelbild. Sieh nun, wie es im Bereich Deines Rumpfes um die Herzgegend herum ein wenig durchsichtig wird. Je durchsichtiger dieser Bereich wird, desto besser kannst Du darin das kleine verängstige Kind in Dir sehen. Vielleicht sitzt es zusammengekauert auf dem Boden oder hockt in einer Ecke.

Die große Welt mit ihren Gefahren und Unwägbarkeiten macht ihm ganz offensichtlich Angst. Angst, mit der es irgendwie umgehen muss, um weitermachen zu können. Vielleicht hat es schon alles mögliche ausprobiert. Möglicherweise hat es versucht, so zu tun, als habe es vor gar nichts Angst und sich extra draufgängerisch und Leichtsinnig verhalten, nur um sich selbst und anderen zu beweisen, dass da nichts ist, was ihm Angst machen könnte.

Vielleicht hat es sich aber auch versucht, von allem Ängstigenden in der Welt fernzuhalten und möglichst kein Risiko einzugehen. Das Risiko, anderen nicht zu gefallen und von diesen ausgestoßen oder ausgelacht zu werden, zum Beispiel. Dann hat es möglicherweise versucht, es allen anderen recht zu machen und herauszufinden, wie es sein muss, damit es von diesen anderen akzeptiert wird.

Schau genau hin. Wie geht es diesem verängstigten inneren Kind? Nimm Dir dafür so viel Zeit, wie Du möchtest. Spüre dann in Dich hinein, welche Gefühle in Dir selbst zu diesem verängstigen Kind aufsteigen. Möchtest Du es beschimpfen, ihm Mut machen, für es da sein oder es in Deiner Liebe und Deinem Mitgefühl baden?

Frage Dich, was dieses Kind wohl am meisten braucht. Angenommen, Du wärst dieses Kind, was würdest Du brauchen, um mit der Angst über die Unsicherheiten des Lebens besser zurecht zu kommen? Würde es helfen, wenn da jemand an Deiner Seite wäre, der Dein Leid kennt und der Deinen Weg mit Dir gemeinsam geht?

Sprich für den Moment noch nicht direkt mit diesem verängstigen Kind in Dir, beobachte nur und spüre in Dich hinein.

Lege dann beide Hände auf Dein Herzzentrum und spüre die Wärme unter Deinen Händen. Sieh, wie Deine Hände im Spiegelbild das verängstige Kind in Dir liebevoll umarmen und es umgeben, sodass es sich wie in einen behütenden Kokon eingehüllt erlebt. Erlebe, was dieses Gefühl mit dem verängstigen Kind macht. Entspannt es sich?

Dann spüre in Dich hinein, was es mit Dir macht, zu sehen, dass sich Dein verängstigtes inneres Kind in Deiner liebevollen und schützenden Umarmung innerlich entspannt. Spürst Du, wie die fürsorgliche Wärme in Deinem Herzen sich in Deinem ganzen Körper ausbreiten möchte? Wenn dem so ist, lass sie dorthin fließen, wo Du sie gerade am meisten brauchst.

Bade in diesem Gefühl, so lange Du möchtest. Eine Minute, fünf Minuten, eine halbe Stunde. Wenn Du spürst, dass es für den Moment genug ist, komme langsam wieder mit Deiner Aufmerksamkeit in den Raum zurück, verändere ein paar Winkel an Deinen Gelenken und nimm ein paar tiefe Atemzüge. Mach Dir bewusst, dass Du jederzeit an diesen "Ort" in Deinem inneren zurückkehren und die Beziehung zu Deinem verängstigen inneren Kind vertiefen kannst.

Print Friendly, PDF & Email