Selbstliebe und Narzissmus: Die Unterschiede

Selbstliebe und Narzissmus: Die Unterschiede

Selbstliebe und Narzissmus - kaum etwas wird so häufig miteinander verwechselt und weniges könnte weiter auseinander liegen. Dieser Artikel hilft Dir, mehr Klarheit über die Unterschiede zwischen Selbstliebe und Narzissmus zu gewinnen.

Der Begriff "Narzissmus"

Beginnen wir am Anfang. Der Begriff "Narzissmus" wurde hauptsächlich vom Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud geprägt. Freud hatte dazu Anleihen beim römischen Dichter Ovid (ca. 43v Chr.) genommen, der in seinen "Metamorphosen" die Geschichte des Jünglings Narziss erzählt, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte und daran letztendlich zugrunde ging.

Heute wird der Begriff umgangssprachlich für  Menschen verwendet, die sich selbst wichtiger nehmen, als ihre Mitmenschen. Dabei wird das Wort Narzissmus heute leider auch ziemlich inflationär gebraucht und Mitmenschen schnell mit der Narzissmus-Keule geprügelt, wenn sie einfach nur den Erwartungen der anderen nicht entsprechen wollen. Hier sollten meiner Meinung nach vor allem Fachleute und jene, die sich für Fachleute halten, in ihren Veröffentlichungen etwas mehr Verantwortungsgefühl zeigen.

Wenn es nicht mehr möglich ist, dem eigenen Willen zu folgen anstatt sich dem der anderen unterzuordnen, ohne gleich mit dem Narzissten-Bann belegt zu werden, läuft einiges schief. Wir sollten genau differenzieren, auch wenn Narzissmus-Beiträge gerade weggehen, wie warme Semmeln.

Abzugrenzen ist der alltagspsychologische Begriff des Narzissmus auch noch vom psychopathologischen Befund "narzisstische Persönlichkeitsstörung", wie er im ICD 10 (Kapitel F 60.8) zu finden ist. Die ICD 10 ist der aktuell geltende psychiatrische Diagnoseschlüssel in Deutschland.

Darüber hinaus gehört ein natürlicher Narzissmus zur ganz normalen menschlichen Entwicklung und hat nichts mit pathologischem Narzissmus zu tun. Im charakterpsychologischen Sinne hat Freud* mit dem Begriff des Narzissmus eine Fehlentwicklung beschrieben, die sich seiner Theorie nach darin äußert, dass die Libido auf das eigene Selbst anstatt auf ein "Objekt" (eine andere Person) gerichtet wird. Das führt zu übertriebener Selbstverliebtheit (nicht Selbstliebe), womit wiederum ein geringes und brüchiges Selbstwertgefühl durch Überhöhung der eigenen Wichtigkeit und ein starkes Bedürfnis nach Bewunderung kompensiert wird.

Kommen wir aber erstmal zurück zum Mythos vom Jüngling Narziss.

Der Mythos vom Jüngling Narziss

In Ovids Mythos ist Narziss ein Jüngling, der alle seine Verehrerinnen und Verehrer zurückweist und damit logischerweise auch kränkt. Nachdem er einen Verehrer namens Ameinias auch nicht will, bringt dieser sich daraufhin selbst um und bittet die Götter, seinen Tod zu rächen. Das wiederum erweckt das Mitleid der Göttin Nemesis, die daraufhin Narziss (manchmal auch Narzissimus) mit unstillbarer Selbstliebe schlägt.

Kurz darauf kommt Narziss an einer Quelle vorbei, in der er sein eigenes Spiegelbild erblickt und sich so unsterblich darein verliebt, dass er die Quelle nicht mehr verlässt. Er durchschaut zwar schließlich die Täuschung, doch ist er trotzdem nicht in der Lage, sich von seinem Spiegelbild abzuwenden. Schließlich stirbt er an der Quelle und verwandelt sich dem Mythos nach in eine Narzisse.

Legende: Ende!

Eigenschaften von Narzissten

Damit es Dir leichter fällt, echten Narzissmus von gewöhnlicher Eitelkeit und normalem Egoismus zu unterscheiden, möchte ich Dir hier ein paar klassische Merkmale vorstellen, die typisch für den Charakterzug Narzissmus sind. Wichtig ist dabei, dass diese Charakterzüge sozusagen chronisch auftreten, denn das eine oder andere davon leisten wir uns alle mal von Zeit zu Zeit. Bei echten Narzissten ist es jedoch ihre Art, "in der Welt zu sein" und mit dieser umzugehen.

1. Narzissten empfinden die Welt als natürliche Verlängerung ihrer selbst

Narzissten erleben ihre Mitmenschen als Teil von sich selbst. Was da vielleicht auf den ersten Blick nach einem "spirituelles Verbundenheitsgefühl mit allem was ist" klingt, stellt sich in der Praxis dann doch etwas weniger positiv dar. Weil ein Narzisst Dich als natürliche Erweiterung seines eigenen Ichs empfinden kann, reagiert er mitunter ziemlich ungehalten, wenn Du nicht seinem Willen entsprichst.

Das musst Du Dir ungefähr so vorstellen: Angenommen, Du würdest Dich mit Deinem recht Arm an Deinem eigenen Hintern kratzen wollen, doch Dein Arm bewegt sich nicht. Wie wären Deine Gefühle? Wäre da nicht ein Mix aus Empörung, Verwunderung, Angst, Wut, Fassungslosigkeit, Frust, usw.? Das entspricht ungefähr den Gefühlen eines Narzissten, wenn seine Umwelt sich nicht unter das Diktat seines Willens stellt oder sich weigert, ihn  angemessen in seiner selbst empfundenen Großartigkeit zu bewundern.

Deshalb sind Sätze wie die Folgenden aus dem Munde eines Narzissten zwar in ihrer Wirkung manipulativ, sie entsprechen jedoch auch völlig stimmig seiner eigenen Denkweise und sind damit nicht lediglich vorgespielt, um ein Ziel zu erreichen, wie es häufig unterstellt wird. Doch natürlich können Narzissten davon ab auch sehr manipulativ sein, um zu bekommen, was sie wollen.

  • "Wieso gefällt Dir der Film nicht? Ich liebe ihn."
  • "Diese Hose kannst Du unmöglich gut finden. Ich finde sie nämlich scheußlich."
  • "Natürlich bist Du schlecht in Mathe. Ich kann ja auch nicht gut rechnen." (zum eigenen Partner oder Kind)
  • "Ich habe Dein Treffen mit diesem Oliver abgesagt. Du kannst unmöglich mit solchen Freunden verkehren wollen."
  • "Das kann doch nicht Deine wahre Meinung zu dem Thema sein. Ich denke da ganz anders drüber."

Wenn Du solche und ähnliche Sätze nochmal unter dem Blickwinkel betrachtest, dass Dich ein Narzisst als verlängerten Teil von sich selbst erlebt, verstehst Du auch, dass die Fassungslosigkeit über Dein Abweichen von der vorgegebenen Linie häufig tatsächlicher Empörung entspricht und nicht nur Mittel zum Zweck ist, um Dich zum Einlenken zu bewegen.

Echte Narzissten haben darüber hinaus kein Gespür dafür, wo sie selbst aufhören und wo ihre Mitmenschen anfangen. So kommt es immer wieder zu Grenzüberschreitungen, da sie andere Menschen nicht in ihrer Einmaligkeit als eigenständige Individuen außerhalb von sich selbst erkennen können. Manche Narzissten gehen sogar so weit, diese Verlängerung des eigenen Ichs über die Mitmenschen hinaus auf die ganze Welt auszudehnen. "Wie kann es heute regnen? Ich habe doch Geburtstag!"

2. Narzissten beschäftigen sich übermäßig mit ihrem eigenen Körper

Narzissten sind häufig sehr gepflegte und durchtrainierte Menschen. Doch bitte halte jetzt nicht jeden Menschen mit ausgeprägtem Körperbewusstsein gleich für einen Narzissten. Auch hier gilt der Umkehrschluss natürlich nicht.

Diese übermäßige Beschäftigung mit dem eigenen Körper kann bei Narzissten manchmal fast zwanghafte Züge annehmen und sich auch über den eigenen Körper hinaus auf weitere Bereiche ausdehnen, wie beispielsweise die Karriere oder die Wahl und Pflege des eigenen Autos, das natürlich einiges hermachen sollte.

Dabei gibt es inhaltlich im Wesentlichen zwei Arten, auf die sich narzisstisch veranlagte Menschen für ihren Körper interessieren. Die eine gilt seinem Aussehen und Funktionieren. Gesunde Ernährung, Kosmetik, Wellness- und Beautybehandlungen, Fitnessstudio, Solarium, Mode, usw. Der eigene Körper ist dabei ein probates Mittel, um die Bewunderung zu erhalten, die ein Narzisst so dringend braucht, um sein überhöhtes Selbstbild aufrecht zu erhalten.

Die andere Weise ist die übertriebene Sorge über alles, was der Körper so macht. Das kann in vielen Fällen hypochondrische Züge annehmen, bei denen die Betroffenen sprichwörtlich bei jedem etwas anders als gewöhnlich riechenden Furz zum Arzt rennen.

3. Narzissten nutzen Sex, obwohl sie sich meist nicht viel daraus machen

Seien wir ehrlich - äußerlich betrachtet können viele Narzissten ziemlich sexy sein. Sie geben sich oft bewusst verführerisch und da sie wie bereits beschrieben meist stark auf ihr Äußeres achten, sind sie teilweise verflucht heiß. Noch dazu kommt, dass ihr Narzissmus anfangs häufig lediglich als ein ziemlich gesundes Selbstvertrauen fehlinterpretiert wird und damit ebenfalls anziehend wirken kann. Zumindest, wenn man die Zeichen missdeutet und die Frühwarnsymptome nicht erkennt. Böse Falle!

Spannend ist dabei, dass Narzissten sexuelle Anziehung und Sex zwar häufig in instrumentalisierter Form einsetzen, sich selbst jedoch häufig nicht viel daraus machen. Er ist für sie Mittel zum Zweck. Sie nutzen ihn beispielsweise, um für ihre tolle Performance bewundert zu werden oder sich selbst in ihrer Wirkung auf ihren Sexualpartner zu erleben. Dabei besteht ihr Lustgewinn eher darin, wie der Partner auf sie reagiert. Denn eine außergewöhnlich positive Reaktion des Partners lässt sich ausgesprochen gut in die Story von der eigenen Großartigkeit einbauen.

Damit keine Missverständnisse aufkommen; natürlich macht die Freude an der Lust des Partners auch und gerade im "Normalfall" einen erheblichen Teil der eigenen Lust am Sex aus. Das sollte auch so sein, sonst wäre Sex eine ziemlich egozentrische Sache, bei der der andere lediglich auf eine Statistenrolle reduziert wird. Der Unterschied ist hier jedoch, dass im Normalfall die eigene Freude an der Lust de Partners im Geben begründet ist, während es einem Narzissten lediglich darauf ankommt, sich selbst zu bestätigen und zu bewundern.

Als Metapher ausgedrückt: Während ein nicht narzisstisch veranlagter Liebhaber den Spiegel so drehen würde, dass er seinen Partner oder seine Partnerin sieht, würde es einen Narzissten am meisten antörnen, wenn er oder sie sich selbst dabei beobachten und in Szene setzen kann.

4. Narzissten bekommen Stress, wenn andere etwas von ihnen wollen

Das ergibt sich als logische Folge daraus, dass Narzissten die Welt als natürliche Erweiterung ihres eigenen Ichs sehen. Da für sie die Welt so aufgebaut sein sollte, dass sie der Erfüllung ihrer Bedürfnisse dient, ist es für sie ein regelrechtes Paradoxon, wenn andere Ansprüche an sie stellen.

Der Narzisst hat dabei meistens das Gefühl, bereits alles gegeben zu haben. Immer und zu jeder Zeit. In seiner Wahrnehmung sind auch die kleinsten Zugeständnisse seinerseits ein Akt der Gnade und Barmherzigkeit und verdienen äußerte Dankbarkeit und Lobpreisung auf der Gegenseite. Deshalb empfinden Narzissten ihre Mitmenschen auch häufig als ungerecht und undankbar. Ihnen fehlt der Sinn für soziale Reziprozität, also den Ausgleich von Geben und Nehmen in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Etwas salopp formuliert: Wenn Du einem nicht narzisstischen Menschen ein Geschenk machst, dann empfindet dieser automatisch das Bedürfnis, Dir bei nächster Gelegenheit ebenfalls eine vergleichbare Freude zu machen. Wenn Du einem Narzissten ein Geschenk machst, empfindet er dies als angemessene Huldigung seiner selbst, ohne den Wunsch zu entwickeln, auszugleichen.

5. Narzissten können sich nur schwer in andere einfühlen

Typisch für Narzissten ist auch ihr mangelndes Einfühlungsvermögen in die Bedürfnisse, Nöte und Sorgen anderer. Sie sind deutlich weniger empathisch, als ihre Mitmenschen. Zum einen, weil sie die Fähigkeit nie wirklich ausgebildet haben. Zum anderen häufig auch, weil ihnen jegliches echte Interesse an ihren Mitmenschen fehlt, sofern ihnen diese nicht oder nicht mehr nützlich zur Erreichung ihrer eigenen Ziele sind.

Das macht es für Narzissten schwer, echte Beziehungen zu anderen Menschen über einen längeren Zeitraum aufrecht zu erhalten. Und das macht es natürlich für andere Menschen ebenso schwer, eine echte dauerhafte Beziehung zu einem Narzissten zu pflegen.

Unter dem Mangel an tragfähigen Beziehungen in ihrem Leben leiden oft sogar die Narzissten selbst, doch schreiben sie die Ursache dafür in ihrer gewohnten Denkart eher den anderen Menschen oder dem ungerechten Schicksal zu, als bei sich selbst auf Ursachensuche zu gehen.

6. Narzissten verbiegen die Wahrheit und merken es oft nicht mal

Narzissten sind in ihrem Umfeld häufig als große und großartige Lügner bekannt. Sie schaffen es regelmäßig, die Wahrheit so umzuinterpretieren, dass sie nahtlos in ihr eigenes Schema passt. Dasselbe gilt auch für Erinnerungen, die sie - oft ohne es selbst zu bemerken - so verändern können, dass sie wieder in ihr Weltbild passen oder sich mit ihren Zielen decken.

Dieses Verdrehen der Wahrheit und auch der eigenen Wahrnehmung geschieht hauptsächlich über Wahrnehmungsfilter sowie über Bedeutungsgebungsprozesse nach dem Schema der "komplexen Äquivalenzen".

Selbstliebe ist kein Narzissmus

Selbstliebe ist all das nicht. Im Gegensatz zum Narzissten überhöht sich ein Mensch mit gesunder Selbstliebe nicht künstlich. Er empfindet sich nicht als den Mittelpunkt der Welt sondern als einen wertvollen Teil davon. In seinem Denken ist er nicht wertvoller als andere, sondern genauso wertvoll wie alle anderen auch.

Selbstliebe bedeutet nicht, unsere eigenen Interessen auf Kosten anderer durchzusetzen, sondern uns selbst ebenfalls unter den Reigen derjenigen einzureihen, die wir lieben. Wer sich selbst liebt, braucht andere nicht so sehr, um ihm zu bestätigen, dass er liebenswert ist (obwohl es natürlich auch nicht schadet). Deshalb hat er es auch nicht nötig, von anderen permanent bewundert zu werden und kann darauf verzichten, seine Umwelt zu manipulieren, um diesem ignoranten Haufen beizubringen, wie man ihren König bzw. ihre Königin angemessen anbetet.

Wer sich selbst liebt, hat in jedem Moment ein gutes Gespür dafür, was er selbst UND der andere gerade brauchen und bezieht BEIDES in sein Handeln mit ein. Passt sein Umfeld nicht zu ihm oder tut es ihm nicht gut, so kann er einfach gehen und sich ein Umfeld suchen, in dem er mehr er selbst sein kann.

In einfachen Worten: Während der Narzisst versuchen muss, auf dem Gipfel seiner Welt zu stehen, freut sich ein Mensch mit gesunder Selbstliebe, ein liebenswerter Mensch unter liebenswerten Menschen zu sein.

*Eli Zaretzky: Freuds Jahrhundert. Die Geschichte der Psychoanalyse. dtv, München 2009, Kap. 12: Die sechziger Jahre, Postfordismus und die Kultur des Narzißmus. S. 436–471.