Selbstliebe macht egoistisch und rücksichtslos! Wirklich?

Selbstliebe macht egoistisch! Wirklich?

Selbstliebe ist doch so ziemlich das Egoistischste, was wir tun können, oder nicht? Ich meine, sollten wir uns nicht alle für unsere Mitmenschen aufopfern und in (christlicher?) Nächstenliebe ergehen, bis wir den Märtyrertod der Selbstaufopferung sterben?

Wenn Du das auch glaubst, sind Dir da ein paar Dinge durcheinander geraten. Lass mich Dir helfen, die Zusammenhänge durch diesen Artikel etwas klarer zu sehen.

Selbstliebe schließt Nächstenliebe nicht aus, sie fördert sie

Irgendwie haben wir Menschen die Angewohnheit, in Entweder-Oder-Kategorien zu denken. Entweder ich liebe mich selbst oder ich liebe meine Mitmenschen. Entweder ich kümmere mich um meine Bedürfnisse oder ich mache es allen anderen recht. Entweder ich verliere mich in meiner Partnerschaft oder ich mache darin nur mein Ding. Anders ist es für die meisten von uns kaum vorstellbar.

Aber so funktioniert unser Leben nicht. Es ist nicht digital und besteht tatsächlich nur zu einem ziemlich kleinen Teil aus echten Entweder-Oder-Beziehungen. Das meiste in unserem Leben ist analog. Es hat unzählige Abstufungen oder Schattierungen zwischen den Extremen. Und zwar so viele, dass es dagegen die "50 Shades of Grey" alt aussehen lässt. Die Wirklichkeit setzt sich eher aus "Billions of Shades of every existing color" zusammen.

Warum sollte es uns auch unfähig machen, andere zu lieben, wenn wir anfangen, uns selbst mehr zu lieben? Wir haben diese begrenzten und begrenzenden Vorstellungen im Kopf. Beispielsweise, dass jemand, der sich selbst liebt, nur noch um seine eigenen Belange kreist. Doch tatsächlich ist meist das Gegenteil der Fall.

Jemand, der sich nicht selbst liebt, läuft mit so einem ausgeprägten Mangel in der eigenen Seele herum, dass er - ob er will oder nicht - mehr von seinen Mitmenschen braucht, als jemand, der sich selbst liebt.

Weil es so wichtig ist, lass mich das nochmal wiederholen:

Wer sich selbst nicht liebt, braucht mehr von anderen, als derjenige, der sich liebt.

Wow! Diejenigen, die einen destruktiven inneren Kritiker zu ihrem inneren Team zählen, hören ihn jetzt wahrscheinlich schon wieder Tiraden der Vorwürfe und Schuldzuweisungen vom Stapel lassen: "Ich habe ja immer gesagt, Du bist ein Nichts und siehst Du, jetzt fällst Du damit auch noch anderen zur Last!"

Wenn das bei Dir auch so ist, ignoriere es für einen Moment so gut es geht. Der Punkt ist hier sicher nicht, denjenigen, die Schwierigkeiten mit der Selbstliebe haben, zusätzliche Schuldgefühle einzureden. Ich möchte, dass Dir hier ein weiterer Zusammenhang klar wird:

Deine Selbstliebe zu fördern versetzt Dich in die Lage, mehr für andere da zu sein.

Warum ist das so? Je mehr wir mit uns selbst im Reinen sind und je tiefer, liebevoller und tragfähiger unsere Beziehung zu uns selbst ist, desto mehr leben wir aus unserer inneren Fülle heraus. Da wir weniger von anderen brauchen, um erfüllt zu sein, haben wir viel mehr Kapazitäten frei, um uns um die Sorgen und Nöte anderer zu kümmern, denn wir sind ja schon erfüllt.

Daraus entsteht natürlich nicht die Verpflichtung, Dich um andere zu kümmern, wenn Du das nicht möchtest. Was auch immer "kümmern" im Einzelfall dann heißen mag. Und erst recht nicht um Menschen, um die Du Dich nicht kümmern möchtest. Niemand zwingt Dich.

Aber: es gibt da noch einen Zusammenhang, den Du kennen solltest und der erklärt, warum viele Menschen mit einem hohen Maß an Selbstliebe so viel Zeit darauf verwenden, andere in jedweder Form aktiv zu lieben. Was übrigens in den meisten Fällen bedeutet, deren Leid zu mindern.

Wir strahlen aus, was wir in uns haben.

Stell Dir vor, Du hast ein leeres Glas und gießt kochendes Wasser rein. Nach kurzer Zeit ist das Glas ebenfalls kochend heiß. Die Hitze des Inhalts überträgt sich auf das Gefäß und strahlt darüber hinaus an die Umwelt ab. Funktioniert mit kaltem Wasser übrigens genauso.

Jetzt verrate ich Dir ein Geheimnis, das eigentlich keines ist. Wir sind das Gefäß. Du und ich. Wir alle. Liebe ist eine mögliche Form des Inhalts, dieses Gefäßes, das wir sind. Wenn wir randvoll mit (Selbst)Liebe angefüllt sind, so geben wir diese an unsere Umwelt weiter und zwar automatisch. Sind wir dagegen randvoll mit negativen Gefühlen, geben wir natürlich auch diese automatisch weiter.

Da wir weniger bedürftig sind, wenn unsere Selbstliebe stark ist, kreisen wir auch weniger um uns selbst (und nicht mehr, wie viele denken!), denn das permanente Kreisen um uns selbst hat psychologisch gesehen immer die Funktion, einen empfundenen Mangel in irgendeinem Bereich auszugleichen. Je mehr wir uns selbst lieben, desto weniger Mangel ist da in uns, desto mehr Kapazitäten haben wir für andere und anderes außerhalb unserer Selbst frei, während gleichzeitig der Wunsch wächst, das Gute, das wir in uns tragen, weiterzugeben, damit auch andere davon profitieren.

Und falls Du jetzt befürchtest, dass weniger für Dich bleibt, wenn Du Dich dann wieder mehr um andere kümmerst, kann ich Dich beruhigen. Wahre Selbstliebe lässt nicht zu, dass Du an Deine Substanz gehst und Dich für andere aufopferst. Dein Geben wird im Fluss sein, sodass Dir immer mindestens so viel zufließt, wie Du gibst. In den meisten Fällen sogar mehr, denn die Quellen, aus denen Du empfangen kannst, mehren sich mit dem wachsenden Grad Deiner Selbstliebe.

Es ist wie mit der Flamme, die nicht weniger wird sondern mehr, wenn wir sie nutzen, um damit eine weitere Kerze anzuzünden. Und noch eine. Und noch eine...

Wer sich wirklich selbst liebt, der beachtet im Umgang mit anderen lediglich einen Grundsatz, den jeder Ersthelfer kennt: Eigensicherung zuerst, dann angemessene Hilfeleistung.

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