Dein Leben lässt Dir nicht genug Raum, um Du selbst zu sein? Dann lass es sein!

Dein Leben lässt Dir nicht genug Raum um Du zu sein

„Ich habe das Gefühl, in meinem Leben überhaupt nicht stattzufinden“, hat es eine Klientin mal auf den Punkt gebracht. „Immer geht es nur darum, was andere von mir wollen. Die Tage verstreichen einfach so. Am Abend sitze ich da und denke mir: >>Wieder ein Tag weniger. Wann fängt mein Leben endlich an?<<“

So wie meiner Klientin geht es vielen von uns. Zu vielen. Wir führen Leben, die nicht zu uns zu passen scheinen. In denen wir nicht vorkommen. Erledigungsroboter in einer Welt, die sinnleere Aufgaben von uns verlangt. Degradiert zu einem Zahnrad in einem gigantischen außer Kontrolle geratenen anonymen Getriebe, das sich mit rasender Geschwindigkeit nur noch um sich selbst dreht. Macht es einen Unterschied, überhaupt gelebt zu haben?

Die Arbeitswelt will uns nicht als Mensch. Sie will die Maschine. Und überhaupt haben wir nur deshalb noch unseren Job, weil bisher kein Gerät oder keine Software erfunden wurde, die ihn schneller, besser und vor allem kosteneffizienter erledigen kann. Und die keine unbequemen Fragen stellt wie „Wo ist eigentlich der Sinn hinter all dem hektischen Gewusel?“

Und während alles seinem gewohnten Trott folgt, wie graue Menschen, die mit grauen Autos zu grauen Gebäuden fahren, um einem grauen Job nachzugehen und das Wochenende herbeisehnen, in dem Versuch, dann mit ein paar Farbspritzern das graue Meer freundlich anzustreichen, bevor am nächsten Montag die nächste graue Welle über sie hereinbricht, läuft unsere Zeit unwiederbringlich ab. Jeder Tag mehr bedeutet einen Tag weniger.

So ungefähr fühlt es sich an, wenn wir uns in einem Leben gefangen fühlen, das ganz offensichtlich nicht zu uns passt und das uns zu wenig Raum lässt, um wir selbst zu sein und unser Eigenes in die Welt zu bringen. ‚In unserem Leben stattzufinden‘, wie es meine Klientin ausdrückte.

Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage

Und das nicht nur in Shakespeares Hamlet. Es ist eine generelle Grundfrage des Lebens. Habe ich genug Raum um ich selbst zu sein? Raum ist hier natürlich eine psychogeographische Metapher. Es meint so viel wie „Schaffe ich es, genug von meinen Werten und dem, was mir wichtig ist, in meinem Leben und meiner aktuellen Lebenssituation zu verwirklichen?“ Genug, damit es mich da sein; in der Situation vorkommen, stattfinden, präsent sein lässt.

Das Leben konfrontiert uns immer wieder mit Situationen, die uns nicht sein lassen. Zumindest nicht so, wie wir es ursprünglich beabsichtigt hatten oder gerne hätten. Der Alltag fordert Dinge von uns, die uns nicht gefallen und die wir nicht tun wollen. Uns werden Dinge verweigert, die wir gerne in unserem Leben hätten. Wir möchten jemanden erreichen, aber er ist nicht da. Vielleicht nicht erreichbar, vielleicht überhaupt nicht mehr da. Wir würden gerne mehr Freizeit haben, um den Dingen nachzugehen, die uns wirklich wichtig sind, aber unser Job und Leben lässt uns nicht genügend Freiraum dazu. Schließlich müssen wir Rechnungen zahlen. Miete, Telefon, Strom. Leben kostet und nicht mal der Tod ist umsonst.

Wann immer das Leben uns mit solchen Begrenzungen konfrontiert, rücken die Wände etwas näher und die kleine Nische, in der wir leben, wird enger, der Raum kleiner, die Möglichkeiten weniger. Wir kippen von der Möglichkeiten-Seite auf die Begrenzungsseite – vom Können ins Nicht-Können. Der normale Impuls ist dann, die Wände wieder weiter von uns weg zu schieben und die Umstände zu verändern. Den Arbeitsplatz zu wechseln, die Stadt zu verlassen, am besten den Planeten. In manchen Fällen ist das die beste Möglichkeit, doch leider klappt das im Alltag selten so einfach. Nicht immer ist gleich ein passender anderer Job in Aussicht; oder Planet.

Dann bleibt uns nur, unsere Nische so auszugestalten, dass wir darin fürs erste ausreichend sinnvoll und „gut genug“ leben können. Das bedeutet nicht immer, dass die Situation dann auch langfristig so bleiben muss. Es spricht nichts dagegen, später einen besseren Job anzunehmen, wenn sich einer abzeichnet. Aber solange wir diesen nicht haben, müssen wir den Raum ausgestalten, an dem wir jetzt sind und unsere Nische besetzen, ja – unseren Raum notfalls erobern. Das geht nur auf der Ebene der Haltung und Einstellung zum Leben, wie es sich gerade zeigt. Denn es beginnt immer dort, wo wir gerade stehen und nirgends anders.

Es ist genug Raum für das Belastende und mich

Oft hilft die Erkenntnis, dass wir aushalten können, was gerade in unserem Leben ist. Einen Tag nach dem anderen. Auch wenn es schwer ist, lässt es uns dennoch genug Raum, um mit ihm gemeinsam da zu sein. Es kann im Raum sein, genauso wie wir. Es lässt uns sein und wir können es sein lassen – für den Moment. In diesem aushalten können liegt ein annehmen können. Indem wir erkennen, dass das Belastende in unserem Leben und wir selbst beide gleichzeitig da sind und auch wenn es schwer ist, wir es trotzdem aushalten können, fällt es uns leichter, es anzunehmen. So, wie es gerade ist. Das schafft Raum.

Natürlich wünschen wir uns weiterhin, es wäre nicht da. Doch das ist kein Widerspruch. Wir können uns wünschen, etwas möge anders werden und dennoch die Erfahrung machen, dass wir es aushalten und mit ihm da sein können, auch wenn es schwer ist. So können wir nicht nur das Belastende besser annehmen, sondern auch uns selbst in unserer Reaktion darauf. Wir erkennen: es wird uns nicht umbringen, es bleibt genug Raum für uns zum Atmen, zum da sein übrig. Von diesem Raum aus starten wir, hier ist jetzt, dort beginnt alles.

Diese Erkenntnis bringt uns in Kontakt mit einer unserer größten und auf den ersten Blick paradoxen Fähigkeiten, wenn es darum geht, unseren Raum zu behaupten und in Besitz zu nehmen. Wenn wir vorher das Gefühl hatten, wir könnten hier nicht sein, erkennen wir nun, dass wir es doch können, denn schließlich tun wir es schon die ganze Zeit. Unser Können ist hier ein Lassen. Die Bedingungen erst einmal sein zu lassen, sie mit uns sein zu lassen und unsere Hand von der Gurgel der Umstände zu lassen.

Unsere erste und wichtigste Fähigkeit innerhalb der äußeren Begrenzungen ist also das Lassen-Können, in dem Wissen, wir können es aushalten, können mit dem, was sich zeigt, gleichzeitig im Raum sein. In dieser Haltung kommen wir plötzlich vor. Wir versuchen nicht mehr nur, davor wegzulaufen oder uns zu betäuben. Wir antworten der Situation, indem wir uns ihr entgegenstellen und unseren Raum behaupten. Das ist der erste Schritt, um selbst wieder „in unserem Leben stattzufinden“.

Die Fähigkeit des Lassen-Könnens

Unseren Raum zu behaupten, indem wir ihn für uns beanspruchen in der Erkenntnis, dass wir auch hier sein können, ist viel. Sehr viel. Es ist die letzte Möglichkeit, die einem in einer Situation bleibt und gleichzeitig der bestmögliche Startpunkt, um unser Leben in Besitz zu nehmen. Von dem Ort aus, an den uns das Leben gestellt hat. Vielleicht nicht ohne Grund. Der große Viktor Frankl sprach in diesem Zusammenhang gern von „der Trotzmacht des Geistes“. Ich liebe Trotz. Es ist ein wunderbares Gefühl. Zutiefst in uns verwurzelt und machtvoll. Wer Kinder hat, kann ein Lied davon singen. Da machste nix.

In diesem Trotz steckt unser Lebenswille. Das ist groß. Wir erkennen, dass etwas unser „So-Sein-Können“ gefährdet und dass wir uns ihm entgegenstellen müssen, wenn wir „Da sein“ wollen. Wir müssen unseren Raum innerhalb des Raums behaupten und stellen fest, dass genug Raum für das Belastende und uns bleibt, sodass wir beide sein können. Wir können das andere (oder den anderen) lassen und uns selbst lassen, wie wir sind. An keinem Punkt davon, müssen wir gut finden, was ist. Wir erkennen nur, wir können gleichzeitig da sein. Wir erleben, dass wir die Kraft besitzen, dem, was ist, etwas entgegenzusetzen.

Die Erkenntnis, dass wir unseren Raum halten können erleichtert es uns, die Situation und uns selbst darin annehmen zu können. Auch hier ist es vollkommen in Ordnung, sich weiterhin zu wünschen, sie wäre anders. Aber wir können sie annehmen, weil wir wissen, sie lässt uns genug Raum, um auch da zu sein. Wir nehmen „es“ als Teil unseres Lebens an und in uns hinein. Es wird Teil von uns selbst, zusammen mit unserer Antwort darauf. Damit ist es nicht mehr von uns abgespalten, nicht mehr außen und bedrohlich – es ist ein Stück mehr integriert, sodass wir es nutzen und etwas daraus machen können. Indem wir etwas daraus machen, was auch immer es sein wird, vergrößert sich noch unser Eigenes, machen wir uns selbst in der Situation präsent und „finden statt“.

Wo auch immer Du gerade stehst in Deinem Leben – hier ist ein guter Ausgangspunkt, um Du selbst zu sein.

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Titel-Photo: pixabay.com
Lizenz: CCO Public Domain
Fotograf: dreamypixel

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Weiterführende Literatur:
*Alfried Längle: Existentielles Coaching: Theoretische Orientierung, Grundlagen und Praxis für Coaching, Organisationsberatung und Supervision, Facultas Verlag, 2014
*Viktor Frankl: Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn: Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk, Piper Taschenbuch Verlag, 1985
*Alfried Längle: Sinnvoll leben: Eine praktische Anleitung der Logotherapie, Residenz Verlag, 2011

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