Regression: Wenn das innere Kind auf die Bühne springt

Regression - Wenn das innere Kind auf die Bühne springt

Auch schon mal einen Erwachsenen gesehen, der sich wie ein kleines Kind benimmt? Oder Dich selbst dabei beobachtet?

  • Mit der Büro-Uschi rumalbern
  • dem nervigen Kollegen ein Flatulenzkissen unter seinen Bürostuhlbezug mogeln
  • zum Chef „selber blöd!“ sagen

Is‘ klar. Aber das meine ich nicht. Sondern das ungewollte Zurückfallen auf kindliches Verhalten, wenn wir unter akuten Stress geraten.

Nennt der Psycho-Onkel vornehm Regression und bezeichnet damit ein Zurückgreifen auf eine frühere Entwicklungsstufe unserer Persönlichkeit.

Unser Stresspegel ist dann so hoch, dass der Zugang zu unserem Erwachsenen-Selbst blockiert ist. Wir sind abgeschnitten von den Ressourcen und Problemlösungsfähigkeiten, die uns heute eigentlich zur Verfügung stehen.

Rien ne va plus - nix geht mehr.

Dann schickt unsere Psyche ihre fleißigen Arbeiter ins Archiv. Auftrag: Schaut doch mal, wie wir früher mit Situationen umgegangen sind, die uns vollkommen überfordert haben.

Gut gemeint, aber selten besonders hilfreich.

Regression ist also der Versuch, eine aktuelle Situation mit früheren Bewältigungsstrategien in den Griff zu bekommen.

Damit geht oft ein Gefühl der Sicherheit einher. Die Empfindungen im Zustand der Regression sind uns vertraut. Sie begleiten uns seit unserer Kindheit.

Reaktionen auf dieser Entwicklungsstufe unserer Persönlichkeit sind unreifer. Rückzug in die Weinerlichkeitunkontrolliertes EssverhaltenTrotzreaktionen.

Als Kinder haben wir möglicherweise erlebt, dass andere sich uns liebevoll zuwenden und uns mit Ansprüchen verschonen, wenn wir in Tränen ausbrechen.

Der berühmte Sekundärgewinn.

Vielleicht haben wir uns ein Bein ausgerissen, um durch herausragende Leistungen wenigstens mal ein kleines Lob zu erhalten. Erfolglos.

Dann versuchen wir später, zumindest negative Beachtung zu erhalten.

In der Not frisst der Teufel Fliegen.

Wir werden zu kleinen Quälgeistern oder Vollversagern und zwingen die Erwachsenen so, sich mit uns auseinanderzusetzen.

Der Weg in die emotionale Entfremdung ist dann nicht mehr weit weg.

Wir brauchen die Zuwendung unserer Bezugspersonen. Umso stärker, je jünger wir sind. Nichts schmerzt mehr, als ignoriert zu werden.

Mehr dazu in meinem auf myMONK.de veröffentlichten Gastbeitrag Wenn Kinder spüren, dass sie nicht erwünscht sind.

Lieber angeschrien und bestraft als gar nicht beachtet werden.

Oder wir verfallen in erlernte Hilflosigkeit. Stellen unsere Hilflosigkeit und Ohnmacht demonstrativ zur Schau. Selten gewollt.

Wir zeigen durch verbales und nonverbales Verhalten:

“Hilf Du mir, ich bin so ohnmächtig. Ich kann es nicht allein. Du musst es für mich tun.”

Dieser Appell an unsere Umwelt ruft Retter auf den Plan. Menschen mit Helfersyndrom. Wir erhalten Zuwendung und opfern unsere Würde und Selbstachtung.

Unerfüllte Beziehungsbedürfnisse

Regression ist nicht zuletzt ein Versuch, unsere unerfüllt gebliebenen Beziehungsbedürfnisse doch noch erfüllt zu bekommen.

Steht niemand anderes zur Verfügung, dann notfalls durch Selbsttröstung oder die Entwicklung kompensatorischer Beziehungsbedürfnisse.

Auch überzogene Selbstansprüche gehören in diese Kategorie. Etwa der Wunsch, immer stark zu sein oder alles perfekt machen zu wollen.

Wir schalten um auf emotionaler Selbstversorger.

Wir versuchen zu verhindern, uns noch einmal so verletzbar und hilflos zu fühlen, wie früher. Zu einem hohen Preis.

Das Verhalten im Zustand der Regression ist immer der zum Zeitpunkt seiner Entstehung bestmögliche Versuch, mit einer kaum kontrollierbaren Situation umzugehen.

Eine Coping-Strategie. Für den damaligen Zeitpunkt perfekt, wertvoll, absolut angemessen. Ohne hätten wir vielleicht emotional nicht überlebt.

Als Kinder sind wir in einer untergeordneten Position. Wir haben keine “Befehlsgewalt” über die Erwachsenen, keine “Befugnisse”.

Wir wissen weniger, haben kein Geld, keinen sozialen Einfluss, nicht genug körperliche Kraft. Sind vollständig von unserer Umwelt und deren guten Willen abhängig.

Ein Kind hat gar keine andere Alternative als notfalls zu versuchen, die Erwachsenen emotional so zu “manipulieren”, dass sie seine Bedürfnisse berücksichtigen. Manipulieren im Sinne von “beeinflussen”.

Heute sind wir jedoch selbst die Erwachsenen. Wir haben mannigfache Möglichkeiten, um mit den Problemen unseres Lebens konstruktiv umzugehen.

Bevor wir dazu jedoch in der Lage sind, gilt es zunächst die emotionalen Wunden unseres inneren Kindes zu versorgen. Damit dies geschehen kann, müssen auch unerfüllte Beziehungsbedürfnisse gestillt werden.

Das erfordert ein Gegenüber. Wie bereits Martin Buber sagte:

Der Mensch wird am Du zum Ich.

Den Grund dafür, findest Du hier: Wer in Beziehung krank geworden ist, kann auch nur in Beziehung wieder gesund werden.

Menschen sind Herdentiere. Unser Gehirn ein zutiefst soziales Konstrukt. Wir müssen heilsame und korrektive Beziehungserfahrungen machen, damit unser inneres Kind in seinen verletzten Beziehungsbedürfnissen gestillt werden kann.

Dabei verschwinden nicht die Beziehungsbedürfnisse. Nur der Mangel löst sich auf. Wir kommen aus dem unerfüllten Brauchen in einen neutralen Zustand.

In der Folge haben wir dann freieren Zugriff auf die Ressourcen, die uns als Erwachsene zur Verfügung stehen. Dann erst können wir neue konstruktive Wege finden, um mit unseren heutigen Herausforderungen umzugehen.

Ich beziehe mich hier übrigens auf den Teil unserer Persönlichkeit, den wir das verletzte innere Kind nennen.

Natürlich stecken im inneren Kind auch viele bereichernde Qualitäten, wie

  • Kreativität
  • Lebensfreude
  • Entdeckergeist
  • usw.

Doch diese wunderbaren Eigenschaften können erst dann ungehindert zum Vorschein kommen, wenn wir unserem inneren Kind zur Flucht aus seinem emotionalen Gefängnis verholfen haben.

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