Psychotraumata: Welche Formen es gibt und wie sie wirken

Psychotraumata

Bei dem Begriff “Psychotrauma” denken die meisten Menschen an schwere Traumatisierungen durch aktive Handlungen anderer Menschen oder schwerwiegende Ereignisse. Beispiele sind hier Vergewaltigungen oder Naturkatastrophen, Gewaltakte und schwere Unfälle, etc.

Doch was unserer Psyche langfristig zusetzen kann ist vielfältiger Natur und so ist auf der Begriff des Psychotraumas weiträumiger zu fassen, In diesem Artikel stelle ich Dir verschiedene Formen des Psychotraumas vor. Dabei lassen sich wie bei einer Kugel, in die man die Hochachse, Längsachse und Querachse einzeichnet, mehrere Bereiche unterteilen.

Es gibt auf der einen Achse die Selbst- (Primär-) und Fremd- (Sekundär-) Traumatisierungen, auf der anderen Achse die aktiven und die passiven Traumatisierungen (Unterlassungstraumata) und auf der dritten Achse die zeitliche Dimension zwischen einmaligem Traumaerleben und langanhaltenden bzw. wiederholten Traumatisierungen.

Anhand dieses Modell lässt sich ein Trauma grob einem der verschiedenen Quadranten der Kugel zuordnen und man erhält ein dreidimensionales Spektrum zur Klassifizierung und Einordnung des jeweiligen Traumas. Dies kann in der Praxis von Wert sein, denn unterschiedliche Traumata erfordern teilweise andere Formen therapeutischer Interventionen. Mit all diesen Faktoren ist noch nichts über die schwere des Traumas ausgesagt.

Dieses Modell, das ich hier vorschlage, dient wie gesagt nur der groben Orientierung. In der Praxis überlagern sich verschiedene Traumata.

Wurde ein Kind beispielsweise über Jahre hinweg sexuell missbraucht, so gibt es oft einen Vater, der das Kind immer wieder aktiv traumatisiert hat [aktives Selbst-Trauma mit häufiger Wiederholung über längere Zeit] und nicht selten z. B. eine Mutter, die nichts unternommen hat, als etwas zu unternehmen war [passives (Unterlassungs-) Selbst-Trauma mit häufiger Wiederholung über längere Zeit].

Dieses grob vereinfachte Beispiel soll hier nicht der Fallschilderung, sondern lediglich der Veranschaulichung des Modells dienen. Gehen wir nun auf die verschiedenen Punkte en Detail ein.

1. Achse: Primäre und sekundäre Traumatisierungen

Primäres Trauma

Das primäre Trauma ist das Trauma, an das die meisten bei diesem Begriff denken. Ein Trauma, das ich selbst (oder der Betreffende) selbst erlebt habe. Ich war also selbst das Opfer, das eine traumatische Einwirkung erfahren hat.

Dabei spielt es für diese Kategorie keine Rolle, ob mir beispielsweise ein aktives oder passives Trauma widerfahren ist oder ob es einmalig oder häufig und über einen längeren Zeitraum stattfand. In einem Beispiel: Angenommen, ein Elternpaar hat zwei Kinder und eines von beiden wird geschlagen, das andere nicht. Bei einem primären Trauma wird das Kind, das geschlagen wird primär traumatisiert.

Sekundäres Trauma

Beim sekundäre Trauma erlebe ich, wie anderen Menschen (manchmal auch Tieren) etwas Schlimmes zustößt und werde dadurch selbst traumatisiert. Natürlich hat auch derjenige, der das traumatische Geschehen selbst erlebt, das ich hier “nur” beobachte, mit Sicherheit ein Trauma, doch darum geht es bei dem Begriff nicht.

Ein sekundäres Trauma entsteht also dadurch, dass ich beobachte, wie jemand anderem etwas Schlimmes geschieht. In dem Beispiel mit dem schlagenden Elternpaar kann das Kind eine sekundäre Traumatisierung davon tragen, das selbst nicht geschlagen wird, jedoch mit ansehen muss, wie sein Geschwister regelmäßig körperliche Gewalt erfährt.

Sekundäre Traumatisierungen gehen oft mit großen Gefühlen der Hilflosigkeit und Ohnmacht einher und nicht selten auch mit Schuldgefühlen, obwohl man objektiv betrachtet meist wenig hätte tun können, um an der schlimmen Situation etwas zu ändern. Berufsbedingt kommen sekundäre Traumatisierungen häufig in helfenden und rettenden Berufen vor, wie beispielsweise bei Polizei und Feuerwehr.

Allgemein erklärt man sich die Fähigkeit eines Menschen, sekundär traumatisiert zu werden heute mit dem Konzept der Spiegelneuronen, das auf Giaccomo Rizzolatti zurückgeht.

Je emphatischer ein Mensch ist und je weniger ausgeprägt seine Fähigkeit zur Abgrenzung (besonders im Zeitraum der Traumatisierung) ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, unter entsprechenden Bedingungen ein sekundäres Trauma zu erleiden. Ebenso variiert die Schwere des Traumas mit diesen Faktoren.

2. Achse: Aktive und passive Traumatisierungen

Aktives Trauma

Wie der Name schon sagt, ist ein aktives Trauma ein Trauma, das mir durch aktive Handlungen eines anderen oder ein aktives Ereignis, wie beispielsweise einer Naturkatastrophe oder einem Unfall zugefügt wird.

Passives Trauma

Ein anderer und vielleicht treffenderer Begriff für passives Trauma ist “Unterlassungstraumatisierung”. Bei einem passiven Trauma ist das, was hätte da sein sollen, nicht oder nicht in angemessener Form da gewesen. Ein krasses Beispiel wäre hier, wenn jemand nach einem Unfall schwer verletzt am Boden liegt und die drumherum stehenden Menschen gaffen nur, anstatt einzugreifen und zu helfen.

Dies kann ein passives Trauma auslösen, indem das Opfer erfährt, dass niemand zur Hilfe kommt. Eine viel häufigere Variante ist jedoch auf den ersten Blick schwer als Trauma zu erkennen, richtet jedoch in der Praxis für die Persönlichkeitsentwicklung eines Menschen oft verheerenden Schaden an. Es sind die Unterlassungstraumatisierungen, bei denen das, was zum gesunden seelischen Gedeihen eines Kindes hätte natürlicherweise da sein sollen, aber nicht da war.

Wenn Eltern beispielsweise so sehr in ihren eigenen Themen gefangen sind, dass sie nicht in der Lage sind, auf die psychologischen Bedürfnisse ihres Kindes einzugehen. Unterlassungstraumatisierungen gehen eng mit verletzten Beziehungsbedürfnissen einher. Über die 8 grundlegenden Beziehungsbedürfnisse des Menschen, wie sie erfüllt werden und was es für folgen haben kann, wenn sie nachhaltig verletzt werden, kannst Du hier tiefer einsteigen: Beziehungsbedürfnisse

Unterlassungstraumatisierungen haben häufig eine große zeitliche Dimension, denn sie finden meist über einen längeren Zeitraum statt. Oft über die gesamte Entwicklungszeit eines Kindes und nicht selten auch noch als Erwachsene, solange die Eltern leben.

Fragt man Menschen mit einem Unterlassungstrauma in der Therapie, ob sie sich an schlimme Begebenheiten in ihrer Kindheit und Jugend erinnern können, fällt ihnen meistens nicht viel ein, was die schwere ihrer Probleme rechtfertigen würde. Und damit liegen sie ganz richtig. Es war nichts da – und genau das ist das Problem.

2. Achse: Aktive und passive Traumatisierungen

Einmaliges Trauma

Hier gibt es nicht viel zu erläutern. Ein einmaliges Trauma ist meist ein schweres Erlebnis, das traumatische Folgen für die betreffende Person hat. Ein Hausbrand, ein Einbruch, ein schwerer Autounfall, der plötzliche Verlust eines wichtigen Menschen, eine Vergewaltigung, eine Gewalttat, etc. Einmalige Traumata sind häufig auch aktive Traumata.

Wiederholtes Trauma

Wiederholte Traumata finden über einen längeren Zeitraum statt. Meist im häuslichen Milieu. Ein Kind, das über einen längeren Zeitraum körperlich misshandelt wird, Kinder, deren Eltern sie durch Unterlassungen traumatisieren, Frauen (oder Männer) die von ihrem Partner (ihrer Partnerin) geschlagen werden, etc.

Ein wiederholtes Trauma kann aus einer Aneinanderreihung von vielen einzelnen Traumata bestehen oder auch über einen längeren Zeitraum anhalten, wie beispielsweise dann, wenn Menschen entführt und gefangen halten werden. Wiederholte Traumata haben meist deutlich schwerwiegendere psychische Folgen als einmalige Traumata und das oft selbst dann, wenn die einzelnen Traumata dabei weniger schwer sind, als beim einmaligen großen Trauma.

Besonders in Kombination mit Unterlassungstraumatisierungen im Elternhaus sind es die wiederholten kleinen Nadelstiche, die uns schwer zusetzen, denn hieraus bilden sich leichter negative Glaubenssätze. Ein Großteil der Menschen, mit denen ich in meiner Praxis beispielsweise den Prozess der Aussöhnung mit den inneren Eltern durchlaufe, hat früher wiederholte Unterlassungstraumatisierungen erfahren.

Ergänzungen

Das hier vorgestellte Modell erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, denn es beschäftigt sich nur mit der Entstehung verschiedener Traumata. Es soll das Gesagte auch nur andeuten und einen kleinen Überblick, eine Orientierungshilfe schaffen.

Ich hoffe, dies ist mir mit diesem kleinen Artikel halbwegs gelungen. Zu Traumatisierungen an sich gäbe es einiges mehr zu sagen. Eine weitere wichtige Unterscheidung wäre die schwere des Traumas.

Auch dies ist ein komplexes Thema, denn sie hängt bei weitem nicht allein von dem traumatischen Ereignis, sondern ebenfalls von persönlichen Faktoren des Traumatisierten / der Traumatisierten ab. Hierzu gehören unter anderem die eigenen Bewältigungsfähigkeiten, Resilienz, etc. Doch dies ist ein anderes, umfangreiches Thema.

2 KOMMENTARE

  1. Hallo Andreas ich habe leider alle Arten durch angefangen mit Gewalt gegen meine Mutter als ich noch in ihrem Bauch war. .Missbrauch als Baby .. Tod meiner Mutter durch Gewalt .. Dann Pflegeeltern .. Später wieder zurück zum Vater .. Weiter emotionaler Missbrauch, Gewalt ,Vergewaltigung meiner Stiefmutter bis sie dadurch Schwanger wurde und meinen Bruder im Müll entsorgt hat und auch später im Leben verschiedene Traumata .. Ich weiß gar nicht wie man sich normal fühlt oder die Welt als freundlichen Ort wahrnehmen soll .. Auch wenn sie das ist .. Ich kenne keine Sicherheit und Urvertrauen. . Liebe Grüße Tanja

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