Ziele

Ziele motivieren uns zum Handeln und können unserem Leben und Tun Sinn verleihen. Sie dienen auch als Wahrnehmungsfilter, der unseren Aufmerksamkeitsschwerpunkt fokussiert. Aus der Psychologie und Psychotherapie kennen wir drei große Ideen bezüglich dessen, was Menschen motiviert. Bei Sigmund Freud ist es das Lustprinzip, bei Alfred Adler das Machtmotiv und bei Viktor Frankl der Wille zum Sinn.

Es kann kein Problem geben, ohne dass dem nicht auch ein Ziel zugrunde liegt. Dieses Ziel ist anfänglich jedoch meist nicht bewusst. Sieht man Probleme als Ist-Soll-Diskrepanz, so ist bei vielen Problemen nicht der Ist-Zustand, sondern ein fehlgeleiteter Soll-Zustand – also ein ungünstiges Ziel – das Kernelement des Problems.

Viele Probleme lösen sich bereits auf, wenn die Zielbeschreibung dahingehend verändert wird, dass sie den Wohlgeformtheitskriterien für Ziele entspricht. Eine weitere falsche Grundannahme ist, dass man für die Lösung eines Problems wissen muss, warum es besteht. In den meisten Fällen trägt das Wissen um ein „Warum“ nicht das Geringste zur Lösung bei, bindet jedoch durch die permanente Beschäftigung mit dieser Frage wertvolle Ressourcen.

Coaching ist stark ziel- und lösungsorientiert. Der Fokus beim Coaching liegt weniger beim Problem, als dabei, welches Ziel durch das Coaching erreicht werden soll. Im Sinne der Kybernetik wird hier also der Sollwert bestimmt, an den der Istwert immer mehr angeglichen werden soll. Ohne spezifisch-konkrete Ziele ist gutes Coaching praktisch nicht möglich. Ein Akronym zum leichteren Merken einiger wichtiger Wohlgeformtheitskriterien für Ziele ist SMART.

8 Wohlgeformtheitskriterien für Ziele

1. Ziel positiv beschreiben

Menschen sind es oft gewohnt, ihre Ziele negativ zu beschreiben. Dies ist nicht optimal, denn unser Gehirn kann Negationen nicht richtig verarbeiten. Weder wird hierdurch unsere Wahrnehmung auf gewünschtes Erleben ausgerichtet, noch führt uns dies auf unser Ziel hin. Nach dem Prinzip der Wortwörtlichkeit erschafft unser Gehirn bei dieser Vorgehensweise nur innere Repräsentationen von dem, was wir nicht wollen. Jeder kennt das Beispiel: „Bitte denken Sie jetzt 30sek. nicht an einen rosa Elefanten.“ Viel besser ist es, das gewünschte Erleben positiv zu beschreiben.

Beispiele:
„Ich will nicht mehr so schüchtern sein.“
„Ich will nicht mehr so viel essen.“
„Ich will nicht mehr so viel arbeiten müssen.“

Mögliche zielorientierte Fragen:
„Was möchtest Du anstelle dessen?“
„Wie möchtest Du Dich dann fühlen, verhalten, etc.?“
„Sondern, was soll stattdessen sein?“

2. Ziel soll durch den Klienten selbst erreichbar sein

Dieses Wohlgeformtheitskriterium zielt darauf ab, dass Menschen ihr Verhalten selbst kontrollieren können, das Verhalten und die Reaktionen anderer aber bestenfalls undifferenziert beeinflussen. Aus der Autopoieseforschung nach Maturana und Varela wissen wir, dass man lebende Systeme nicht zu etwas zwingen kann (natürlich kann man sie zerstören). Man kann lebende Systeme maximal zu etwas einladen. Somit sind nur solche Ziele als sinnvoll zu erachten, deren Erreichung der Klient zu 100% selbst durch sein eigenes Verhalten herbeiführen kann.

Beispiele:
„Ich will, dass meine Kollegen mich mögen.“
„Ich will, dass mein Mann sich ändert“
„Ich will, dass die Menschen aufhören, Fleisch zu essen.“

Mögliche zielorientierte Fragen:
„Was kannst Du selbst tun, um mit den Reaktionen Deiner Kollegen so umzugehen, dass Du in Kontakt & Termine mit Deinen guten Gefühlen bleibst?“
„Wie kannst Du gewährleisten, dass Du trotz des Verhaltens Deines Mannes im inneren Gleichgewicht bleibst?“
„Wie kannst Du einen Beitrag dazu leisten, die Menschen über die positiven Effekte einer vegetarischen Ernährung aufzuklären?“

3. Zielkontext sensorisch genau beschreiben – Wo, was, wer, wann, wie, mit wem?

Je plastischer die innere Repräsentation eines Ziels ist, desto mehr kann unser Gehirn damit anfangen. Bei diesem Wohlgeformtheitskriterium geht es darum, den Zielkontext möglichst konkret zu beschreiben. Bis wann soll das Ziel erreicht sein, wer ist in den Prozess involviert, woran ist ganz sicher erkennbar, dass das Ziel erreicht wurde, etc.? Gleichzeitig wird die Zielerreichung hierdurch auch messbar und es ist klar zu erkennen, wann ein Ziel erreicht wurde.

Beispiele:
„Ich will mehr Geld verdienen.“
„Ich will mehr Selbstvertrauen haben.“
„Ich will weniger wiegen.“

Mögliche zielorientierte Fragen:
„Bis wann willst Du Dein Ziel erreicht haben?“
„Woran merkst Du ganz sicher, dass Du Dein Ziel erreicht hast?“
„Wer ist bei Dir, wenn Du Dein Ziel erreichst?“

4. Zwischenschritte bilden

Jedes Ziel lässt sich als eine Abfolge von meist aufeinander aufbauenden kleinere Zielen beschreiben. Hier ist also die Chunkgröße gemeint. Dieses Wohlgeformtheitskriterium dient dazu, Zwischenziele sinnvoll zu sequenzieren und die einzelnen Etappen auf dem Weg zum Ziel in den Blick zu holen. Hierzu passt ein NLP Axiom, das besagt: „Menschen können nahezu jedes Ziel erreichen, wenn es in genügend kleine Einheiten (Chunks) aufgegliedert ist.“.

Beispiele:
„Ich will, dass meine Firma doppelt so viel Gewinn abwirft, wie im vergangenen Jahr.“
„Ich will mehr Zeit mit meiner Frau verbringen.“
„Ich will dieses Jahr 30% mehr Neukunden akquirieren, als bisher.“

Mögliche zielorientierte Fragen:
„Was wäre ein erster sinnvoller Schritt, den Du noch heute unternehmen kannst, um dieses Ziel zu erreichen?“
„Was kannst Du noch diesen Monat tun, um mehr Zeit für Deine Frau zu haben?“
„Was kommt als nächster Schritt und was danach?“

5. Zielzustand sinnesspezifisch beschreiben

Bei diesem Wohlgeformtheitskriterium geht es darum, die eigene Physiologie des Zielzustands nach dem Prinzip VAKOG möglichst sinnesspezifisch herauszuarbeiten.

Beispiele:
„Ich will selbstbewusster sein.“
„Ich will schlank sein.“
„Ich will mein Einkommen verdoppeln.“

Mögliche zielorientierte Fragen:
„Wenn Du Dein Ziel erreicht hast, was siehst Du dann um Dich herum?“
„Wenn Du schlank bist, wie fühlt sich dann Dein Körper an?“
„Was sagst Du innerlich zu Dir selbst, wenn Du Dein Einkommen verdoppelt hast?“

6. Ziel-Ökonomie bewusst machen

Jedes Ziel hat auch seinen Preis. Ziel-Ökonomie meint hier eine Art innerer Kosten-Nutzen-Analyse. Bei diesem Wohlgeformtheits-kriterium geht es darum, den Preis der Zielerreichung zu ermitteln und ggf. die Zielbeschreibung dahingehend zu ändern, dass die Kosten-Nutzen-Analyse attraktiver ausfällt. Hier geht es auch darum, mögliche Sekundärgewinne des aktuellen Problems herauszuarbeiten und auf konstruktive Weise bei der Zielerreichung zu erhalten.

Mögliche zielorientierte Fragen:
„Was wirst Du für Deine Zielerreichung an Zeit, Arbeit und Geld investieren müssen?“
„Wenn Du Dein Problem nicht mehr hast, was verlierst Du dadurch?“
„Wie viel Zeit, die Du auf die Zielerreichung verwenden wirst, wird Dir an anderer Stelle fehlen?“

7. Ziel-Ökologie ermitteln

Bei diesem Wohlgeformtheitskriterium geht es darum, Ziele nach dem Win-Win-Prinzip zu gestalten. Jeder Mensch ist eingewoben in ein riesiges und komplexes Netz sozialer Beziehungen. Die Ziel-Ökologie ist eng verbunden mit dem Denken der verschiedenen systemischen Ansätze. Es geht darum sicherzustellen, dass das angestrebte Ziel auch von unserem „System“ unterstützt wird und nicht dagegen arbeitet. Um die systemische Ökologie des eigenen Ziels zu ermitteln, gibt es verschiedene Ansätze. Einige Beispiele sind die Familienaufstellung und das zirkuläre Fragen.

Beim zirkulären Fragen nutzt man andere systemrelevante Personen (meist in der Imagination) als Ratgeber. Zirkuläre Fragen funktionieren ungefähr so: „Woran genau würde Dein Vater erkennen, dass Du Dein Ziel erreicht hast?“ oder „Was würde Dein Onkel Dir wohl raten, wie Du Dein Ziel am besten erreichen kannst?“.

Auch den Menschen selbst können wir nach dem Multimind-Ansatz als ein Sammelsurium von Subsystemen auffassen. Hierbei gehen wir davon aus, dass es in der Psyche des Menschen verschiedene relativ autonome Teile gibt, die jeweils bestimmte Ziele verfolgen. Diese Ziele sollen dabei immer etwas Gutes bewirken, können jedoch auch teilweise mit anderen Zielen konkurrieren und zu inneren Konflikten führen. Ziele können ebenso in Bezug auf diese inneren Subsysteme ökologisch ausgerichtet werden. Ein beliebtes NLP Format um genau dies zu erreichen, ist das Six-Step-Reframing.

Mögliche zielorientierte Fragen:
„Wie kannst Du sicherstellen, dass Deine Frau von Deinem Ziel profitiert?“
„Wie würde Deine Mutter dieses Ziel angehen?“
„Befindet sich Dein Ziel im Einklang mit Deinen anderen Werten?“

8. Aktuelles Ziel mit einem Meta-Ziel verbinden

Nahezu jedes Ziel lässt sich als Teil eines übergeordneten Meta-Ziels beschreiben. Meta-Ziele sind Ziele auf einer höheren logischen Ebene. So sind etwa so genannte Lebensziele große Metaziele. Den Bezug zwischen dem aktuellen Ziel und einem Meta-Ziel herzustellen, stärkt die Motivation, das aktuelle Ziel zu erreichen. Auf diese Weise stehen Ziele auch immer in Verbindung mit unseren Werten.

Mögliche zielorientierte Fragen:
„Im Einklang mit welchem übergeordneten Ziel von Dir steht die Erreichung Deines aktuellen Ziels?“
„Was möchtest Du mit Deinem Ziel außerdem noch erreichen, das Dir noch wichtiger ist, als das aktuelle Ziel?“
„Wozu ist es noch gut, dass Du Dein Ziel erreichst?“

Eine gute Möglichkeit, wohlgeformte Ziele zu erarbeiten, ist das lösungsorientierte Interview, das in der ein oder anderen Form häufig Verwendung im Rahmen des NLP Coaching findet.

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