Systemische Gesetze

In seiner Arbeit mit Familienaufstellungen hat Bert Hellinger herausgefunden, dass in Familiensystemen bestimmte Gesetzmäßigkeiten wirken. Diese Gesetzmäßigkeiten sind nicht beliebig, sondern werden vom Familiensystem vorgeben. Wird diesen Gesetzmäßigkeiten entsprochen, ist das Familiensystem in Harmonie, wird dagegen verstoßen, kommt es in Unruhe. Zu diesen systemischen Gesetzmäßigkeiten gehören die Bindung, der Ausgleich von Geben und Nehmen sowie die Ordnung. Diese drei Begriffe werden hier im Folgenden näher erläutert.

1. Die Bindung

Als erstes kann man beobachten, dass die Familienseele die einzelnen Familienmitglieder aneinander bindet. Am deutlichsten wird dies in den besonders gravierenden Fällen. Dann, wenn zum Beispiel ein Kind die Sehnsucht verspürt, der früh verstorbenen Mutter in den Tod nachzufolgen. Oder wenn ein erwachsener Mann das Glück nicht nehmen kann, weil sein Bruder als Sechsjähriger beim Schlittschuhlaufen im Dorfteich ertrunken ist. Auch bei Eltern oder Großeltern beobachten wir nicht selten eine ähnliche Dynamik und auch zwischen Partnern. Wenn einer stirbt, will auch der andere oft nicht mehr weiterleben.

Systemische Gesetze nach Bert Hellinger, Familienstellen

Ein wichtiges Instrument der Bindung ist das Gewissen. Es bindet uns an unsere Gruppe. Und zwar an jede, der wir angehören, in anderem Maße. Wir haben also nicht ein Gewissen, sondern mehrere. Wir haben ein Gewissen im Sportverein, ein anderes auf der Arbeit und ein weiteres in der Familie. Wir haben ein schlechtes Gewissen, wenn wir etwas tun, von dem wir annehmen müssen, dass es unser Recht auf Zugehörigkeit zur Gruppe gefährdet. Und wir haben ein gutes Gewissen, wenn wir uns so verhalten, dass wir uns sicher sein können, noch dazugehören zu dürfen.

Je mehr Einfluss einer in einer Gruppe gewinnt, desto schwächer wird die Bindung. Je weiter unten einer in der Gruppe steht, desto stärker ist er durch das Gewissen an die Gruppe gebunden. In einer Familie sind die Kinder die Schwächsten und am tiefsten an die Gruppe gebunden. Kinder würden oft lieber ihr Leben geben, als ihr Recht auf Zugehörigkeit zu gefährden. Manchmal tun sie es auch oder es wird in der Dynamik ihres Lebens deutlich.

Ebenso lässt die Bindung unter Partnern normalerweise mit jeder weiteren Beziehung nach. In einer zweiten Ehe ist die Bindung nicht mehr so stark, wie in der ersten. Dies sagt jedoch nichts über die Liebe aus. Die Liebe kann in einer zweiten Ehe tiefer sein, obwohl die Bindung schwächer ist. Nach oben ↑

2. Der Ausgleich von Geben und Nehmen

Über die Bindung hinaus lässt sich beobachten, dass in Familien ein Bedürfnis nach Ausgleich zwischen Gewinn und Verlust besteht, das mehrere Generationen umspannt. Hat jemand einen Gewinn auf Kosten anderer erzielt, bezahlt er damit an anderer Stelle mit einem Verlust und gleicht aus. Hat einer einem anderen Schlimmes angetan, bezahlt meist nicht er selbst, sondern einer seiner Nachfahren gleicht stellvertretend für ihn den Verlust des Opfers aus, oft ohne dass es ihm bewusst ist.

Auf diese Weise werden oft Spätere in den Dienst genommen und sind mit dem Schicksal Früherer ungut verstrickt. Dann bezahlen die Unschuldigen den Preis für die Schuldigen. Die Familienseele versucht auf diese Weise, jedem Mitglied zu seinem Recht zu verhelfen. Wurde einem Früheren Unrecht getan, gleicht oft ein Späterer dafür aus und leidet. In der Wirkung ist also die Familienseele gerecht in Bezug auf die Früheren und in höchstem Maße ungerecht in Bezug auf die Späteren.

Wurde zum Beispiel eine behinderte Tante im Familiensystem ausgeklammert, weil sie verrückt wurde und in einer Psychiatrie endete und man sich deshalb ihrer schämte, so gleicht dies später oft ein Kind aus und ahmt – einem unbewussten Weg folgend – das Leben der Tante nach. Auf diese Weise versucht die Familienseele scheinbar, durch Spätere das Unrecht an den Früheren durch Wiederholung wiedergutzumachen und der Tante so doch noch zu ihrem Recht zu verhelfen. Nach oben ↑

Der Ausgleich in Beziehungen auf Augenhöhe

Geben und Nehmen in Beziehungen auf Augenhöhe werden stark begleitet von dem Wunsch nach Ausgleich. Gibt uns jemand etwas, haben wir automatisch den Wunsch, ihm auch etwas zu geben. Wir haben das Gefühl, in seiner Schuld zu stehen. Geben geht daher mit einem Gefühl der Unschuld und des Anspruchs einher. Nehmen hingegen mit einem Gefühl der Schuld und der Verpflichtung.

Einer, der nur gibt und nicht nehmen will, möchte für sich das gute Gefühl der Unschuld und die Überlegenheit des Anspruchs aufrecht erhalten. Er verhält sich damit beziehungsfeindlich, denn er versucht, die Anderen klein zu halten. Von so jemandem wollen die Anderen bald nichts mehr nehmen. Nach oben ↑

Der Ausgleich im Guten und im Schlechten

Es gibt auch einen Ausgleich im Guten und im Schlechten. Gibt uns jemand etwas Gutes und wir geben ihm gleich viel zurück, so hat ein Ausgleich stattgefunden und die Beziehung ist ausgeglichen. Wir sind miteinander im Reinen, doch ist die Beziehung in Bezug auf den Ausgleich von Geben und Nehmen damit beendet. Wollen wir der Beziehung genüge tun, geben wir ein klein bisschen mehr zurück, als wir erhalten haben. Nun kann der andere dieses Gefälle seinerseits wieder ausgleichen. Auf diese Weise trägt der Ausgleich von Geben und Nehmen zur Bindung bei.

Beim Ausgleich im Schlechten verhält es sich ähnlich, nur andersherum. Tut uns jemand etwas an und wir tun ihm als Ausgleich etwas Vergleichbares an, ist dem Ausgleich genüge getan und die Beziehung auf dieser Ebene beendet. Liegt uns jedoch etwas an der Beziehung, tun wir dem anderen im Ausgleich ein bisschen weniger an, als er uns angetan hat. Auf diese Weise sind sowohl der Ausgleich als auch die Bindung berücksichtigt. Diese Art des Ausgleichs im Schlechten ist also „beziehungsfreundlich“.

Man ist beim Ausgleich im Schlechten leicht geneigt zu glauben, dem Anderen zu verzeihen wäre der Beziehung besonders dienlich. Doch dies sieht nur so aus. Die Erfahrung zeigt, dass es in Wirklichkeit ganz anders wirkt. Tut uns jemand etwas Schlimmes an und wir verzeihen ihm einfach so leichtfertig, nehmen wir dem Anderen jegliche Chance je wieder ebenbürtig zu werden in der Beziehung. Die Lösung wäre hier, vom Partner etwas zu fordern, das ihn ähnlich viel kostet, wie seine Tat uns gekostet hat, um der Liebe wegen jedoch ein kleines bisschen weniger zu verlangen. So ist dem Ausgleich und der Liebe genüge getan und eine weitere Beziehung auf Augenhöhe möglich. Nach oben ↑

Der Ausgleich zwischen Eltern und Kindern

Zwischen Eltern und Kindern herrscht ein unüberwindbares Gefälle von Geben und Nehmen. Eltern geben ihren Kindern auf zweierlei Weise. Zum einen geben sie ihnen das Leben und zum anderen – in den meisten Fällen zumindest – das was sie zum Gedeihen brauchen. Letzteres ist nicht immer gegeben, ersters ist bei jedem Menschen gegeben, sonst wäre er nicht am Leben. Die Weitergabe des Lebens durch die Eltern erzeugt ein so großes Gefälle, dass die Kinder ihren Eltern gegebenüber nie ausgleichen können. Egal, wie schlecht sich die Eltern auch sonst im Leben ihren Kindern gegenüber verhalten haben. Das Leben, das die Eltern geben, kommt dabei nicht von ihnen selbst, sondern durch sie hindurch.

Und die Eltern geben sich ihren Kindern so wie sie sind. Sie können dem weder etwas hinzufügen, noch weglassen. Die Kinder können ihren Eltern in der Beziehung also nie ebenbürtig werden. Aus diesem Grund ist die Bindung an unsere Eltern auch so stark. Die Lösung ist, dass die Kinder das, was sie von den Eltern bekommen haben, selbst an andere weitergeben. Der natürliche Weg ist, es an die eigenen Kinder weiterzugeben. Geht dies nicht oder entscheidet sich jemand, keine Kinder zu bekommen, gibt er oft, indem er anderen Hilfsbedürftigen gibt. Dann engagiert er sich z. B. ehrenamtlich, gründet eine Hilfsorganisation oder ähnliches. Nach oben ↑

Wenn kein Ausgleich möglich ist

Wenn kein Ausgleich möglich ist, bleibt schließlich der Dank als gemäße Antwort. Dabei geht es nicht um das Wort Danke, das meist nur billiger Ersatz für echten Dank ist, sondern um die innere Haltung der Wertschätzung. Nach oben ↑

3. Die Ordnung

Zur Ordnung in Familiensystemen gehört, dass die Familienseele die Früheren gegenüber den Späteren bevorzugt. Späterere sind oft bestrebt, für Frühere deren unerledigtes oder ungewürdigtes Schicksal stellvertretend zu tragen. Das geht soweit, dass ein Späterer bereit sein kann für einen Früheren zu sterben, wenn er in seiner „Kinderseele“ glaubt, dessen Tod damit verhindern zu können. Dies ist „magisches Denken“. Der oder die Betroffene folgt dann einer Dynamik von „Ich mache das für Dich“ und trägt als Späterer das Schicksal des Früheren, als würde diesen das entlasten.

Oft sühnt ein Späterer auch für die unbeglichene Schuld eines Früheren. Die Dynamiken, die hier wirken, sind für uns nicht einfühlbar und das macht sie so gefährlich. Sind wir mit dem Schicksal eines anderen verstrickt, merken wir das nicht bewusst.

Wir führen dann ein Leben, das nicht wirklich unseres ist und oft geht das schlecht aus. Die Lösung ist hier, dass die ausgeklammerten Früheren, mit denen jemand verstrickt ist, wieder ins Bewusstsein geholt und ihnen ein guter Platz in der Familie und im eigenen Herzen gegeben wird. Auf diese Weise lässt sich die Verstrickung bzw. Identifizierung lösen, denn so kommt das ausgeblendete Schicksal des Früheren wieder in den Blick und kann gewürdigt werden. Nach oben ↑

Eine Übersicht aller Lexikoneinträge findest Du hier: Lexikon


Vergleiche

– Gunthard Weber (Hrsg.), „Zweierlei Glück – Die systemische Psychotherapie Bert Hellingers“, Carl Auer Verlag, 8. Auflage 1996
– Bert Hellinger, „Ordnungen der Liebe – Ein Kursbuch von Bert Hellinger“, Knaur Verlag, Ausgabe 2001

Weiterführende Literatur

– Arist von Schlippe / Jochen Schweitzer, „Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I“, Vandenhoeck & Ruprecht, Ausgabe 2012