Schattenarbeit

Als Schatten bezeichnen wir all die Persönlichkeitsmerkmale, Charaktereigenschaften, Gefühle, etc. die wir ins Unbewusste verdrängen und aus unserer Selbstwahrnehmung tilgen. Meist weil wir früh erfahren haben, dass bestimmte Eigenschaften nicht erwünscht sind. Wir haben aus vergangenen Situationen geschlussfolgert, dass wir auf eine bestimmte Art nicht sein können, wenn wir uns nicht von der Liebe und Zuneigung unserer frühen Bezugspersonen abschneiden wollen.

In der Analytischen Psychologie C. G. Jungs ist der Schatten die Kehrseite unserer „Persona“. Die Persona ist der Teil von uns, welcher der Außenwelt zugekehrt ist. Eine gesellschaftliche Maske, die all unsere kleinen Makel und Unvollkommenheiten verbergen soll. Während die Persona unsere „lichten“ Persönlichkeitsaspekte verkörpert, repräsentiert der Schatten unsere dunkle, das heißt – noch nicht vom Licht des Bewusstseins erfasste – Seite. Jung sagt, dass alles Unbewusste projiziert wird. Was wir bei uns selbst nicht wahrnehmen können, fällt uns umso mehr bei anderen auf.

Jeder kennt z. B. Situationen, in denen Eltern ihre Kinder mit den Worten: „Schrei nicht so herum!“ anbrüllen. Alle Außenstehenden merken dann sofort, wie widersprüchlich das Verhalten der Eltern ist. Nur sie selbst scheinen blind dafür zu sein. Jung hat in diesem Zusammenhang den Satz geprägt: „Ich will lieber vollständig sein, als vollkommen.“ Als Potenzial ist jede Eigenschaft in uns angelegt, auch wenn wir nur einen Teil davon leben. Nach dem holografischen Modell ist alles, was wir in der Welt wahrnehmen, als Möglichkeit in uns angelegt.

Unser Schatten ist – mit anderen Worten – der Aspekt dieser unendlichen latenten Möglichkeiten, mit dem wir nichts zu tun haben und dessen potenzielle Existenz wir bei uns nicht gelten lassen wollen. Unser Schatten hindert uns daran, wirklich frei zu sein. Natürlich geht es nicht darum, bestimmte Schatteneigenschaften auch direkt im täglichen Leben auszuleben. Nur weil jemand den „Faulpelz“ in sich als Aspekt seines Selbst annehmen kann, wird er nicht am nächsten Tag seine Arbeit kündigen. Es geht darum, ein inneres Potenzial zu erschließen und die eigenen Wahlmöglichkeiten zu erhöhen. Jemand der nie faul sein darf, wird auch in seiner Freizeit ständig unter Strom stehen.

Hat er jedoch seinen „inneren Faulpelz“ angenommen, wird er in der Lage sein, im richtigen Kontext auch mal zu entspannen und so zu einer viel ausgeglicheneren Work-Life-Balance kommen. Solange wir unsere Schattenaspekte von uns abspalten, werden wir nie ganz sein und nie unser vollständiges Potenzial entfalten. Dies wird sich zwangsläufig auch in unseren Lebensumständen widerspiegeln. Authentisches Persönlichkeitswachstum geht daher, soll es in die Tiefe reichen und dauerhaft sein, immer über den Weg der Integration unserer abgespaltenen Schattenanteile.

Schatteninhalte: Immer auch kulturell und lebensgeschichtlich bedingt

Die Häufigkeit von bestimmten Schattenthemen ist immer auch kulturell geprägt. Je mehr eine konkrete Eigenschaft in einer bestimmten Gesellschaft abgelehnt wird, desto eher taucht sie auch im Schatten der darin lebenden Menschen auf. Wobei es hier natürlich auch noch andere Ebenen gibt, auf denen Schattenaspekte entstehen. Besonders prägend ist hier die eigene Herkunftsfamilie. Es gibt also nicht das typische Schattenthema, auch wenn bestimmte Themen mit einer gewissen Regelmäßigkeit auftreten.

Unterschiede beim Schatten von Männern und Frauen

Die Schatten von Männern und Frauen weisen neben vielen Gemeinsamkeiten auch Unterschiede auf. Zum Schatten gehört nicht nur all das, was wir bei uns selbst verdrängen und nicht wahrhaben wollen, sondern er wird auch durch unsere innere Gegengeschlechtlichkeit beeinflusst. Nach der Lehre Jungs verhalten sich Bewusstsein und Unbewusstes kompensatorisch zueinander. Ein Mann trägt seine innere Gegengeschlechtlichkeit in Form seiner „Anima“ in sich, eine Frau in Form ihres „Animus„. Solange der Schatten noch weitgehend unbewusst ist, trägt das gesamte Unbewusste des Mannes weibliche, das der Frau männliche Züge. Man kann sich leicht ausmalen, wie sich dies auch auf unsere partnerschaftlichen Beziehungen auswirkt. Und das nicht immer positiv.

Superiore, inferiore und Hilfsfunktionen der Wahrnehmung

Darüber hinaus spielen hier auch noch unsere „superiore“ und „inferiore“ Wahrnehmungsform, sowie die beiden Hilfsformen mit hinein. Jung unterscheidet hier zwei Achsen der Wahrnehmungsfunktionen mit den gegenüberliegenden Polen „Empfinden“ und „Intuieren“ sowie „Denken“ und „Fühlen„.

Wobei jeweils eine Funktion bei einem Menschen dominant ist, zwei sind die Hilfsfunktionen und eine ist die nicht entwickelte, undifferenzierte, inferiore Funktion. Insbesondere diese befindet sich im Bereich des Schattens. Natürlich wird es in der Realität eher Mischtypen geben, als z. B. den reinen Empfindungstypus. Die Ausdifferenzierung der inferioren Funktion fügt unserem Erleben der Welt eine weitere Dimension hinzu und bereichert unser Leben enorm.

Gefahren des Schattens und Vorteile der Schatten-Integration

Wenn wir uns unserem Schatten nicht stellen, ihn uns also nicht bewusst machen, so übernimmt das unsere Umwelt für uns. Wir können unserem Schatten nicht ausweichen und ihn nicht ewig ignorieren. Energie kann sich bekanntlich nicht auflösen, sondern nur ihre Form ändern. Nichts geht verloren in diesem Universum. Das ist keine esoterische Theorie, sondern Physik.

Da alles Unbewusste nach außen projiziert wird und damit in der äußeren Welt in Erscheinung tritt (und sei es nur durch unsere verzerrte Wahrnehmung), spiegeln uns unsere Lebenserfahrungen wider, was wir nicht bewusst ansehen wollen. Wenn wir unseren Schatten ins Licht des Bewusstseins heben und in unser Selbst integrieren, muss er nicht mehr durch unsere Umwelt gespiegelt werden. Wir nehmen dann sozusagen die psychische Energie dahinter weg – wir ziehen den Stecker aus der Dose.

Dies ist der Moment in dem viele Menschen feststellen, dass „ein Knoten gelöst“ ist und ihr Leben wieder zu fließen beginnt. Diese Schatten-Integration ist ein Teil dessen, was C. G. Jung den „Individuationsprozess“ genannt hat, was übersetzt so viel wie „Selbstwerdung“ bedeutet. Wir erkennen, dass wir weder unsere Persona, unser Ich noch unser Schatten sind. All dies sind Bestandteile von uns. Wir erfahren auf diesem Weg auch, dass wir viel umfassender sind, als wir bisher gedacht haben.

Noch ausführlicher gehe ich auf dieses Thema in meinem Interview auf der Seite myMONK.de ein: Schattenarbeit – Interview mit Andreas Gauger

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