Inneres Kind

In dem Persönlichkeitsanteil, den wir das innere Kind nennen, sind u. a. die emotionalen Verletzungen unserer Kindheit gespeichert. Verletzungen aus dieser Zeit wiegen besonders schwer, da wir als Kinder völlig auf unsere Umwelt angewiesen sind. Wir machen als Kinder Prägeerfahrungen und lernen, uns in dieser Welt zurecht zu finden.

Aus diesen Erfahrungen entstehen Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster für unser weiteres Leben. Dann reagieren wir auch als Erwachsene noch aus diesen alten Mustern heraus, aus denen wir eigentlich längst herausgewachsen sind.

Es sind dabei nicht immer die großen schweren Erlebnisse, die Spuren in unserer Seele hinterlassen. Im Gegenteil. Viele kleine emotionale Nadelstiche setzen uns oft viel mehr zu, als der einmalige große Dolchstoß. Es ist schlimm, wenn wir mit unserem Schmerz allein gelassen werden. Wenn unsere Eltern kein Gespür für unsere kindlichen emotionalen Beziehungsbedürfnisse haben. Wenn sie zu sehr mit ihren eigenen Themen beschäftigt sind, um sich angemessen um uns zu kümmern.

Seelische Verletzungen, die in Zusammenhang mit unseren Eltern stehen, treffen uns doppelt. Einerseits durch die Verletzung selbst. Andererseits dadurch, dass der natürliche Fluchtweg in die Arme unserer Eltern verbaut ist. Denn gerade die, die uns auffangen und beschützen sollten, sind dann die Urheber unseres Schmerzes.

Häufig setzen uns Unterlassungen genauso zu wie aktive negative Handlungen. Wenn unsere Eltern eigentlich für uns dasein sollten, jedoch keine Zeit für uns haben, trifft uns das tief in der Seele. Viele Eltern sind mit den Bedürfnissen ihrer Kinder überfordert. Besonders dann, wenn sie auch noch berufliche oder andere Belastungen haben.

Daraus entstehen später eine Menge Probleme. Kontaktvermeidungsstrategien zum Beispiel. Dann vermeiden wir es, über einen gewissen Punkt hinaus in Beziehung zu anderen zu treten. So müssen wir nicht befürchten, wieder zurückgewiesen und in unseren Beziehungsbedürfnissen gekränkt zu werden. Auch ein marodes Selbstvertrauen ist häufig die Folge.

Emotionale Entfremdung fällt ebenfalls in diese Kategorie. Dabei decken wir unsere ursprünglichen Verletzungen mit Ersatzgefühlen zu. Hinter Ärger oder Traurigkeit stecken häufig alte Verletzungen unserer ursprünglichen Beziehungsbedürfnisse. Oft basieren unsere heutigen unerwünschten Verhaltensweisen auf alten Bewältigungsstrategien, die uns einmal ermöglicht haben, mit Situationen umzugehen, für die wir als Kinder keine andere Lösung wussten.

In unser „Innenwelt“ befindet sich das innere Kind immer im Kontakt mit den inneren Eltern. Dort „lebt“ es heute noch in der Welt von damals. Zwischen innerem Kind und inneren Eltern wiederholt sich die gleiche Beziehungsdynamik, in die wir früh in unserem Leben einbezogen waren. Das Zusammenspiel der einzelnen Familienmitglieder, das wir damals in unserer tatsächlichen Familie beobachtete habe, setzt sich also später zwischen unseren verschiedenen Persönlichkeitsteilen weiter fort. Mit anderen Worten: In uns ist es heute noch wie früher um uns herum.

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