Warum es Dein innerer Kritiker eigentlich gut mit Dir meint und wie Du das für Dich nutzen kannst

Warum Dein innerer Kritiker es gut mit Dir meint

Geschätzt 99% aller Menschen finden ihren inneren Kritiker einfach nur lästig und wollen ihn loswerden. Weniger als 1% wissen ihn zu schätzen. Falls Du bisher zu der ersten Kategorie gehört hast, wird dieser Artikel Dir die Augen öffnen.

Der innere Kritiker: Dein Freund und Helfer

Hand aufs Herz: Wie oft hast Du schon versucht, die kritische Stimme in Deinem Kopf zu verjagen? Hat es funktioniert? Natürlich hat es das nicht. Sie erfüllt eine wertvolle Funktion in Deinem psychischen "System". Genauer gesagt, sie existiert, weil Du sie mal gebraucht hast!

Das ist starker Tobak, ich weiß. Lass mich das deshalb ein wenig genauer erklären. In Coaching und Therapie ist es hilfreich davon auszugehen, dass jedem Symptom eine "positive Absicht" zugrunde liegt und dass es versucht, eine Funktion für uns zu erfüllen. Das macht es zugegeben nicht immer auf eine elegante Weise und häufig auch mit hohen Folgekosten. Besonders im Falle innerer Kritiker.

Das liegt daran, dass diese kritischen inneren Stimmen (bzw. die zu ihnen gehörenden Persönlichkeitsteile) sich meistens in unserer Kindheit entwickeln. Sie unterliegen kindlichem Denken und den eingeschränkten Möglichkeiten, die wir als Kinder nun einmal haben. Aber sie haben mal den zu irgendeinem Zeitpunkt in unserem Leben den mit den damaligen Mitteln bestmöglichen Lösungsversuch für ein Problem, das anders nicht lösbar schien, dargestellt.

Ob Du es glaubst oder nicht: In den meisten Fällen versuchen innere Kritiker Dein verletztes inneres Kind (genauer: eines davon) zu beschützen. Und zwar, indem sie ihm Feuer unterm Hintern machen und ihn so zu einem Verhalten motivieren wollen, von dem sie sich erhoffen, dass das innere Kind dadurch weniger Verletzungen von außen durch die Reaktionen seiner Mitmenschen erfahren muss. Ziemlich clever, oder?

Wie bildet sich ein innerer Kritiker?

Lass mich das an einem kleinen Beispiel verdeutlichen. Angenommen, Du hast als Kind wiederholt erlebt, dass die anderen Kinder Dich beim Sport nicht dabei haben wollten, weil Du zu dick und unsportlich warst. Dann hast Du die mit dieser sozialen Zurückweisung einhergehenden emotionalen Schmerzen mit großer Wahrscheinlichkeit in einem Deiner verschiedenen Kind-Ich-Anteile (ja, es gibt mehrere) gespeichert.

Du gehst ab da mit einer offenen emotionalen Wunde durch Dein Leben. Etwas in Dir möchte sich nie wieder so elend fühlen, wie in dieser Situation und erschafft zu Deinem Schutz einen inneren Kritiker, dessen Aufgabe es ist, Dich vor der äußeren Wiederholung dieser ursprünglichen Erfahrung zu beschützen.

Und wie will der innere Kritiker Dich vor Verletzungen durch Deine Mitmenschen schützen? In vielen Fällen dadurch, dass er die zuvor von anderen an Dir geäußerte Kritik wiederholt. "Du bist zu fett! Du kannst es nicht! Vergiss es! usw." Nehmen wir für einen Moment an, die Absicht hinter diesem Verhalten Deines inneren Kritikers wäre tatsächlich positiv. Worin könnte sie liegen?

Auf der einen Seite soll sie Dich - zugegeben auf eine kindlich-naiv-primitive Weise - dazu motivieren, weniger zu essen, mehr Sport zu treiben, usw. um in Zukunft zu vermeiden, wegen Deines Gewichts oder mangelnder Sportlichkeit gemieden oder sogar gemobbt zu werden. Innere Kritiker setzen stark auf Druck-Motivation und versuchen dadurch, dass sie Dich herunterputzen, Deinen Trotz zu aktivieren. Wenn Du daraufhin den früher im Außen erlebten und später durch Deinen inneren Kritiker im Inneren fortgesetzten Druck nicht mehr aushältst - so die Logik des inneren Kritikers - wirst Du die nötigen Schritte unternehmen, um die erkannte Ursache des Problems zu beseitigen und zukünftig nicht mehr verletzt werden. Der innere Kritiker hofft also in diesem Fall, dass er Dich durch seine Kritik zum Abspecken motivieren kann.

In diesem Falle hätte der innere Kritiker sein positives Ziel für Dich erreicht. Würde er deshalb mit der Kritik aufhören? Nur sehr selten, denn noch ungeschulte innere Kritiker neigen dazu, kein "Genug" zu kennen. Also nicht zu wissen, wann Schluss ist. Sie befürchten zu sehr, dass Du wieder ins alte Verhalten zurückkippen könntest, wenn sie in ihrem Druck nachlassen. Hier siehst Du auch einen der Hauptgründe, warum die Taktik vieler Menschen, es ihrem inneren Kritiker recht machen zu wollen, nicht aufgehen kann.

Gelingt es Deinem inneren Kritiker nicht, Dich zum gewünschten Verhalten zu motivieren und das in Deinem Leben zu beseitigen, was er für die Ursache der ursprünglich verletzenden Erfahrung hält, so ist die zweite mögliche Schutzwirkung, die er für Dich im Sinn hat, die Vermeidung von Gefahrensituationen, die im Zusammenhang mit dem ursprünglichen Schmerz stehen. Indem er dafür sorgt, dass Du Dich selbst mehr ablehnst, als andere es je getan haben, möchte er dafür sorgen, dass Du lieber zuhause in Deiner sicheren Umgebung bleibst und aus Scham und Minderwertigkeitsgefühlen jegliche Situationen vermeidest, in denen Du versagen oder erneut verletzt werden könntest.

Das ist übrigens einer der Hauptgründe, warum viele von uns sich mit zunehmendem Alter immer mehr in der eigenen Komfort- und Sicherheitszone einrichten und nicht mehr herauskommen. Wir machen keine neuen Erfahrungen mehr und entwickeln uns weiter. Haben wir dann doch mal einen kühnen (oder besonders frustrierten) Moment und wagen uns an etwas, das wir uns zuvor nicht zugetraut hätten, schneiden wir dabei häufig schlecht ab. Einfach weil uns die Übung fehlt. Damit scheint sich unsere ursprüngliche Befürchtung, dass wir es einfach nicht drauf haben, zu bestätigen und wir ziehen uns noch tiefer in unser Schneckenhaus zurück und schwören feierlich, nie wieder so blöd zu sein und einen neuen Versuch zu unternehmen.

So entsteht ein Teufelskreis, den es unbedingt zu durchbrechen gilt.

Innere Kritiker benötigen Personalentwicklung

Der Mitbegründer des Heidelberger Instituts für systemische Forschung und Beratung, der ebenso geniale wie unterhaltsame Arzt mit dem Schwerpunkt Psychotherapie, Gunther Schmidt, hat einmal gesagt: "Die Bildung eines inneren Kritikers ist ein hochkompetentes Verhalten unter bestimmten Bedingungen, wo dieses als einzige Lösung erscheint."*

Um die gute Absicht hinter diesem "hochkompetenten" Verhalten zu erforschen und für uns nutzbar zu machen, müssen wir unserem "alten Feind" zunächst einmal neutral gegenübertreten. Wir müssen aufhören, uns zu fragen, warum er uns so mit seiner Kritik quält und beginnen, intelligentere Fragen zu stellen. Beispielsweise: "Zu welchem Zweck existiert mein innerer Kritiker, wann hat er sich gebildet und ist seine gute Absicht noch passend für meine heutigen Lebensumstände?"

Es gilt, Schritt für Schritt eine neue und tragfähige Beziehung zu diesem wertvollen Persönlichkeitsteil in uns aufzubauen und ihm zu helfen, seine ursprüngliche positive Absicht auf eine Art und Weise zu erfüllen, die unseren heutigen Lebensumständen gerecht wird, konstruktiver ist und mehr Freude macht.

Auf diese Weise kann aus dem ewigen Nörgler ein wahrer innerer Freund und Verbündeter werden. Dazu müssen wir unserem inneren Kritiker helfen, sich aus seinem kindlichen Stadium zu einer reifen Persönlichkeit zu entwickeln und Zugang zu dem vollen Potenzial an möglichen Verhaltensweisen zu erhalten, die uns heute als Erwachsene zur Verfügung stehen. Danach kann ihm eine neue wertvolle Aufgabe in unserer "inneren Familie" zugewiesen werden, die im Einklang mit unseren heutigen Werten und übergeordneten Zielen steht.

Manchmal ist es sinnvoll, auf den ersten Etappen dieses Weges einen erfahrenen Begleiter an Deiner Seite zu haben. Falls Du Dich Deinem inneren Kritiker nicht alleine stellen möchtest oder dabei bisher nicht den gewünschten Erfolg hattest, erfährst Du hier mehr über die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit: Selbstmitgefühl lernen


*Gunther Schmidt, Vortrag in Heidelberg bei der Teile-Therapie-Tagung 2011, zitiert nach Peichl, Jochen, "Rote Karte für den inneren Kritiker - Wie aus dem ewigen Miesmacher ein Verbündeter wird", 2014 Kösel-Verlag-München