Warum ich froh bin, dass mein großer Traum geplatzt ist

Warum ich froh bin dass mein grosser Traum geplatzt ist

Vor kurzem ist ein ehemals großer Traum von mir ist geplatzt. Und ich grinse darüber, dass mir die Sonne aus dem Allerwertesten scheint. Nein, kein aufgesetztes Weglächeln, kein erzwungenes Suchen nach dem „Guten im Schlechten“. Auch keine hobby-esoterisch angehauchte Verleugnung eigener „unguter“ Gefühle. Ich grinse von innen heraus.

Falls Du mir auf Instagram folgst (https://www.instagram.com/andreas_gauger/?hl=de), hast Du mitbekommen, dass ich mir einen ca. 30 Jahre währenden Traum erfüllt und mir eine ehemalige Oldtimer-Feuerwehr gekauft habe. Seit ich ein kleiner Junge war und meine Eltern mich ins Technikmuseum mitgenommen haben, wollte ich sowas haben. „Wenn ich mal groß bin…“ Es musste nicht unbedingt eine alte Feuerwehr sein, aber so ein riesiges, nach altem Öl stinkendes, brachiales Offroad-Gefährt, mit dem man durch das tiefste Schlammloch fahren kann oder notfalls auch mal über einem anderen Auto parken, falls sonst kein Parkplatz frei ist.

Und wer weiß, vielleicht mal zum Weltreisemobil umbauen und auf große Tour gehen? Du kannst Dir kaum vorstellen, wie viel Lebenszeit ich in den letzten Jahren investiert habe, um immer mal wieder zwischendurch kleine Filmchen auf youtube zu schauen, wie „Brüder im Geiste“ mit solchen Gefährten sinnfrei irgendwelche unschuldigen Berge rauf und wieder runter fahren.

Gestern war dann der große Tag. Den Vormittag auf der Zulassungsstelle verbracht und bangend gehofft, dass alles klappt. Diese alten Monströsitäten zuzulassen ist nämlich eine heikle Angelegenheit. Es hat trotzdem geklappt. Im Anschluss die Hunde versorgt und auf den Weg ins etwa 180km entfernte Leipzig gemacht, wo ich die Feuerwehr abholen wollte. Mit jedem Kilometer steigende Vorfreude. Mentale Bilder davon, wie ich mit meinem erfüllten Traum in unsere Straße einbiege und die ganze Nachbarschaft Oleg (so haben wir die Feuerwehr getauft) und mich mit Blumenkränzen und einer Blaskapelle empfangen.

Vor Ort angekommen, gab es noch eine kleine Einweisung von dem wirklich mehr als netten Verkäufer und dann war es soweit. Zündschlüssel umdrehen und: Nichts!

Okay. Zweiter Versuch, etwas Gas geben und: Na geht doch! Losgefahren mit dem obligatorischen „King of the Road“-Grinsen. 50m und schon die ersten Fotografen am Straßenrand. Zugegebenermaßen handelte es sich dabei um meine Eltern, die den Moment für meine Oma festhalten wollten, aber hey: F O – T O – G R A – F E N ! Die beiden waren so freundlich, mich nach Leipzig zu fahren. Schließlich hatte mit unserem gemeinsamen Besuch im Technikmuseum vor über 30 Jahren ja auch alles angefangen. Da war es nur konsequent, dass sie auch in diesem Moment dabei waren, in dem sich ein Kreis für mich schließen sollte.

Aus dem Ort heraus und festgestellt, Oleg schafft keine 40km/h, wird am Berg bedrohlich langsamer und geht im 5. Gang fast aus. Der Blick in den Rückspiegel verriet mir, dass sich hinter mir eine zweistellige Anzahl von PKW, LKW und sogar Treckern gestaut hatte, die auf der Bundesstraße nirgendwo überholen konnten und bei denen ich mit meiner „ich kauf mir dann mal eben eine uralte Feuerwehr und tucker euch damit vor der Nase rum“-Aktion sicher nicht besonders hoch im Kurs stand. Nach nicht mal 5km links in einen Feldweg eingebogen und durchgeatmet. Mit einem alten Traum unterm Hintern und plötzlich jeder Menge Fragen im Kopf:

„Will ich das wirklich? Wie lange werde ich wohl für 180km brauchen, wenn ich eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 25km/h schaffe? Macht mir das Fahren Spaß? Würde es mir etwas geben, jetzt mit Oleg durch eine riesige Pfütze zu fahren? Bin ich das? Ich dachte immer, ich wäre das. Aber bin ich das wirklich? Und falls ich es mal war, bin ich es noch? Steht das alles im richtigen Verhältnis? Geht die Rechnung auf? Was tun? Oleg nach Hause juckeln, falls er durchhält, und um Mitternacht ankommen? Und dann? Würde ich damit jemals zum Baumarkt fahren? Was, wenn Oleg schneller wäre? Würde das was ändern? Nicht wirklich, irgendwie. Passt das noch auf unsere modernen, stark befahrenen Straßen mit all den schnellen Autos? Ist es okay, dass ich für meinen Spaß regelmäßig ohne Not ganze Kolonnen von Autofahrern davon abhalte, schneller von der Arbeit zurück zu ihren Familien zu kommen? Decken sich Traum und Realität?“

Es war nach nicht mal 15 Minuten Fahrt Zeit, eine kluge Entscheidung zu treffen. Mir war mit jedem erkämpften Kilometer bewusster geworden, dass Phantasie und Realität manchmal weit auseinander liegen können. Zu phantasieren, wie man mit einem großen öligen Gefährt durch die Gegend fährt und es dann wirklich zu tun, muss nicht zwingend dieselben Gefühle auslösen. Sich, während man bequem auf dem Sofa liegt, in einem kurzen mentalen Filmchen vorzustellen, wie man so ein Fahrzeug liebevoll in fieseliger Kleinstarbeit restauriert und dann wirklich hunderte Stunden in einer schlecht geheizten Garage zu verbringen, fluchend, dass nichts richtig hinhaut und in all diesen Stunden die Familie nicht zu sehen, die Hunde nicht zu kraulen, ist eben doch etwas anderes. Dafür muss man auch der Typ sein.

Und auch die ganzen Folgekosten. Er würde den nächsten TÜV niemals einfach so überstehen. Es war sogar recht wahrscheinlich, dass ich es technisch nicht mal nach Hause schaffe. Was kostet es eigentlich, einen 6to LKW abzuschleppen? Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr entpuppte sich mein ehemaliger Traum, wenn man das ganze Bild betrachtete, eher als Alptraum in der Realität. Oder wie ein ehemaliger Klient, mit dem ich heute noch in freundschaftlichem Kontakt stehe, so schön schrieb: „Also Traum erfüllt und festgestellt, dass es gar kein Traum war.“ Auf den Punkt!

Und trotzdem: jetzt hatte ich doch schon so viel investiert. Mich so darauf gefreut. Alle Leute um mich herum kirre gemacht. Na und? Hatte diese Freude keinen Wert? Kann mir irgendwer die Erinnerung nehmen, wie ich direkt nach dem Kauf stolz wie Bolle oben aus der Luke geschaut habe? Das Foto steht auf unserem künstlichen Kaminsims und dort bleibt es auch. Eine wundervolle Erinnerung. Alles, was danach gekommen wäre oder auch nicht, hätte diesem Moment weder etwas hinzugefügt, noch nehmen können. Er war für sich vollkommen und in sich geschlossen.

Vielleicht hast Du meinen Artikel über die Denk-Falle mit den  versunkenen Kosten gelesen: Warum wir uns nicht von sinkenden Schiffen retten

Das, was ich bisher investiert hatte, war kein Argument. Es war ohnehin weg. Ich stand vor der Entscheidung, ob ich das leugnen und noch mehr versenken möchte, oder nach kurzer Zeit angesichts meiner klaren Erkenntnis die Notbremse ziehen, weitere Folgekosten (nicht ausschließlich finanzieller Art) stoppen und eine unkonventionelle Entscheidung treffen möchte, die Rückgrat erfordert.

Alles, was Du besitzt, besitzt irgendwann Dich.

Wie wahr. Aber eines wollte ich nicht: eine Kurzschlussreaktion. Also habe ich mir auf dem Feldweg eine gute halbe Stunde Zeit genommen, um alles zu durchdenken und – mindestens genauso wichtig – zu durchfühlen, um mir vollständige innere Klarheit zu verschaffen. Ich musste erst völlig kongruent mit meiner Entscheidung sein, sonst würde ich Oleg verkaufen und mir nicht mal zwei Wochen später schon wieder das nächste Gefährt ansehen. Ich brauchte einen eindeutigen Standpunkt, wollte einen Haken dran machen können.

Als mir klar wurde, dass Oleg und ich unsere gemeinsame Zeit hatten (kurz und intensiv und voller italienischer Momente), habe ich den Verkäufer kontaktiert, der zum Glück so freundlich war, Oleg zurückzunehmen und den Kaufvertrag rückgängig zu machen (finde mal solch einen Verkäufer – ein wirklich toller Kerl).

Also, was war das nun alles für eine Aktion? In Anlehnung an Shakespeare: „Ein Märchen erzählt von einem Narren, voll Lärm und Wut und am Ende bedeutet es nichts“?

Ganz im Gegenteil! Ich bin so dankbar, dass ich meinen Traum verwirklicht habe und nach so vielen Jahren so schnell feststellen durfte, es war eben doch kein Traum. Das ist unfassbar befreiend. Und wertvoll! Was mir dadurch alles erspart geblieben ist. Ja, ich habe es getan! Voll und ganz. Ich habe für einen Tag eine alte Feuerwehr besessen. Und es ist gut ausgegangen. Ich habe Wesentliches über mich gelernt und eine Erfahrung mit Haut und Haaren gemacht. Vor allem aber: Ich habe es aus dem Kopf! Dort oben ist jetzt Ruhe.

Bleiben immer noch ein paar Fragen: War es also ein Misserfolg? Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Aber hätte man sich das nicht auch schon vorher überlegen können? Ja und Nein. In meinem Fall hätte ich es mir sicher immer wieder von Neuem schön gedacht und keine Ruhe gefunden. Manche Träume sind verdammt hartnäckig. Zu früh aufgegeben? Nein. Zum frühesten möglichen Zeitpunkt klug und weitsichtig entschieden.

Natürlich würde ich es jederzeit wieder so machen. Das ist Leben. Probiere! Beiß‘ ein großes saftiges Stück davon ab und dann schau‘, ob es Dir schmeckt. Und falls nicht, sei Dir nicht zu schade, dazu zu stehen. Weise Menschen klammern sich nicht an falschen Stolz. Ihnen ist bewusst, dass wir alle keine Zeit für solche Mätzchen haben. Auch, wenn es mittlerweile den Status von Glückskeks-Sprüchen hat, ist es dennoch wahr: Manchmal ist es ein Segen, etwas nicht zu bekommen. Oder eben direkt wieder zurückzugeben, wenn man es schon hatte und merkt, dass es doch nicht zu einem passt. Denn reich ist nicht der, der viel hat, sondern der, der wenig braucht. Auch so eine Glückskeks-Wahrheit.

Wie Bruce Darnell es so poetisch formuliert hat: „Das ist der Wahrheit!“ So kann es nämlich auch mit Träumen laufen. Und lass uns an dieser Stelle mal gemeinsam eine Gedenkminute einlegen für die Lebenszeit, die wir alle auf unsere Träume und Ziele verwenden. Oft ist das Phantasieren angenehmer. Und warum auch nicht? Ich werde mir sicher irgendwann mal wieder ein Video ansehen, wie jemand mit einem solchen Gefährt unnötigerweise durch schwerstes Gelände fährt. Aber ich habe seit gestern nicht mehr den Wunsch, selbst dieser Jemand zu sein oder gar ein solches Vehikel zu besitzen.

Nein, unsere Träume müssen sich eben nicht alle erfüllen, damit wir glücklich sein können. Häufig fügen sie unserem Leben nicht viel hinzu. Der große Gewinn für mich ist nicht die Verwirklichung eines Traums, sondern die Befreiung davon.

Wir brauchen so wenig wirklich und lassen uns häufig von unseren „Erst wenn ich, dann aber so richtig“ – Bedingungen davon abhalten, einfach zu leben. Greif das Leben bei den Eiern – oder wo immer Du es gerade zu fassen kriegst. Dort, wo Du bist, mit dem, was Du hast. Ende der Geschichte.

Ich bin heute jedenfalls mit einem fetten Grinsen darüber aufgewacht, dass ich keine! alte Feuerwehr in meiner Einfahrt stehen habe. Alles richtig gemacht. Alles!

Tipp: Wenn Du selbst in Zukunft auch noch bessere Entscheidungen treffen und Dir viele unnötige Folgekosten ersparen möchtest, findest Du in meinem Buch „Wie man die richtigen Entscheidungen trifft“ alles, was Du brauchst, um in Zukunft einfach, schnell und zielsicher zu entscheiden und dabei typische Denkfehler zu vermeiden.

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1 KOMMENTAR

  1. Eine tolle Geschichte! Erinnert mich an meinen jahrelangen Traum von einem eigenen „Bauernhof“ zur Rettung bedürftiger Tiere (die dann natürlich bei mir bis an ihr natürliches Lebensende bleiben dürften). Ich habe diesen Traum ebenfalls Tag und Nacht nicht aus dem Kopf bekommen. Bis ich dann mehrere Arbeitseinsätze auf solchen Höfen gemacht habe… und irgendwo zwischen permanent nachwachsenden Misthaufen und schwer betreuungsbedürftigen Handikap-Tierchen gemerkt habe: Das ist nicht mein Leben! Das ist nichts, was ich tagein tagaus machen möchte und leisten kann.
    Lieber verwirkliche ich andere Träume und unterstütze solche Projekte finanziell. Damit sind am Ende alle glücklicher.

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