Der ursprünglich positive Vaterkomplex der Frau – Männer sind einfach viel interessanter

Der ursprünglich positive Vaterkomplex der Frau

Der ursprünglich positive Vaterkomplex bei Frauen wirkt auf den ersten Blick so klischeehaft, wie nur irgend möglich. Da hat die 25-jährige Sekretärin ein Verhältnis mit ihrem 58-jährigen Chef oder die 17-jährige Schülerin verguckt sich in ihren 43-jährigen Lehrer: Zack, Vaterkomplex!

Geht zwar in die richtige Richtung, aber ganz so banal ist es in der Praxis dann doch nicht. Besonders beim ursprünglich positiven Vaterkomplex scheint es entscheidend zu sein, unter welcher Komplexprägung der Vater selbst steht. Da macht es einen großen Unterschied, ob der eigene Vater eher unter dem Einfluss eines ursprünglich positiven Mutterkomplexes steht (siehe: Der ursprünglich positive Mutterkomplex des Mannes) oder selbst von einem ursprünglich positiven Vaterkomplex beeinflusst wird.

Im ersten Fall ist die Bindung zur Tochter wärmer, findet mehr auf der Beziehungsebene statt, ist persönlicher, direkter und meist auch „erotisch“ aufgeladen. Erotisch aufgeladen muss hier keineswegs bedeuten, dass es in irgendeiner Form zu sexuellen Handlungen kommt. Gemeint ist damit eher eine Atmosphäre, in der viel Zärtlichkeiten ausgetauscht werden, sei es verbal oder körperlich durch Umarmungen, kuscheln oder dergleichen. Vater und Tochter himmeln sich auf eine gewisse Weise an.

Die Tochter ist stolz, „Daddys kleiner Engel“ zu sein und der Vater lässt keine Gelegenheit aus, auch in der Öffentlichkeit mit seiner Tochter zu glänzen. Auffällig ist, dass in dieser Konstellation die Mutter häufig in den Hintergrund tritt. Sie spielt einfach keine so große Rolle und kommt auch nicht wirklich zwischen die beiden, denn zwischen Vater und Tochter passt hier kein Blatt.

Besonders in dieser Konstellation haben die Töchter auch später meist ein gesundes Selbstvertrauen und kommen im Großen und Ganzen im Leben gut zurecht. Allerdings haben sie auch gelernt, immer auf andere – das heißt: auf andere Männer – bezogen zu sein. Unter ihresgleichen können sie sehr eloquent und intelligent agieren. Kommt jedoch ein Mann hinzu, verfallen sie ins Kindchenschema, werden wieder ganz die kleine Tochter, die zum göttergleichen Vater aufblickt und zu „Daddys kleinem Engel“ wird. Eine Klientin hat dazu mal gesagt: „Wenn Männer auftauchen, werde ich automatisch dumm.“

Sie meinte damit, dass sie ein ungewolltes Verhaltensmuster ausgebildet hatte, durch das sie sich automatisch selbst begrenzte, sobald ein Mann auf der Bildfläche auftauchte, dem es zu gefallen galt. Der Umgang mit Männern ist für diese Frauen recht leicht, intuitiv und selbstverständlich. Während sie bei Frauen eher etwas kühl, distanziert aber freundlich bleiben, sind sie mit Männern recht „flirty“ unterwegs, ohne dass dies jedoch bedeuten muss, dass sie sexuelles Interesse an dem Mann haben, was häufig zu Missverständnissen führt.

Woran sie jedoch ganz sicher interessiert sind, ist zu gefallen. Und das selbst den Typen, die ihnen gar nicht zusagen. Was der andere über einen denkt, hat Prio. Sie wissen einfach, wie Männer ticken und haben das feine Gespür, intuitiv zu erfassen, welche unerfüllten Bedürfnisse ein Mann hat und gefallen sich oft in der eigenen Flexibilität, genau die Frau zu sein, von der dieser Mann immer geträumt hat.

So werden andere Frauen schnell zu Rivalinnen. Wie auch die Mutter einer Rivalin um die Gunst des Vaters war. Etwas überspitzt könnte man die Bemühungen mit den Worten „Ich bin die bessere Frau für Papa“ bzw. „Ich bin besser als die Mama“ auf den Punkt bringen. So fehlt auch die Solidarität mit Frauen oder dem Weiblichen an sich. Frauen sind in der eigenen Wahrnehmung eben nicht so interessant wie Männer. Man kann nicht zu ihnen aufblicken. Die Bewunderung der Männer oder zumindest eines Mannes, auf den sich der Vaterkomplex projizieren lässt und dem man beweisen kann, dass man „die bessere Frau“ ist, steht im Kern. Selbst, wenn dafür eigene – teilweise ohnehin kaum wahrgenommene – Bedürfnisse zurückstecken müssen.

Das ist ein wichtiger Punkt. Es handelt sich hierbei um eine Rolle, die zu spielen sie gelernt und häufig perfektioniert haben. Dafür gibt es in der Regel viel Applaus. Besonders natürlich von Männern. „Es ist einfach ein gutes Gefühl, wenn er mir sagt, dass ich die beste Frau bin, die er je hatte“, hat eine andere Klientin dazu mal über eine Bemerkung ihres Mannes gesagt. Die wenigsten leiden in dieser Konstellation unter den verschiedenen Rollen, die sie spielen können. Die Anerkennung und Wertschätzung gleicht die Nachteile offenbar aus.

Die Schattenseite zeigt sich meist erst viel später. Oft in der (psychologischen) Lebensmitte, wenn das Eigene mehr in den Vordergrund tritt oder zumindest entwicklungstechnisch gesehen treten sollte. Denn „Daddys kleiner Engel“ hat so sehr und so lange versucht, zu gefallen, dass er darüber vergessen hat, sein Eigenes zu erforschen oder überhaupt nur wahrzunehmen. Wenn diese Erkenntnis dann durchkommt, dann heftig und in Form einer echten Selbstfindungskrise.

Wenn einem die äußere Bestätigung nicht mehr so viel geben kann, wie noch all die Jahre zuvor. Oder wenn sie wegbricht, weil Daddy stirbt oder der Ehemann sich eine Geliebte sucht und sie gezwungen werden, an ihrem Status als „die Beste“ zu zweifeln. Was ihnen dann schmerzhaft bewusst wird, ist die innere Leere, die sie sich nie zuvor zu spüren gestattet haben. Da ist es nicht damit getan, nur auf die Suche nach dem Eigenen zu gehen. Vieles davon muss erst durch Versuch und Irrtum entwickelt werden. Hier wird dann in den Dreißigern oder Vierzigern das nachgeholt, was andere bereits in der Pubertät entwickeln.

Diese Bezogenheit auf einen Mann, der vergöttert werden kann, zeigt sich nicht selten auch in großen Schwierigkeiten mit eigenen Entscheidungen und dem Thema „Verantwortung“, das ja immer im Fahrwasser von Entscheidungen mitgezogen wird. Sie hat gelernt, Entscheidungen zu delegieren. „Mein Mann sieht das auch so“; „Mein Vater würde jetzt sagen…“, „Mein Mann hat gesagt…“

In der Sozialakquise wird dann auch meist ein Partner gesucht, auf den sich der eigene ursprünglich positive Vaterkomplex leicht übertragen lässt, der also dem Vater recht ähnlich ist. Für diesen Mann können sie dann sehr unterstützend und fördernd sein. Sie halten ihm sprichwörtlich den Rücken frei, machen ihm das Leben angenehm und einfach und lassen kaum eine Gelegenheit aus, um ihm zu signalisieren, dass sie seine Bedürfnisse als Mann verstehen, schätzen und gerne erfüllen. Diese Kombination ist natürlich für viele Männer ausgesprochen anziehend.

Ein großes Problem ist ihre von Männern abgeleitete Identität. Fällt der Zuspruch von außen weg, bröckelt das eigene sonst scheinbar so stabile Selbstbewusstsein wie die Mauern einer alten Ruine. Passiert das, gehen die Lösungsversuche in die Richtung „mehr vom Gewohnten“. Sie sind dann versucht, alles zu tun, um wieder zu gefallen und falls das nicht möglich ist, schnell einen neuen Projektionsträger zu finden, für den sie die Beste sein können, die er jemals hatte.

Mit diesen Eigenschaften passen sie natürlich nicht mehr so ganz in das Frauenbild der heutigen Zeit. Wirken immer ein wenig altbacken in ihren Ansichten, auch wenn sie sich sonst sehr modebewusst geben. Diese Art bringt ihnen schnell die Antipathien vieler feministisch denkender Frauen ein und natürlich haben sie mit Neid und Eifersucht zu kämpfen. Überspitzt formuliert halten andere Frauen in ihrer Gegenwart ihre Männer fest.

Steht oder stand der eigene Vater hingegen unter dem Einfluss eines ursprünglich positiven Vaterkomplexes, so ist das Verhältnis zwischen Vater und Tochter häufig nicht ganz so warm, obwohl durchaus Bewunderung und große Sympathie füreinander im Spiel sein können. Hier bekommt das Ganze eher etwas Archetypisches und es wird nicht ein konkreter Mann sondern „Männliches“ oder das, was damit allgemein verbunden wird, an sich verehrt.

Häufig bei den Töchtern von Männern des Geistes anzutreffen. Dann geht es um Intellekt, große Ideen oder die Wissenschaft. Diese Frauen sind häufig in akademischen Berufen anzutreffen und zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass das ganze Leben „vergeistigt“ und intellektualisiert wird. Ebenso Beziehungen. Würde man es metaphorisch ausdrücken, könnten sie statt „Ich fühle…“ eher „Ich denke, ich fühle…“ sagen. Diese Komplexprägung unterscheidet sich stark von der zuvor genannten und ohne Kenntnisse der Hintergründe würde man sie wohl nicht so schnell miteinander in Verbindung bringen.

Die Frau mit ursprünglich positivem Vaterkomplex in Beruf und Alltag

Auch beim ursprünglich positiven Vaterkomplex finden sich viele Frauen, die im weiteren Sinne Karriere gemacht haben, wenn sie nicht bewusst darauf verzichten. Letzteres dürfte eher auf die Frauen zutreffen, deren Vater unter dem Einfluss eines ursprünglich positiven Mutterkomplexes stand. Hier wird eher auf Karriere verzichtet und das eigene Licht unter den Scheffel bzw. unter das des Mannes gestellt und eher eine unterstützende Rolle eingenommen; sprich: es wird tendenziell eher die Karriere des eigenen Mannes gefördert.

Entscheiden sie sich jedoch trotzdem für eine eigene Karriere, haben sie es in einer Männerwelt einfacher als andere Frauen, denn sie wissen eben, wie Männer ticken und sind gut darin, sie zu manipulieren, ohne dass diese es bemerken würden.

Stand der Vater selbst eher ebenfalls unter dem Einfluss eines ursprünglich positiven Vaterkomplexes, so leben die betreffenden Frauen häufig eher mit einem überbetonten Intellekt, was ihnen in vielen Bereichen Vorteile verschafft. Besonders sicherlich im Wissenschaftlichen und fakultativen Bereich, da diese Bereiche ihrer Art zu denken und Sachverhalte zu erfassen, wohl am nähsten steht.

Die Frau mit ursprünglich positivem Vaterkomplex in der Beziehung

Dazu wurde bereits weiter oben vieles gesagt. Zumindest bezogen auf die Frau deren Vater einen ursprünglich positiven Mutterkomplex hatte. Frauen, deren Vater hingegen selbst einen ursprünglich positiven Vaterkomplex hat, tun sich mit Beziehungen tendenziell eher etwas schwerer. Es hat bei ihnen schnell den Anstrich von Arbeit. Ihnen fehlt die Mühelosigkeit ihrer Komplexschwestern im Umgang mit Männern. Sie neigen eher dazu, Beziehungen zu intellektualisieren oder bleiben lange Zeit alleine. Ihre Beziehungen sind tendenziell etwas kühler und distanzierter, worunter sie durchaus leiden können, denn häufig besteht der Wunsch nach mehr Nähe bei gleichzeitiger Unfähigkeit (vielleicht ein zu hartes Wort) dazu, diese auch zuzulassen.

Besonders in Bezug auf die Frauen, deren Vater einen ursprünglich positiven Mutterkomplex hatte, ist unklar, was von ihrer Beziehung oder Ehe noch übrig bleibt, sollte sich der eigene Vaterkomplex einmal auflösen und die Projektionen zurückgenommen werden. Es wird sich dann zeigen, ob darüber hinaus noch genug übrig bleibt, das trägt.

Die Wachstumskrise

Die Wachstumskrise wird entweder dadurch ausgelöst, dass die Bewunderung von außen wegbricht, beispielsweise weil der Vater stirbt oder der Mann sich eine Geliebte sucht. Letzteres wird unter anderem dadurch als so schwerwiegend empfunden, weil dann eine andere „besser“ war, als man selbst. Noch häufiger jedoch durch das offenbar werden der inneren Leere und dem „fehlenden“ Eigenen in der psychologischen Lebensmitte zusammen mit der zunehmenden Unfähigkeit, selbstverantwortliche Entscheidungen zu treffen.

Die Wachstumsherausforderung

Die Wachstumsherausforderung liegt ganz klar darin, die Projektionen zurückzunehmen und das Eigene zu erforschen und zu entwickeln. Weg von der geliehenen, auf den Vater, Ehemann oder allgemein andere Männer bezogenen Identität hin zu der eigenen, was oft ein langwieriger Prozess sein kann, zu dem auch die Bereitschaft, Fehler zu machen und aus ihnen zu lernen, unabdingbar gehört. Denn erst, das, was wir nicht sind, verleiht uns Kontur. Indem wir spüren, was uns nicht entspricht, zeichnet sich das ab, was übrig bleibt und lässt Rückschlüsse auf unser Eigenes zu.

Die zugehörigen Artikel im Überblick

Aus dem Shop:

Wie man emotionale Blockaden auflöstWie man die richtigen Entscheidungen trifftMehr Selbstvertrauen in 7 TagenSelbstwertgefühl - Wie es entsteht und wie Du es stärken kannst

 

 

 

 

 

Titel-Photo: pixabay.com
Lizenz: CCO Public Domain
Fotograf: Free-Photos

Für die Artikelserie u.a. verwendete und weiterführende Literatur:
*Verena Kast, „Vater-Töchter Mutter-Söhne – Wege zur eigenen Identität aus Vater- und Mutterkomplexen“, Kreuz-Verlag, 5. Auflage der Neuausgabe 2005
*Louis Schützenhöfer, „In aller Liebe – Wie wir unsere Mutter überleben“, Verlag Herder GmbH, 2004
*Colin C. Tipping, „Ich vergebe – Der radikale Abschied vom Opferdasein“jKamphausen Verlag, 11. Auflage 2010
*Alice Miller, „Am Anfang war Erziehung“, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 1. Auflage 1983
*Marie-Louise von Franz, „Der ewige Jüngling – Der Puer Aeternus und der kreative Genius im Erwachsenen“, Kösel-Verlag, 1987
*Bruno Bettelheim, „Die symbolischen Wunden – Pubertätsriten und der Neid des Mannes“, Fischer Verlag, November 1982
*Alexander Mitscherlich – „Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft“, Piper Verlag, Neuausgabe 1973
*John Eldredge, „Der ungezähmte Mann – Auf dem Weg zu einer neuen Männlichkeit“, Brunnen Verlag, 15. Auflage 2013
*Clarisse Pinkola Estés, „Die Wolfsfrau – Die Kraft der weiblichen Urinstinkte“, Heyne Verlag, 6. Auflage 1993
*Bjørn Thorsten Leimbach, „Männlichkeit leben – Die Stärkung des Maskulinen“, Ellert & Richter Verlag, 8. Auflage 2014
*Astrid Leila Bust, „Weiblichkeit leben – Die Hinwendung zum Femininen“, Ellert & Richter Verlag, 5. Auflage 2017
*Robert Bly, „Eisenhans – Ein Buch über Männer“, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Juni 2005
*Robert Moore & Douglas Gillette, „König Krieger Magier Liebhaber – Initiation in das wahre männliche Selbst durch kraftvolle Archetypen“, Aurinia Verlag, 2014
*Roland Kopp-Wichmann, „Frauen wollen erwachsene Männer – Warum Männer sich ablösen müssen, um lieben zu können“, Herder Verlag, 2011
Gerald Hüther, „Männer – Das schwache Geschlecht und sein Gehirn“, Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, 2009
*David Deida, „Der Weg des wahren Mannes – Ein Leitfaden für Meisterschaft in Beziehungen, Beruf und Sexualität“, J Kamphausen Mediengruppe GmbH, 14. Auflage 2015

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here

*