Das Leben hat keinen Sinn: Gott sei Dank!?

Das Leben hat keinen Sinn - Gott sei Dank

Irgendwo zwischen Staubsaugen und dem Wiedereinfinden in den Berufsalltag am gefürchteten ersten Montag nach dem viel zu kurzen Urlaub stellen sich die meisten von uns irgendwann die Frage

„War’s das jetzt? Soll das wirklich alles gewesen sein? Geht es wirklich nur darum, Rechnungen zu zahlen, brav meine vorgedachte Rolle zu spielen und mir zwischendurch ein paar Gelegenheiten zu erkämpfen, um wenigstens für einige Augenblicke aus diesem Trott auszubrechen und etwas sinnlosen!? Spaß zu haben, der letztendlich auch nur dazu dient, mit dem Alltagstrott noch ein bisschen länger durchzuhalten?“

Solche Gedanken scheinen symbolisch zu sein für viele Menschen unserer Zeit und Kultur. Wir haben alles, auch wenn es uns oft nicht so vorkommt, und sind doch nicht erfüllt. Besonders dann, wenn wir unser Seelenheil in der Hoffnung nach außen verlagern, die Versprechungen der Werbeindustrie würden unseren Hunger stillen. Sind wir diesem Weg erst einmal ein Stück weit gefolgt und haben gekauft und konsumiert, was das Konto bzw. Kreditlimit hergibt, stellen wir häufig ernüchtert fest, dass auch die schönsten Neuanschaffungen unseren inneren Hunger nicht stillen; die innere Leere nicht ausfüllen können. Der Grund ist einfach.

Wir hungern nicht nach Dingen. Wir hungern nach Sinn.

Spätestens seit dem US-amerikanischen Sozialpsychologen Leon Festinger (1978)* wissen wir, dass uns kognitive Dissonanzen stressen. Das ist Psychologendeutsch für allgemeine Unsicherheiten, die entstehen, wenn wir unterschiedliche Kognitionen (Wahrnehmungen, Gedanken, Wünsche, Meinungen, …) haben, die nicht oder nicht direkt miteinander vereinbar sind. Dadurch entstehen Unsicherheit und Orientierungslosigkeit, in schweren Fällen Verwirrung.

Keinen Sinn im eigenen Leben und dem, was sich darin zeigt zu erkennen, ist eine Form der kognitiven Dissonanz. Genauer vielleicht der ‚gnostischen oder spirituellen Dissonanz‘. Legen wir das Modell der logischen Ebenen von Robert Dilts darüber, wird schnell klar, warum dieses Sinnvakuum so schwer zu ertragen ist. Spiritualität ist nach Dilts zusammen mit Mission / Vision, die ja aus gelebter Spiritualität hervorgehen, die höchste logische Ebene. Je höher eine logische Ebene ist, desto weitreichender ist ihre Bedeutung für unser Leben. Jede nächsthöhere logische Ebene schließt alle darunter liegenden mit ein und beeinflusst diese.

Einen individuellen Sinn im eigenen Leben zu finden (oder besser: zu vergeben), hat damit den größtmöglichen Einfluss auf unser Leben. Nichts gegen Verhaltenstraining, die Arbeit mit Glaubenssätzen oder am eigenen Selbstbild. Aber das kann alles einpacken, verglichen mit der Durchschlagskraft einer Veränderung auf der Sinn-Ebene unseres Lebens. Entsprechend belastend empfinden wir dann natürlich auch das Gegenteil von Sinn-Erleben.

Das Leben hat keinen Sinn: welch eine unermessliche Freiheit (und Verantwortung)

Millionen Menschen auf der Welt sind überzeugt davon, das Leben hätte einen festgelegten Sinn. Nur sind sie sich untereinander und nicht selten sogar mit sich selbst uneinig darüber, worin dieser wohl bestehen möge. Dabei lassen sich grob zwei Ebenen unterscheiden.

  1. Der generelle Sinn des Lebens an sich
  2. Der individuelle Sinn unseres persönlichen Lebens

1. Der generelle Sinn des Lebens an sich

Das beste, was man über den Sinn des Lebens sagen kann ist vielleicht, dass es ihn nicht gibt.

Der generelle Sinn des Lebens wird meist von den Überzeugten recht energisch und dogmatisch vorgetragen. Sie gehen fest davon aus, dass sie „den Sinn“ des Lebens kennen und zwar nur sie. Wer dem Leben einen anderen Sinn andichten möchte, ist in ihren Augen im Irrtum oder schlimmeres. Häufig anzutreffen ist diese Überzeugung im Umfeld vieler Religionen, aber auch im spirituellen und philosophischen Umfeld.

Der Sinn des Lebens variiert dabei je nach Sinn-Anbieter von „Liebe Deinen Nächsten“, über „wir sind hier, um unser negatives Karma auszugleichen“ und „Karriere machen oder Kinder kriegen (sehr beliebt)“ bis zu „das Leben ist eine Schule und unsere Aufgabe hier ist es, einen möglichst guten Abschluss zu machen“. Und genau damit bin ich nicht einverstanden.

Was würde es denn wirklich bedeuten, wenn wir mal davon ausgehen, dass das Leben einen von vornherein festgelegten allgemeinen Sinn hätte. In erster Linie würde es eine gigantische Einschränkung unserer Freiheit bedeuten. Der vielleicht höchsten Freiheit, die wir Menschen überhaupt haben: Zu entscheiden, was unser Leben bedeuten soll.

Wer behauptet, das Leben hätte einen festgelegten Sinn, der muss sich auch ein paar kritische Fragen gefallen lassen. Zum Beispiel:

„Angenommen, das Leben hätte tatsächlich einen festgelegten Sinn, wer hätte ihm diesen beigemessen?“; „Wer hätte die Autorität dazu?“ und wo wir gerade dabei sind „Woran hätte er sich dabei wohl orientiert?“ und „Welchen Sinn sollte es haben, dass das Leben einen Sinn hat?“

Im Grunde bleibt bei diesem Gedankengang nur eine plausible Antwort übrig: GOTT. Oder welche Bezeichnung Dir lieber ist. Das setzt zum einen voraus, dass wir an Gott glauben und zum anderen an einen Gott, der ein Interesse daran hat, dem Leben einen Sinn aufzudrücken.

Hier kann man mit Neale Donald Walsh* zu Recht fragen „Wenn es (das Leben) einen (Sinn) hätte, wer würde ihn ihm zumessen? Und wenn Sie nun sagen >>Gott<<, dann stellt sich die Frage, warum Gott diesen Sinn erschaffen haben und uns dann jahrelang danach suchen lassen sollte.“

Das ließe sich noch um einiges vertiefen, aber hier wird auch so schon deutlich, dass selbst dann, wenn man an Gott glaubt, die Idee eines vorgefertigten und dem Leben übergestülpten Sinnes nicht funktioniert. Aber sie funktioniert sehr gut, wenn man eine Agenda hat und möchte, das die eigenen Schäfchen dieser Folgen und sich brav gemäß der Richtlinien verhalten, die man aufgestellt hat. Denn es ist ja schließlich „Gottes Wille“. Das aber nur am Rande.

Es scheint also überhaupt keine Rolle zu spielen, ob wir an Gott glauben oder nicht. In beiden Fällen macht die Idee eines festgelegten Sinns des Lebens keinen Sinn. Hier könnte man weiterfragen

„Würde ein allmächtiger Gott einen Sinn erschaffen, von dem er möchte, dass wir ihn erfüllen, uns gleichzeitig darüber im Dunkeln lassen, worin dieser Sinn besteht und dann mit ansehen, wie die meisten von uns ihn weder begreifen geschweige denn erfüllen, nur um dann zu erleben, dass seinem allmächtigen Willen nicht entsprochen wird?“

I don’t think so. Das wäre eine sehr kleine und sehr menschliche Version eines Gottes. Ich glaube nicht daran. Natürlich gibt es viele Religionen, Sektenführer usw. die uns sagen, worin der Sinn des Lebens ihrer Meinung nach besteht. Nur leider sind die wenigsten davon ehrlich oder reflektiert genug, um zuzugeben, dass es sich dabei eben um Meinungen handelt. Nicht mehr. Nicht weniger. Zusätzliche Verwirrung kommt dadurch zustande, dass sie sich nicht mal untereinander einige darüber sind, welchen Sinn das Leben haben soll. Also wer hat denn nun recht? Schwierig.

Häufig wird auch eine Funktion des Lebens mit dessen Sinn verwechselt. So sagen viele Anhänger Darwins beispielsweise, der Sinn des Lebens bestünde darin, die eigenen Gene weiterzugeben und somit das Überleben der eigenen Art zu sichern. Das ist sicherlich eine Funktion des Lebens, aber kein Sinn. Das würde eher darauf hindeuten, dass Leben der Sinn des Lebens ist. Demnach wäre Leben sein eigener Sinn. Was wiederum bedeuten würde, dass das Leben keinen übergestülpten „höheren“ Sinn hat und darin liegt in den Worte Walshs* „Gottes größtes Geschenk“. (Ganz unabhängig davon, ob Du an einen Gott glaubst, oder nicht).

2. Der individuelle Sinn unseres persönlichen Lebens

a) Bestimmung und Berufung

Beim individuellen Sinn des eigenen Lebens geht es dagegen um so etwas wie eine Mission. Eine Mission könnten wir beschreiben als

Jemand verschreibt sich einer bestimmten Sache und ordnet einen Großteil seines Lebens deren Verwirklichung  unter.

Ich habe erst kürzlich von einem Ehepaar gehört, das sein Kind durch einen Autounfall verloren hat und sich der gemeinsamen Mission verschrieben hat, den Straßenverkehr für Kinder sicherer zu machen, indem sie Schulklassen besuchen, den Schülern den Fall ihres Kindes berichten und im Anschluss Tipps für sicheres Verhalten im Straßenverkehr geben. Das ist eine Mission. In diesem Fall aus einem sinnvollen Umgang mit einem der schlimmsten Schicksalsschläge entstanden, die das Leben für einen bereithalten kann.

Natürlich lädt ein „persönlicher Auftrag von Gott“ uns mit noch größerer Bedeutung auf. Bedeutsamkeit ist im Konzept der „6 human needs“ nach Anthony Robbins eines der menschlichen Hauptbedürfnisse, deren Gewichtung zwischen den Menschen variiert. Kein Wunder also, dass sich sowas ziemlich gut anfühlen kann und viele nur zu gerne daran glauben möchten, von Gott in der einen oder anderen Weise auserwählt worden zu sein. Daran ändert sich auch nichts, wenn dieser persönliche Auftrag mit vielen Entbehrungen einhergeht. Diese unterstreichen tatsächlich eher noch die Bedeutsamkeit der eigenen Mission.

Damit sind noch lange nicht alle Möglichkeiten abgehandelt. Auf diesem Gebiet gibt es sehr viel Verwirrung und vieles beruht auf Mythen, was einer der Gründe sein dürfte, warum viele sich bei der Suche nach dem Sinn ihres Lebens überfordert fühlen. Das Angebot „da draußen“ gleicht einer Supermarktauslage mit 5.000 verschiedenen Joghurts. Alle scheinen irgendwie etwas für sich zu haben, aber uns fehlt jegliche Beurteilungsgrundlage. Zurück bleiben eine Menge Orientierungslosigkeit und Frust und nach einigen Versuchen brechen die meisten die Suche ab und gehen ohne Joghurt nach Hause. Doch dafür ist unser Leben zu kostbar!

Zum Glück finden diejenigen unter uns, die die Sinnfrage quält, niemals dauerhaft Ruhe, bis sie ihre eigene Antwort gefunden haben und zu leben beginnen. Je mehr Jahre wir gelebt haben – oder anders formuliert: Je weniger Jahre uns bleiben, desto mehr drängt sich uns die Sinnfrage auf, desto unerträglicher wird ein Sinn-Vakuum für uns. Aufgrund dieser Überforderung und Orientierungslosigkeit gestalten viele die Suche nach dem Sinn des Lebens wie die Suche nach Eiern an Ostern. Mit richtig gut versteckten Eiern!

b) Dem Leben und dem Augenblick selbst Sinn verleihen

Das Problem steckt in dem Wort „Suche“. Wir können nichts finden, was nicht da ist. Aber wir können etwas erschaffen. Das ist wahre Schöpfung. So kommt das Neue in die Welt. So kommt unser Eigenes in die Welt! Und bürdet uns eine Menge Verantwortung auf. Denn plötzlich sind wir selbst es, die aufgrund unseres Wertesystems entscheiden müssen, was für uns „richtig“ und „falsch“ ist. Wir haben dann zwar weiterhin die Möglichkeit, von unserem individuellen Lebensplan (Seelenplan, …) abzuweichen, aber wir können es nicht mehr unbewusst tun. Indem wir entscheiden, welchen Sinn und welche Bedeutung wir unserem Leben geben wollen, übernehmen wir Verantwortung.

Vielleicht ist es auch deshalb so viel leichter, keine Entscheidung zu treffen und lieber nach dem Sinn des Lebens zu suchen, anstatt ihn für sich selbst zu definieren. Denn dann müssen wir schließlich auch dafür gerade stehen.

Die Logotherapie Viktor Frankls und besonders deren Weiterentwicklung nach Alfried Längle haben uns nach Sinn Dürstenden hier viel zu bieten. Basierend auf unserem individuellen Wertesystem erleben wir uns hierbei nicht als Opfer der Umstände, das nach Sinn in oft sinnlos und unfair erscheinenden Lebensumständen sucht, sondern als vom Leben Angefragte, deren Antwort immer auch eine Aussage über das, was uns wichtig ist und ausmacht, enthält.

Nach diesem Verständnis konfrontiert uns das Leben mit einer Einschränkung oder Gelegenheit und fragt uns damit an, wer wir in Bezug auf diese Situation zu sein entscheiden. Anders ausgedrückt – welchen Aspekt unserer Selbst wir zum Ausdruck bringen wollen. Somit durchlaufen wir einen tiefgreifenden Prozess an dessen Ende eine Antwort steht, mit der wir unser Eigenes in die Welt bringen.

Insbesondere für den Umgang mit Situationen und Herausforderungen des täglichen Lebens ist dies eine hervorragende Methode, um Sinn und Bedeutung in unser Leben und unsere Entscheidungen zu bringen und damit zu einem auf allen Ebenen gefühlten inneren „Ja“ zu dem, was ist, zu kommen.

Sie eignet sich darüber hinaus hervorragend, um sich auf den eigenen Lebensplan einzuschwingen. Insbesondere in Kombination mit einer geschulten Intuition.

c) Unser individueller Lebensplan im Einklang mit der Bewegung des Ganzen

Neben denen, die im religiösen Sinne an eine persönliche Bestimmung und Berufung von Gott (dem Universum, Erzengel Gabriel, …) glauben und denen, die überzeugt sind, dass der Sinn in jedem Augenblick völlig frei bestimmbar ist, gibt es noch eine dritte sehr interessante „Richtung“, die zunächst nicht direkt mit Sinn zu tun hat und doch dem eigenen Leben Bedeutung und Sinn-Erleben verleiht, wie es kaum etwas sonst vermag. Und auch weitere spannende Phänomene lassen sich hier immer wieder beobachten.

Wer sich beispielsweise vorurteilsfrei und tief mit dem Tao beschäftigt, ist mit dem Gedanken vertraut, dass sich das Leben auf natürliche Art und auf eine höchst individuelle Weise aus sich selbst heraus entwickelt, wenn man es lässt. Diese Beobachtung wird von Lao Tse schön in seinem berühmten Satz „Der Edle tut nichts und doch bleibt nichts ungetan“ (je nach Übersetzung) aus dem Tao te King ausgedrückt.

(Ich werde an anderer Stelle tiefer auf diese einzelnen Themen und Zusammenhänge eingehen. Dieser Artikel soll nur eine kleine Einordnung und grobe Übersicht ermöglichen. Irgendwo muss man beginnen.)

Wenn wir dieser Idee folgen und sie mit unserem freien Willen, selbst zu entscheiden, was etwas für uns bedeutet, kombinieren, beginnt ein verborgenes Bild hindurch zu schimmern. Unser Leben entfaltet sich auf natürliche Weise. Je weniger wir ihm hinein pfuschen und je mehr wir stattdessen dem natürlichen Fließen von Allem vertrauen, desto besser scheint unser Leben in Fluss zu kommen. Das verlangt uns eine Haltung ab, in der wir uns mit Bewertungen weitestgehend zurückhalten, da wir erkannt haben, dass wir selbst nicht wissen können, was etwas in letzter Instanz bedeutet und wofür es gut ist. Wir können lediglich festlegen, was es für uns persönlich bedeuten soll, doch das ist etwas völlig anderes.

Wenn sich alles oder das Ganze nun auf eine bestimmte Art aus sich selbst heraus entfaltet, die jenseits unserer individueller Bewertungen stattfindet und perfekt funktioniert, dann spielen auch wir eine Rolle darin. Als Teil von allem, das sich entfaltet. Wenn sich etwas entfaltet, dann tut es das auf eine bestimmte Art und Weise. Das gilt auch für unser Leben. Wir könnten hier also der Einfachheit halber von einem individuellen Lebensplan innerhalb des großen Ganzen sprechen. So entfaltet sich unser Leben als Bestandteil und im Einklang mit der Entfaltung des großen Ganzen auf eine bestimmte Art und Weise.

Gleichzeitig scheint uns die Möglichkeit gegeben zu sein, von diesem individuellen Lebensplan innerhalb gewisser Grenzen abzuweichen. Innerhalb gewisser Grenzen deshalb, weil es bestimmte Umstände gibt, die für uns Menschen nicht änderbar und beeinflussbar sind. Wir können uns beispielsweise nicht aussuchen, wie groß wir sind oder wer unsere leiblichen Eltern sind, aber wir können entscheiden, was unsere Größe oder unsere leiblichen Eltern – so wie sie sind, für uns bedeuten sollen und was wir aus den nicht veränderbaren Aspekten unseres Lebens „machen“ wollen. Das ist nur ein scheinbarer Widerspruch, denn alles kann für etwas „genutzt“ werden, um Gutes daraus entstehen zu lassen. Siehe das Beispiel mit den Eltern, deren Kind bei einem Unfall umkam.

Nun können wir weiter davon ausgehen, dass unser Leben immer dann gut funktioniert und wie von selbst fließt, wenn wir im Einklang mit unserem Lebensplan sind und dann beginnt, zäh zu werden und zu stocken, wenn wir zu weit davon abweichen. Vielleicht kennst Du selbst Phasen in Deinem Leben, in denen Dir mühelos alles gelungen ist und Du vom Leben getragen wurdest. Gute Gelegenheiten sind Dir fast von selbst zugeflogen und alles fühlte sich irgendwie natürlich und wie das Surfen auf einer guten Welle an. Und dann gibt es Phasen, in denen wir uns anscheinend noch so sehr anstrengen können, es will uns einfach nichts gelingen. Es ist wie verhext. Je mehr wir uns anstrengen, desto weniger scheint unser Leben zu funktionieren. Selbst die einfachsten Dinge klappen dann nicht mehr. Könnte ich Dir ein Lied von singen.

In meinem Bild gleicht vom eigenen Lebensplan abzuweichen dem Versuch, einen Fluss gegen die Strömung hinauf zu schwimmen. Selbst der beste Schwimmer kommt hier nicht voran. Dem Lebensplan zu folgen bedeutet demnach mit dem Fluss (des großen Ganzen) zu schwimmen. Selbst der schlechteste Schwimmer ist hier unendlich schneller, als der beste Schwimmer flussaufwärts. Und sogar wenn der Schwimmer, der mit dem Fluss schwimmt, zu schwimmen aufhört, fließt er mit der Bewegung des großen Ganzen und wird vom Fluss an sein Ziel getragen.

Fließen wir mit dem Fluss, ereignen sich oft wunderbare „Zufälle“, die uns fördern und auf unserem Weg voranbringen. Das ist keine besonders neue Erfahrung. Viele von uns haben das schon erlebt und Menschen, die entweder intuitiv oder weil sie es gelernt haben, ihrem Lebensplan folgen, erleben so etwas zu Hauf. Bereits C. G. Jung hat sich mit diesen nicht ursächlich (Akausalität) jedoch scheinbar sinnhaft verbundenen „Zufällen“ auseinandergesetzt und sie als „Synchronizität“ bezeichnet. Folgen wir unserem Lebensplan, scheint das Leben uns „zuzuarbeiten“. Der bekannte Autor John Strelecky spricht in seinen Büchern hier vom „ZdE“, dem „Zweck der Existenz“.

Selbst entscheiden oder Seelenplan – was gilt?

Wie verträgt sich dieser Lebensplan nun mit der selbstbestimmten Festlegung davon, was etwas in unserem Leben bedeuten soll, wie sie in der Existenzanalyse gebräuchlich ist? Im Grunde herovrragend. Die persönliche Antwort auf gegebene Lebensumstände, wie sie in der Existenzanalyse angestrebt wird, basiert immer auf individuellen Werten – also einem Bewusstsein dafür, was uns wichtig ist. Natürlich gilt es hier zu prüfen, ob ein Wert tatsächlich ein individueller Wert von uns selbst ist oder lediglich daher stammt, dass man uns diesen im Rahmen von Erziehung und Konditionierung eingeimpft hat. Aber auch das gehört zum Prozess.

Gehen wir von der Idee eines individuellen Lebensplans aus, wird deutlich, dass wir diesem am wahrscheinlichsten folgen, wenn wir im Einzelfall im Einklang mit unseren Werten entscheiden und so auf jeden Augenblick unseres Lebens reagieren, dass wir mit unserer Reaktion (Antwort, Stellungnahme) unser „Eigenes“ in die Welt bringen. Hier ist natürlich eine geschulte Intuition oder ein „gutes Bauchgefühl“ ein enorm wertvolles Werkzeug, um unserem individuellen Lebensplan noch besser zu folgen.

Was bedeutet das für mich persönlich?

Obwohl ich bei den meisten eher als kritischer Geist bekannt und sicherlich kein Freund von Feierabendesoterik bin, hat mich eine Reihe tiefgehender Erfahrungen und die jahrelange Beschäftigung mit den diesem Artikel zugrunde liegenden Themen dahin gebracht, dass ich heute nicht anders kann, als es für wesentlich wahrscheinlicher zu halten, dass in Bezug auf die angesprochenen Themen gilt, was Shakespeare seinen Hamlet so schön ausdrücken ließ: „Es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als eure Schulweisheit sich träumen lässt.“

Heute sind wir an dem Punkt, dass wir schon in vielem nicht mehr ausschließlich auf Glauben angewiesen sind. Fortschritte auf Gebieten der Quantenphysik oder Neurobiologie (Spiegelneuronen, etc.) geben uns Schlüssel und Hinweise, beobachtbare „Wunder“ zumindest wissenschaftlich mit einer Theorie zu untermauern.

Für mich ist der Zeitpunkt gekommen, mit diesen Themen und meinen eigenen Erfahrungen und Gedanken dazu aus meinem Elfenbeinturm zu kommen. Nachdem ich mich so lange im Stillen damit auseinandergesetzt, erfahren, erlebt und teilweise mit offenem Mund gestaunt habe und wenn überhaupt, dann nur einigen wenigen Klienten davon erzählt habe – denen, bei denen ich den Impuls hatte, dass es für sie wichtig sein könnte – folge ich nun meinem individuellen Lebensplan und werde mehr von meinen Gedanken und Erfahrungen dazu veröffentlichen – mehr Eigenes in die Welt bringen. Ich habe mich die letzten Wochen sehr zurückgezogen, um Luft zu holen. Nun beginnt langsam die Zeit des Ausatmens.

Für mich keine Kleinigkeit, denn aufgrund meiner persönlichen Lebenserfahrungen war es mir immer wichtig, mich möglichst nur zu Dingen zu äußern, die man bestens wissenschaftlich-theoretisch untermauern und beweisen kann und die von vornherein das durch nichts zu beschädigende Etikett „hochseriös“ tragen. Den Rest habe ich lieber für mich behalten. Das ist bei Themen wie dem Sinn des Lebens, Lebensplänen, Intuition und Synchronizität nicht immer bis in den letzten Winkel möglich. Dennoch werde ich natürlich versuchen, alles so fundiert wir möglich zu untermauern. Schließlich möchte ich mir wenigstens selbst treu bleiben.

Dennoch macht es mich angreifbar. Das ist mir bewusst und das nehme ich in Kauf. Denn es kommt im Leben eines jeden von uns der Tag, an dem wir gefordert sind zu leben, was wi predigen oder es zumindest ehrlich zu versuchen. Und ich habe lange genug versucht, den Ruf der inneren Stimme zu unterdrücken, mich diesbezüglich endlich mit meinem „Eigenen“ in den Wind zu stellen.

Das bringt Dich wiederum in die Position, in der Du als Leser selbst und nur für Dich entscheiden musst: „Ist das stimmig für mich? Fühlt sich das nach etwas an? Ist da etwas?“

Diese Selbstprüfung kann ich Dir nicht abnehmen und möchte es auch gar nicht. Sie ist bereits Ausdruck des Prozesses. Denn indem Du hier eine Entscheidung triffst und Deiner Intuition vertraust, bringst Du bereits „Dein Eigenes“ in die Welt. Ich freue mich, wenn wir uns dabei begegnen.

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*Leon Festinger: Theorie der Kognitiven Dissonanz, Huber Verlag Bern, 2012
*Neale Donald Walsh: Bring Licht in die Welt, Wilhelm Goldmann Verlag München, 2012
*John Strelecky: Das Café am Rande der Welt: eine Erzählung über den Sinn des Lebens, dtv Verlag, 2007
*John Strelecky: Wiedersehen im Café am Rande der Welt: eine inspirierende Reise zum eigenen Selbst, dtv Verlag, 2017
*John Strelecky: Safari des Lebens, dtv Verlag, 2010
*John Strelecky: The Big Five for Life: Was wirklich zählt im Leben, dtv Verlag, 2009
*John Strelecky: Das Leben gestalten mit den Big Five for Life: Das Abenteuer geht weiter, dtv Verlag, 2018
*Viktor Frankl: Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn: Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk, Piper Taschenbuch Verlag, 1985
*Alfried Längle: Sinnvoll leben: Eine praktische Anleitung der Logotherapie, Residenz Verlag, 2011
*C. G. Jung: Synchronizität, Aukausalität und Okkultimus, Deutscher Taschenbuch Verlag, 2001
*Lao Tse: Tao te king: Das Buch vom Sinn und Leben, Lao Tse (Autor), Richard Wilhelm (Übersetzer), Nikol Verlag, 2010

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