Wie Du aufhörst, Dich selbst runter zu machen

Wie Du aufhörst, Dich selbst runter zu machen

„Hass ist gescheiterte Liebe.“
Søren Kierkegaard

Auch wahr für Selbsthass und seine milderen Vorstufen.

Selbstabwertungsschleifen

So nenne ich die erlernten Muster, mit denen wir unsere Selbstliebe zerstören.

Beginnen wir beim Gegenteil: Selbstliebe.

Selbstliebe? Aber bitte authentisch.

Zwanzig Jahre lang bin ich einem Pfad gefolgt, der mich immer weiter von mir selbst entfernt hat.

Ich habe mich nicht gemocht.

Also habe ich versucht, jemand anderer zu werden. Mich so sehr zu verändern, bis ich diese neue Version von mir mag.

Und festgestellt: Ich bin zu ungelenkig, um mich so zu verbiegen, dass ich mich selbst lieben könnte.

Am Ende meines rastlosen Selbstoptimierungswahns kam ich mir wie eine leere Hülle vor.

Irgendwann drängte sich mir eine Frage auf:

Was hat es mit Selbstliebe zu tun, wenn ich erst werden muss, wer ich nicht bin, damit ich den lieben kann, der ich bin?

Mein Cousin würde es treffender ausdrücken:

„Das ist doch total hirnrissig, was du da machst.“

Wo er Recht hat!

Wie kommt es dazu, dass wir uns sowas antun?

Wenn äußere zu inneren Kritikern werden

Objektrepräsentanzen. So nennt der Psycho-Onkel das innere Abbild von Personen, die wir im Außen erlebt und die Spuren in uns hinterlassen haben. Egal ob positive oder negative.

Wir verinnerlichen das Abbild der Person, wie sie uns zu jener Zeit erschienen ist. Verhaltensweisen, Stimme, beliebte Sätze, Meinungen, Vorlieben, Abneigungen.

Vollständiges Abbild.

Objektrepräsentanzen entsprechen nicht genau den echten Personen. Wir bilden sie so in uns ab, wie wir sie erlebt haben.

Daran sind Selbstanteile beteiligt. Wir konstruieren unsere innere Objektwelt selbst. Unter Einbeziehung der Erfahrungen, die wir mit den äußeren „Objekten“ gemacht haben.

Besondere Bedeutung haben unsere inneren Eltern. Wir wissen heute, dass wir nicht nur die Erfahrungen unseres inneren Kindes in uns abbilden, sondern gesamte so genannte Komplexepisoden.

Bei einer verletzenden Erfahrung speichern wir nicht nur unsere eigene Erfahrung, sondern verinnerlichen auch ein Modell der anderen beteiligten Personen.

Deshalb verhalten wir uns manchmal wie die, die uns geschadet haben. Auch wenn wir das nie tun wollten. Und haben Schuldgefühle.

Mehr darüber:

Warum wir uns oft wie unsere Eltern verhalten, obwohl wir das nie tun wollten

Unsere Persönlichkeitsteile stehen untereinander in Beziehung. Wir verinnerlichen das Beziehungsgeflecht unserer Objektrepräsentanzen untereinander und zu unserem früheren Selbst.

In uns ist es heute noch so, wie früher um uns herum.

Wenn Du tiefer einsteigen möchtest:

Wie Deine „inneren Eltern“ Dich gefangen halten – und wie Du Dich endlich befreien kannst

Kommen wir endlich zu den Selbstabwertungsschleifen.

Selbstabwertungsschleifen – ein angelernter Teufelskreis

Selbstabwertungsschleifen sind angelerntes Verhalten. Sie haben drei Hauptbestandteile:

  1. Glaubenssätze
  2. Selbstansprüche
  3. Bestätigung der ursprünglichen Glaubenssätze

1. Glaubenssätze

Im Laufe unseres Lebens bilden wir Glaubenssätze über uns selbst, die anderen und die Welt bzw. das Leben an sich.

Sie bilden nicht die letztendliche Wirklichkeit ab. Nur das, was andere über uns gesagt, oder was wir selbst aus den Erfahrungen unseres Lebens geschlossen haben.

2. Selbstansprüche

Natürlich können wir das nicht so stehen lassen. Mit der Zeit entwickeln wir kompensatorische Verhaltensweisen, die den einschränkenden Glaubenssätzen entgegenwirken und sie überwinden sollen.

Wir glauben, weil wir so eingeschränkt sind, müssten wir im Vergleich zu anderen

  • besonders hart an uns arbeiten
  • immer perfekt sein und keine Fehler machen
  • immer stark und unabhängig sein
  • uns immer beeilen
  • es allen recht machen

Die Transaktionsanalyse spricht von „Wegweisern“ oder „Gegeneinschärfungen“.

Charakteristisch für Wegweiser ist, dass sie völlig überzogen sind und kein Maß kennen. Sie sind nicht erfüllbar und führen zu Versagenserlebnissen. Damit bestätigen sie unsere negativen Glaubenssätze über uns selbst.

3. Bestätigung der ursprünglichen Glaubenssätze

Wir können unseren Wegweisern nicht gerecht werden.

Und es wird noch haariger:

Glaubenssätze sind Wahrnehmungsfilter. Ereignisse, die ihnen entgegen stehen, tilgen wir aus unserer Wahrnehmung oder verzerren sie so, dass unser Weltbild aufrecht erhalten bleibt.

Wir registrieren nicht, wenn wir mal besser sind, als wir laut unserer einschränkenden Glaubenssätze sein dürften.

Wenn wir es überhaupt bemerken, tun wir es als Ausnahme ab. Begleitet von Killerphrasen:

„Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.“

Schon haben wir den Ausgangszustand wieder hergestellt. So spielen die Ausnahmen keine Rolle in unserer Wahrnehmung. Während alles, was zu unseren einschränkenden Glaubenssätzen passt, als Bestätigung ihrer Gültigkeit erlebt wird.

Warum tun wir uns das an?

Selbstabwertungsschleifen sind gut gemeint.

Sie triggern unsere Ängste und sollen uns Feuer unterm Hintern machen.

Eine archaisches Motivationsmuster unseres Gehirns. Soll uns motivieren, uns richtig ins Zeug zu legen, um unsere „Unzulänglichkeiten“ zu überwinden.

Gut gemeint. Soll unser Überleben sichern. Hat es in einem vergangenen Zeitalter sicher auch mal.

Passt nur nicht mehr in unsere heutige Zeit. Es gibt bessere Wege.

Existiert ein Gegengift?

Selbstabwertungsschleifen sind hartnäckig aber nicht unüberwindbar. Es gibt geeignete Methoden, um ihnen beizukommen.

Zum Beispiel das gesamte Spektrum der Glaubenssatzarbeit.

Oder die Arbeit mit dem inneren Kritiker. Schau mal hier:

Der innere Kritiker – Wie er Dein Selbstwertgefühl untergräbt und wie man ihm beikommen kann

Es gibt noch einen Königsweg. Wenn er richtig gegangen wird, hat er sich als besonders effektiv erwiesen. Der Weg der heilsamen (korrektiven) Beziehungserfahrungen.

Dazu musst Du das Haus des Selbstwerts kennen.

Haus des Selbstwerts

Oft heißt es, man müsse sich erst selbst lieben, bevor man andere lieben kann. Nichts dagegen. Nur wird leider in dieser Aufzählung meist der wichtigste Teil unterschlagen.

Wir müssen zuerst wiederholt und nachhaltig die Erfahrung gemacht haben, geliebt zu werden, um das Gefühl zu bekommen, wirklich liebenswert zu sein.

Benjamin Franklin sagte:

„Man kann nicht erwarten, dass ein leerer Sack aufrecht steht.“

Recht hat er! Ich muss dafür anerkannt worden sein, dass ich einfach da und am Leben bin. Ohne Kunststückchen aufführen zu müssen, um den anderen zu gefallen.

Anerkennung, die mir gilt. Nicht meinen Leistungen oder angenehmen Eigenschaften.

Viele von uns haben das nie ausreichend erfahren. Selbst dann nicht, wenn es die Eltern wirklich gut gemeint haben. Wir gehen dann mit einem Mangel durchs Leben.

Ein Vakuum in unserem Herzen.

Haben eine ungestillte Sehnsucht, ein ungestilltes Beziehungsbedürfnis.

Um zu genesen, müssen wir neben die alten negativen, neue heilsame Beziehungserfahrungen stellen.

So verlieren die alten Erfahrungen ihre uneingeschränkte Gültigkeit.

Die alte Sichtweise auf uns selbst verliert damit an Boden. Es existieren neue Erfahrungen, die uns zeigen, dass die Welt auch ganz anders sein kann.

Mehr dazu:

Wer in Beziehung krank geworden ist kann auch nur in Beziehung wieder gesund werden

Fazit

Selbstabwertungsschleifen sind normal und erfüllen sogar einen Zweck. Trotzdem sind sie unserem heutigen Leben unangemessen.

Sie ziehen uns immer wieder in die Vergangenheit unserer eigenen Verletzungsgeschichte und machen uns weis, unsere Welt sei noch so, wie wir es „damals“ erlebt haben.

Es gibt viele Wege, ihnen beizukommen. Ein erster Schritt ist immer, das Muster zu erkennen. Sich bewusst zu machen, wann es anspringt. Aus welchen Teilen es besteht.

Nach der Kybernetik 2. Ordnung können wir ein System nicht beobachten, ohne es gleichzeitig zu beeinflussen.

Gilt auch für Verhaltensmuster.

Durch die Arbeit an unseren Selbstabwertungsschleifen reduzieren wir Stress und steigern unser Selbstwertgefühl. Wir zeichnen ein realistischeres Bild von uns selbst.

In der Arbeit mit meinen Klienten ist der Ausstieg aus den Selbstabwertungsschleifen ein wichtiger Faktor in der Persönlichkeitsentwicklung. Ein bedeutender Schritt näher an den Kern des eigenen Seins.

Tipp: Wenn Du in diesem Bereich wirklich etwas verändern möchtest, kann ich Dir meinen Audio-Kurs „STÄRKER – Mehr Selbstvertrauen in 7 Tagen“ empfehlen.

Dort erhältst Du neben nützlichen Informationen um Dich selbst und andere besser zu verstehen, auch effektive Übungen, mit denen Du Dein Selbstvertrauen systematisch verbessern kannst.

Unter dem folgenden Link kannst Du Dir eine kostenlose Hör- und Leseprobe herunterladen.

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Titel-Photo: pixabay.com
Lizenz: CCO Public Domain
Fotograf: langll

Weiterführende Literatur:

* Haus des Selbstwerts angelehnt an: Thomas Weil, Martina Erfurt-Weil, „Selbstwirksamkeit und Performance – ROMPC®-Kompendium Theorie- und Trainingshandbuch“, MEW Medienedition Weil e.K., Ausgabe 2010
*F. Schulz v. Thun, Miteinander reden, Band 1-3, Rowohlt Verlag, Sonderausgabe September 2008
*Werner Rautenberg, Rüdiger Rogoll, „Werde, der du werden kannst“, Herder Verlag, 25. Gesamtauflage
*Rüdiger Rogoll, „Nimm dich, wie du bist“, Herder/Spektrum- Verlag, 30. Gesamtauflage
*Eric Berne, „Spiele der Erachsenen“, Rowohlt Verlag, Auflage 337.-348.Tausend März 1995
*Eric Berne, „Was sagen Sie, nachdem Sie >Guten Tag< gesagt haben?“, Fischer Verlag, 20. Auflage Juni 2007
*Thomas A. Harris, „Ich bin o.k., Du bist o.k.“, Rowohlt Verlag, 37. Auflage Oktober 2002
*Thomas A. Harris, Amy Bjork Harris, „Einmal o.k., immer o.k.“, Rowohlt Verlag, August 1990

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9 KOMMENTARE

  1. Lieber Andreas,

    vielen Dank dafür, dass Du mit diesem wunderbaren Artikel an meiner Blogparade teilgenommen hast.

    Ich empfinde Deinen Beitrag als Bereicherung, vor allem deshalb, weil er auch einen Einblick in die Hintergründe ermöglicht. Ich schätze Dein fachliches Wissen sehr. Für mich erschließen sich die Dinge fast überwiegend intuitiv.Der theoretische Zugang fällt mir manchmal etwas schwer. Daher bin ich sehr dankbar für diese gründliche Aufarbeitung.

    Zudem hat es mir sehr viel Freude gemacht, an dieser Stelle mit Dir zusammenzuarbeiten und Dich so ein bisschen besser kennenzulernen.

    Einen herzlichen Gruß und bis bald
    Claudia

    • Liebe Claudia,

      herzlichen Dank für Deine lieben und anerkennenden Worte. Mir hat es ebenfalls viel Freude bereitet und ich danke Dir für die Einladung zu Deiner Blogparade. Ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg und Spaß damit.

      Herzliche Grüße,
      Andreas

  2. Lieber Andreas,

    ich bin seit meinem letzten Post vom Mittwoch nicht mehr online gewesen. Es war jetzt gewollter „reiner Zufall“, dass ich diesen Blog hier sah. Ich brauche eigentlich nur den Link von dem Video, wie man sich selber sieht und wie andere einen sehen, deswegen bin ich hier. Ich wollte ihn an die Therapeutin meines kleinen Hüpfers schicken. Sie ist somit die 3. im Bunde (außer Dir und Thilo) 😉

    Ja, mit diesem Blog sagst Du eigentlich gernau das aus, wovon ich immer überzeugt war. Thema Selbstliebe: „Man muss sich nur selbst lieben und alles löst sich in Wohlgefallen auf“ *IRONIE OFF* … so wird es doch aus den Eso-Kreisen einem eingetrichtert. Dem kann ich nicht zustimmen, da stellt sich bei mir alles senkrecht nach oben. Und dieses Fundament, welches Du beschrieben hast, dieses hatte ich für 2 Jahre. Es stärkt einen so dermaßen. Fundament weggebrochen und bin so nach und nach wieder in dieser Schleife gelandet.

    Ich danke Dir für diesen Blog.

    Liebe Grüße Neme

    • Liebe Neme,

      von Herzen gerne. Dieses Thema ist mir auch schon so lange ein Dorn im Auge, dass ich fand, es wurde mal Zeit für einen entsprechenden Post.

      Herzliche Grüße und schön, dass Du „wieder da“ bist, 🙂
      Andreas

  3. Hallo,toller Artikel und jetzt wird mir klar warum man mich in der Klinik wirklich andauernd anspricht und hinterfragt wenn ich mal wieder Sätze wie „selber schuld“ oder den ganzen Tag lächelnd in der Gegend rum laufe.Es ist sehr interessant Deine Ausführungen zu lesen,sie ergänzen sich mit dem Konzept der Klinik und zeigt mir,dass ich auf dem richtigen Weg bin.

    lg Marion

    • Hallo Marion,

      das freut mich sehr zu lesen. Vor allem, dass Du auf einem guten Weg bist. 🙂

      Genau für den wünsche ich Dir weiterhin von Herzen alles Gute und viel Erfolg.

      Liebe Grüße,
      Andreas

  4. Ich bin gerade überwältigt wie sehr dieser Artikel meine Gefühlswelt wiederspiegelt ????

    Immer dieser Spruch um andere zu lieben muss man sich erst selbst lieben…
    Ja die Liebe mag dich verändern aber wie soll ich mich selbst lieben wenn ich offenbar als Kind gelernt hab es gibt keinen Grund mich zu lieben?
    Das müssen andere meinem Erwachsenen Anteil erstmal beibringen und der wiederum muss dann das Kind in mir überzeugen.

    Aber ich lerne und mein Sach füllt sich langsam, nachdem ich in der Lage dieses riesige Loch am Boden mal wenigstens ansatzweise zu stopfen ☺️

    Danke!

    • Liebe Kirsten,

      es freut mich, dass Du mit dem Artikel etwas anfangen konntest. Danke für Dein liebes Feedback sorry dafür, dass ich ihn erst so spät freigeschaltet habe. Ich war die letzten Tage kaum am PC und die Grundeinstellung beim Blog ist so, dass alle Kommentare mir erst zur Prüfung vorgelegt werden, um zu verhindern, dass jemand meine Plattform nutzt, um illegale Inhalte zu posten. Deshalb kann es manchmal etwas länger dauern. 🙂

      Liebe Grüße,
      Andreas

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