„Verdammt, ich hab’s schon wieder getan!“ – Die unbequeme Wahrheit über Rückfälle!

Die Wahrheit über Rückfälle

„Die schlimmsten Fehler werden gemacht, in der Absicht, einen begangenen Fehler wieder gut zu machen.“
Jean Paul

Wir alle kennen das: wir haben uns fest vorgenommen, etwas zu ändern. In Zukunft keine Kippen mehr, nicht immer vor den sexuellen Anzüglichkeiten des Chefs wegducken und eigentlich tut’s doch auch eine statt zwei Falschen Wein am Abend, oder?

Und dann? Meist dauert es nicht lange und wir erwischen uns genau bei dem, was wir doch so vehement lassen wollten. Bei mir sind es momentan zum Beispiel Süßigkeiten (wer hat dieses verdammte Weihnachtsgebäck in die Auslagen gelegt? Wir haben September!!!)

Rückfälle sind heikle Momente, die unsere ungeteilte Aufmerksamkeit erfordern. Allein die Bezeichnung beinhaltet eine Wertung, die sich negativ auswirkt. Rückfälle haben immer einen Beigeschmack von „Ah geh! I bin halt eh zu doof!“ (sorry für mein schlechtes Bayrisch – war ’n Versuch).

Wir haben das Problem sorgfältig analysiert und den festen Entschluss gefasst, es in Zukunft besser zu machen. Klappt meist ne Weile ganz gut. Willenskraft kann einiges bewegen. Solange wir halbwegs im Gleichgewicht sind.

Aber lass mal ne Woche die Kinder nachts schreien, den Chef schlecht drauf sein und hab am besten noch das Frühstück verpasst. Zack! Und vorbei ist’s mit allen guten Vorsätzen. (Diese verdammten Spekulatius).

Die Nummer mit der Willenskraft funktioniert nämlich nur so lange, wie unsere mentalen Abwehrposten gut ausgeruht sind. Wird die Abwehr geschwächt, reicht Willenskraft alleine nicht mehr aus. Und dann passiert es: Wir verfallen in Fatalismus.

Sinngemäß rekonstruierter Auszug aus meinem eigenen inneren Dialog:

„Ach Mistkacke, jetzt habe ich diesen einen Spekulatius gegessen, jetzt ist eh alles dahin. Nun, da ohnehin alles verloren ist, kann ich auch noch die restliche Packung essen. Hat ja eh alles keinen Sinn. Und ooohhh sind das Lebkuchen dort drüben? …“

Ein bis zwei Spekulatiuspackungen später fühlen wir uns dann mistig und baden in Schuldgefühlen.

Und da ist sie schon, die Schuldscheinfalle!

Wir lösen negative Gefühle (Schuldgefühle, Selbstablehnung, Selbstvorwürfe, demoliertes Selbstwertgefühl, Opfergefühle, Schuldzuweisungen [diese fieslichen Supermarktbetreiber], Hoffnungslosigkeitsgefühle, usw.) ein, um uns selbst die Erlaubnis zu geben, es wieder zu tun!

Ich möchte, dass Du das hier wirklich mitbekommst. Es ist so wichtig, dass ich es hier nochmal wiederhole:

Wir leiden, um es wieder tun zu können!

Unsere Schuldgefühle sind die Währung, die wir einlösen, um genau so weitermachen zu können, wie zuvor. Es braucht zugegeben ein gerütteltes Maß an Ehrlichkeit mit sich selbst, um das einzusehen.

Haben wir nach einem „Rückfall“ genug gelitten, ist unser Konto wieder ausgeglichen und wir sind bereit, es wieder zu tun (das h’am wa uns verdient). Spür mal ganz tief in Dich rein, ob da was klingelt.

Mich faszinieren diese Spielchen, die wir da mit uns selbst spielen. Das entbehrt nicht einer gewissen Eleganz, findest Du nicht? Man muss schon ganz schön clever sein, um sich so selbst zu veräppeln, dass man es nicht merkt.

Was oberflächlich wie eigene Blödheit aussieht, ist in Wahrheit ein geschicktes Ausbalancieren unterschiedlicher entgegengesetzter Bedürfnisse. Denn wir sind mehr als unser Wille und all die guten Absichten. Ich finde das ziemlich smart.

Eine etwas andere Sicht auf Rückfälle

Mich hörst Du das Wort „Rückfall“ eher selten sagen (außer in diesem Beitrag). Ich bevorzuge

„Eine Ehrenrunde im alten Muster drehen“

Das klingt weniger dramatisch. Und weniger Drama ist meistens eine gute Idee. Es ist für unser Überleben enorm wichtig, dass wir die Komplexität in unserem Leben reduzieren. Dafür sind all die mentalen, emotionalen und Verhaltensmuster da. Wir müssen nicht jede Situation neu analysieren. Wir können auf Altbewährtes zurückgreifen.

Hätten wir diese Fähigkeit nicht, würden wir bei den komplexen Anforderungen jedes Tages kaum über das morgendliche Zähneputzen hinauskommen. Allerdings wäre es dann schon spät abends, wenn wir endlich dazu kommen.

Von denen, die das mit den Mustern nicht drauf hatten, stammen wir nicht ab. Wenn der berühmte Säbelzahntiger vor unseren Urahnen stand, war erstmal rennen und hinterher analysieren meistens eine gute Idee. Das ist Reduzierung von Komplexität. Eine äußerst sinnvolle Sache.

Unser Gehirn erkennt permanent Muster in unserer Umwelt und speichert diese ab. Es merkt sich, was schon einmal gut funktioniert hat und hält daran fest. Dafür muss das, was es sich merkt, nicht mal besonders gut funktioniert haben. Es muss einfach „irgendwie“ funktioniert haben.

Da Du noch leben musst, um diese Zeilen zu lesen, hat alles Bisherige in Deinem Leben „irgendwie“ gut funktioniert. Sonst wärst Du nicht mehr hier. Der primäre Zweck unseres Gehirns ist nämlich nicht, uns glücklich zu machen, sondern unser Überleben zu sichern.

Dass Du dies hier lesen kannst bedeutet: Dein Hirn macht, was es soll! Und das ist doch auch gut zu wissen.

Wenn wir etwas wirklich ändern wollen (im Falle der Spekulatius bin ich mir da gar nicht mal so sicher), macht es Sinn, die Funktionsweise unseres Gehirns von vornherein mit einzukalkulieren. Ehrenrunden im alten Muster sind ein Zeichen für die Funktionsfähigkeit Deiner grauen Zellen. Plane sie mit ein!

Wir wissen, dass die Veränderung alt eingefahrener mentaler und neuronal gut gebahnter Muster Zeit und Wiederholung benötigt. Das ist gut, sonst wäre unser Leben das reinste Chaos. Eine gewisse Zahl an Ehrenrunden darf sein. Wenn Du Dir das bewusst machst, weißt Du, dass jeder so genannte Rückfall Dich Deinem neuen gewünschten Verhalten wieder einen bedeutenden Schritt näher gebracht hat.

Denn die Anzahl der Ehrenrunden bis zur Verfestigung eines neuen Verhaltens ist begrenzt. Auch wenn wir ihre genaue Zahl vorher nicht kennen.

Mach’s doch zum Beispiel wie im Knast und ritze Dir für jeden „Rückfall“ eine Kerbe in die Wand. Jede einzelne Kerbe bedeutet, der Zeitpunkt Deiner Freiheit (vom alten Muster) rückt näher. Dann kannst Du Dich freuen, wenn „es“ passiert. Und da Du ja jetzt weißt, wofür die damit einhergehenden Schuldgefühle wirklich da sind, kannst Du Dir die gleich mit sparen.

Rauche Deine Ehrenrunden-Zigarette (oder was auch immer es bei Dir ist) ganz genüsslich. Wisse, sie bringt Dich Deinem Ziel, rauchfrei zu werden, ein Stück weit näher. Dann brauchst Du auch keine emotionalen Schuldscheine einzulösen, um noch den restlichen Tabakladen zu rauchen. (Hätte ich das nur gewusst, als ich vor vielen Jahren zum zigsten Mal selbst mit dem Rauchen aufgehört habe).

Probiere es aus. Vielleicht ist ja was für Dich dabei drin. Und lass mich gerne an Deinen Erfahrungen und Gedanken dazu teilhaben.

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Titel-Photo: pixabay.com
Lizenz: CCO Public Domain
Fotograf: ukieiri

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