Wann beginnst Du, zu leben?

Der Wert der Zeit

„Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist zu viel Zeit, die wir nicht nutzen.“
Lucius Anneus Seneca

Wer etwas Zeit mit mir verbringt, hört einen Satz meist häufiger, als ihm lieb ist:

Lebenszeit ist kostbar.

Die folgenden Gedanken stammen von Kenkō Yoshida*1, einem alten japanischen Weisen aus dem 14. Jahrhundert. Er notierte sie auf der Rückseite einer Schrift der Lehren des Buddha:

„Keiner würdigt den kurzen Moment.

Ist es Absicht oder Beschränktheit, erkennt man den Wert der Zeit nicht?

Der kurzsichtige Mensch schätzt die kleine Münze nicht; doch viele kleine Münzen machen den Armen zum Reichen.

Darum achtet der Kaufmann sorgsam auf jede Münze.

Kurzer Zeitspannen ist man sich oft nur schwach bewusst. Doch eine nach der anderen führen sie plötzlich zu dem Augenblick, an dem das Dasein endet.

Wer den Weg des Buddha gehen möchte, sollte, statt sich um ferne Tage und Monate zu sorgen, den jetzigen Moment nicht nutzlos vorübergehen lassen.

Wüsste ich, morgen unabwendbar zu sterben, was wollte oder täte ich heute? Aber was unterscheidet den heutigen Tag vom Moment vor dem Tod?

Während eines Tages brauchen wir viel Zeit für Essen, Notdurft, Schlafen, Reden und Gehen. Dies ist nicht vermeidbar.

Doch die wenigen übrigen Stunden, verstreichen sie nicht mit sinnlosem Tun, sinnlosen Worten und sinnlosem Denken?

Tag für Tag, Monat für Monat verstreicht so, und das Dasein vergeht ungenutzt, weil wir es nicht verstanden.“

Warum schätzen wir das Gewöhnliche und Alltägliche so gering? Weshalb erscheint uns das Außergewöhnliche so anziehend?

Beinahe unser gesamtes Leben besteht aus einer Aneinanderreihung mehr oder weniger „gewöhnlicher“ Ereignisse.

Bert Hellinger*2:

Das so genannte Ungewöhnliche erweist sich dem Gewöhnlichen gegenüber nur in der Vorstellung groß. Spätestens, wenn auch die Ungewöhnlichen sterben müssen, wie alle anderen: gewöhnlich.

In einem Buch*3, das ich geschenkt bekommen habe, fand ich folgende Geschichte, in der Jesus zu einem Baum spricht:

„Baum, ich danke dir, dass du mein Leher bist.

Ich danke dir, dass du mich lehrst, dass da, wo ich jetzt stehe, der einzige Platz ist, wo ich bin und sein kann;

dass das, was ich jetzt tue, das einzige ist, das ich tun kann;

dass der, der ich jetzt bin, der einzige ist, der sich sein kann.

Du lehrst mich, Vertrauen zu haben in den Vater im Himmel und in die Mutter Erde, die mich trägt,

standfest zu sein und mich doch zu beugen, wenn der Sturm mich umtobt, loszulassen, wenn die Zeit und der Wind Altes und Verdorrtes von mir losreißen.

Du lehrst mich durch deine Wurzeln und Blätter, dass Nehmen und Geben eins ist;

bedingungslos zu lieben, denn du schenkst deinen Schatten jedem, der dich aufsucht, deine Samen jedem, der sie braucht und deine Zweige und Äste allen Tieren, die Schutz und Heimat suchen;

Erhabenheit und gleichzeitig Demut, denn obwohl du mein Lehrer bist, dienst du mir.

Ich danke dir, Baum, dass du mein Leher bist.“

Ich habe selten so tiefgründige Wahrheit ausgedrückt in so wenigen Worten gefunden.

Bleibt eine Frage offen:

Was wirst Du mit der Zeit anfangen, die Dir gegeben ist?

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Titel-Photo: pixabay.com
Lizenz: CCO Public Domain
Fotograf: sciencefreak

*1: Tsurezuregusa, gefunden in: Volker Zotz, „Mit Buddha das Leben meistern – Buddhismus für Praktiker“, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg, 14. Auflage, November 2014
*2: Bert Hellinger, „Innenreisen – Der Weg zu sich selbst“, Auditorium Netzwerk, Hrsg. Bernd Ulrich, Mühlheim, 2009, CD
*3: Ingrid Lipowsky, „Die Geschichte Jakobus des Jüngeren“, Neue Erde Verlag GmbH, Saarbrücken, Seite 18f.

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6 KOMMENTARE

  1. Was ist gewöhnlich? Das ist in der Regel ein geordneter Tagesablauf, in dem wir, mal mehr, mal weniger achtsam all die Dinge tun, die wir eben für gewöhnlich tun. Ein definierter Raum, in dem wir uns bewegen. Routine, wobei Routine Sicherheit gibt. Wir würden wahnsinnig, wenn wir diese Sicherheit nicht hätten. Es ist hilfreich, wenn das Haus, in dem ich wohne, auch noch am selben Platz steht, wenn ich von der Arbeit heim komme, echt wahr.
    Was ist außergewöhnlich? Das ist so eine Art Explorationsdrang, dem wir nachgehen…nachgeben. Ich bin kein Experte, aber Kinder lernen durch diesen inneren Trieb. Sie erweitern nach und nach ihr Wissen, ihre Erfahrung, so be-greifen sie ihre Umwelt und ihren Platz darin. Sie dringen also in für sie neue Welten vor und erweitern ihren Horizont (ein Hoch auf die Metapher). Kinder haben einen entscheidenden Vorteil, oder sollten ihn haben: sie können das in der Gewissheit tun, dass sie jederzeit und ohne jede Konsequenz und Schuldgefühl zum Mutterschiff zurückkehren können.
    Wir Erwachsenen haben da so unsere Schwierigkeiten. Jede Aktion bewirkt eine Reaktion, alles hat Konsequenzen, dessen sind wir uns bewusst. Und dennoch ist da dieser Drang, dieser Reiz des Außergewöhnlichen, der sirenengleiche Lockruf der neuen Welt. Obwohl wir doch alles haben, was wir brauchen, was wir lieben, was wir schätzen, sehnen wir uns nach dem Goldtopf am Ende des Regenbogens. Es liegt in unserer Natur, so entwickelt sich der Mensch. Explorationsdrang, Neugier.
    Aber, wir brauchen Sicherheit, vor allem im zwischenmenschlichen Bereich. Diesen sicheren, definierten Raum, aus dem heraus ich die Erfahrung machen darf, dass der Reiz des Ungewöhnlichen sich relativiert, sobald wir ihm nachgehen dürfen, den trauen wir uns schlicht nicht so recht zu verlassen.
    Die Aussage: wenn ich ganz sicher sein könnte….wenn mir jemand schriftlich gäbe….wenn ich wüsste, dass das Folgen des Lockrufes keinen negativen bzw. nachteiligen Einfluss auf mein Leben, das ich für gewöhnlich führe, hätte, dann würde ich es tun!!!
    Hätte-Hätte-Fahrradkette
    Was wir wiederum als gewöhnlich und demzufolge ungewöhnlich betrachten, ist sehr subjektiv.
    Aber manchmal gibt man eben diesem Ruf nach, und manchmal erkennen wir erst dann, wie wertvoll das Gewöhnliche ist, manchmal wird das Ungewöhnliche ins Leben integriert und wird so zum Gewöhnlichen.
    Ich war über 20 Jahre so intensiv damit beschäftigt, jedem Lockruf zu widerstehen, dass ich für die gewöhnlichen Dinge gar keinen Sinn mehr haben konnte. Erst jetzt, da ich mich entschieden habe, einen ungewöhnlichen Weg zu gehen, kann ich mich an den gewöhnlichen Dingen erfreuen.
    Du siehst also, manchmal braucht es außergewöhnliche Maßnahmen, um gewöhnliche Dinge zu schätzen

    • Guten Morgen Fiona.

      Da bringst Du ein paar sehr wichtige Aspekte mit ein. In einem polaren Universum gewinnt ein Jedes erst Kontur durch die Existenz seines Gegenteils, ja kann durch es erst überhaupt selbst existieren. Und so ist es definitiv so, dass hier immer zwei entgegengesetzte Kräfte gleichzeitig am Werk sind, die sich, mal mehr in die eine, mal mehr in die andere Richtung und oft zeitlich versetzt, gegenseitig aufheben können und dennoch das Ganze am Laufen halten.

      So ist es auch mit dem von Dir angesprochenen „Explorationsdrang“, übrigens wie ich finde eine sehr treffende Bezeichnung. Er kostest den Preis der Sicherheit des Gewohnten und lockt mit dem Gewinn der Erweiterung der bisherigen Erfahrung. Beides hat einen Preis, immer.

      Mir ging es um die Wertschätzung und Achtsamkeit, eine Veränderung unserer Haltung gegenüber dem so genannten Alltäglichen und Gewöhnlichen. Die kleinen Alltagsroutinen, die wir wie Automaten abspulen und denen wir kaum Beachtung beimessen. Wenn wir den Großteil unseres Lebens mit ihnen verbringen, dann wäre es schön, sie nicht mehr so gering zu schätzen und bewusster zu erleben. Das muss nicht zu dem Preis geschehen, dass wir das Außergewöhnliche weniger achten, nur macht es einen zeitlich gesehen so geringen, dafür aber emotional gesehen oft sehr intensiven Teil unseres Lebens aus. Ich plädiere also nicht dafür, das Außergewöhnliche abzuwerten, sondern dafür, das Gewöhnliche anzuheben.

      Liebe Grüße und Dir einen schönen Start in die Woche,
      Andreas

  2. Die Geschichte ist wunderbar und tiefgehend und wie so manches gelesen zum richtigen Zeitpunkt, Danke Baum!

    • Hallo Nicole,

      ich freue mich, dass Dir die Geschichte gefällt. Mich hat sie ebenfalls beim Lesen berührt. Seither lese ich sie immer wieder mal, denn sie erinnert mich an einige Grundwahrheiten des Lebens.

      Herzliche Grüße,
      Andreas

  3. Guten Morgen,
    ich habe das verstanden 🙂
    Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, dass ich z.B. erst wieder die Alltäglichkeiten schätzen konnte, nachdem ich aus meinem gewohnten Alltag ausgestiegen bin.
    Einen schönen Start in die Woche
    Herzliche Grüße
    Fiona

    • Guten Morgen,

      siehst Du, das passiert, wenn ich auf Kommentare antworte, bevor mein Kaffeedefizit aus der Nacht ausgeglichen ist. 😉
      Hätte mir eigentlich klar sein müssen, dass Du es so gemeint hast. Na ja, jetzt, mit zwei Kaffee mehr im Blut, erscheint es mir jetzt auch logisch und ich denke, ich kann gut nachvollziehen, wie Du es meinst und kann dem vorbehaltlos zustimmen. Manchmal muss man erst in die Ferne wandern, um Zuhause wirklich schätzen zu lernen. Als reine Metapher gemeint natürlich.

      Liebe Grüße und Dir einen nicht weniger schönen Start in die Woche,
      Andreas

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