Kompensatorische Beziehungsbedürfnisse – Man nimmt, was man kriegt

Kompensatorische Beziehungsbedürfnisse

Kompensatorische Beziehungsbedürfnisse entwickeln wir da, wo wiederholt unsere echten Beziehungsbedürfnisse unerfüllt geblieben sind. Es sind Ersatzbedürfnisse, die wir über unsere ursprünglichen Bedürfnisse stülpen.

Wir leben in keiner idealen Welt. Den meisten geht es so, dass sie zwar einige ihrer Beziehungsbedürfnisse erfüllt bekamen, andere dafür weitgehend unerfüllt oder zumindest nicht ausreichend erfüllt blieben.

Da wir alle jedoch zwischenmenschliche Zuwendung zum Leben und emotionalen Überleben brauchen, setzen wir bei Nichterfüllung kompensatorische Ersatzbedürfnisse an die Stelle der ursprünglichen echten Bedürfnisse.

Wir versuchen dann meist gar nicht mehr, das zugrunde liegende echte Beziehungsbedürfnis von unserem Gegenüber erfüllt zu bekommen sondern wenden uns im Sinne gelernten Verhaltens von vornherein direkt mit unserem jeweiligen Ersatzbedürfnis an unser Umfeld.

Kompensatorische Beziehungsbedürfnisse haben nicht selten einen übersteigerten Charakter in Form einer Über-Kompensation. Unsere damit einhergehenden Handlungen wirken nicht selten auf andere irgendwie unecht und teilweise der realen Situation nicht wirklich angemessen.

Kein Wunder, denn kompensatorische Beziehungsbedürfnisse sind eng verwandt mit dem Vorgang der emotionalen Entfremdung.

Man sagt, einen Menschen kann man nur aus seiner Geschichte heraus verstehen, denn wie es der Religionsphilosoph Martin Buber ausdrückt:

‚Der Mensch wird am Du zum Ich.‘

Die kompensatorischen Beziehungsbedürfnisse eines Menschen erzählen uns somit viel über seine „unerhörte Geschichte“. Und sie haben ein weiteres wichtiges Merkmal: Selbst ihre Erfüllung macht uns nicht satt.

Da es sich nur um Ersatzbedürfnisse, also um billige Substitute für das, was wir eigentlich brauchen oder ursprünglich gebraucht hätten, handelt, lässt selbst ihre vollständige Erfüllung uns leer und unbefriedigt zurück.

Da wir diese Ersatznahrung nicht wirklich verdauen können, bleiben wir hungrig und brauchen immer mehr davon. Doch leider gilt hier:

Mehr vom selben, das nichts bringt, bringt nicht mehr.

Aus den eigenen Reihen oder einer anderen Kategorie – beides ist möglich

Ein echtes Beziehungsbedürfnis kann entweder mit einem kompensatorischen Beziehungsbedürfnis aus einer anderen Kategorie oder durch eines „gleicher Bauart“ überdeckt werden.

Möglichkeiten gibt es so viele, wie es Beziehungsbedürfnisse mal Beziehungsbedürfnisse gibt. Manchmal wird sogar ein verletztes echtes Beziehungsbedürfnis durch mehrere kompensatorische Beziehungsbedürfnisse gleichzeitig ersetzt.

Hier mal einige willkürlich ausgewählte Beispiele aus der Praxis:

Kompensatorisches Beziehungsbedürfnis aus einer anderen Kategorie:

Wurde ursprünglich unser Bedürfnis nach Einmaligkeit verletzt, so können wir beispielsweise mit einem kompensatorischen Bedürfnis etwas zu geben reagieren. Was wir ursprünglich gebraucht hätten, wäre, in unserer Einmaligkeit als Individuum gesehen und wertgeschätzt zu werden.

Ist dies wiederholt und nachhaltig nicht geschehen, überhäufen wir möglicherweise unsere Mitmenschen mit Geschenken, Zuwendung, Komplimenten und unserer (teilweise ungefragten) Hilfsbereitschaft, weil wir so das Gefühl haben, uns etwas von ihrer Zuwendung sichern zu können.

Natürlich ist das Dankeschön, dass wir darauf erhalten, nicht das, was wir wirklich gebraucht hätten. Folglich werden wir nicht satt und müssen immer noch mehr geben, bis vielleicht der andere irgendwann nichts mehr nehmen möchte und wir können selbst dann nicht einfach damit aufhören, wenn offensichtlich ist, dass wir ausgenutzt werden.

Kompensatorisches Beziehungsbedürfnis aus derselben Kategorie

Ersetzen wir ein ursprünglich verletztes echtes Beziehungsbedürfnis durch eines aus derselben Kategorie, haben wir es mit einem klassischen Fall von Überkompensation zu tun.

So können wir beispielsweise bei einem verletzen echten Bedürfnis nach Sicherheit dadurch überkompensieren, dass wir zum besten Kunden der Versicherungsbranche mutieren und versuchen, gegen jede mögliche und unmögliche Unbill des Lebens eine Zusatzversicherung abzuschließen.

Dann kaufen wir immer das sicherste Auto, meiden jede mögliche Gefahr, scheuen es, ein Beziehungsrisiko einzugehen, usw. Hier ist die ganze Palette übersteigerten Sicherheitsdenkens möglich.

Auch übertriebene Eifersucht oder der Versuch, unseren Partner oder jede Situation in unserem Leben kontrollieren zu wollen und alles Wochen im Voraus bis ins Detail zu planen, sind häufig Ausdruck eines übersteigerten Kompensationsverhaltens bei einem nachhaltig verletzten Bedürfnis nach Sicherheit.

Die kompensatorischen Beziehungsbedürfnisse im Detail

Kompensatorische Beziehungsbedürfnisse können wir zu jedem einzelnen der echten 8 Beziehungsbedürfnisse entwickeln. Genauso wie jedes echte Beziehungsbedürfnis dafür herhalten kann, als kompensatorisches Beziehungsbedürfnis zu fungieren.

In den Artikeln zum jeweiligen echten Beziehungsbedürfnis findest Du im letzten Abschnitt unter der Überschrift: „Funktion als kompensatorisches Beziehungsbedürfnis“ detailliertere Informationen darüber, wie sich das jeweilige Bedürfnis in seiner kompensatorischen Funktion äußern kann.

Über die Links in der unten stehenden Liste gelangst Du zum entsprechenden Artikel über das

Bedürfnis…

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Titel-Photo: pixabay.com
Lizenz: CCO Public Domain
Fotograf: johnhain

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*Die hier dargestellten Zusammenhänge basieren auf den Arbeiten der beiden Transaktionsanalytiker Richard Erskine und Rebecca Trautmann, sowie den Ergänzungen des ROMPC®-Begründers Thomas Weil in seinem Buch „Selbstwirksamkeit und Performance“:

Thomas Weil, Martina Erfurt-Weil, “Selbstwirksamkeit und Performance – ROMPC®-Kompendium Theorie- und Trainingshandbuch”, MEW Medienedition Weil e.K., Ausgabe 2010

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3 KOMMENTARE

  1. Man nimmt, was man bekommt…
    So ein Erlebnis hatte ich gestern gerade. Es war Erziehungsberatungstermin mit meinem Exmann. Wir sind seit 2 1/2 Jahren getrennt und unsere beiden Kinder leben ebenfalls getrennt, die Tochter bei mir, der Sohn bei ihm und seiner Frau. Ich WEISS, dass er kaum Zeit hat für den Sohn, ich WEISS, was mein Sohn braucht, ich WEISS, dass richtig und juristisch in Ordnung ist, was ich tue, ich WEISS das alles, und zwar genauso lange, bis er in der Erziehungsberatung anfängt, zu reden, mich infrage zu stellen, zu argumentieren. Ganz zuletzt kommt das unschlagbare Argument, dass die ganze Sorge, die ich um meinen Sohn habe und auch meine „komische“ Ausbildung (das höhnische Lächeln dazu ist ekelhaft), die ich gemacht habe, einzig und allein meinem Narzissmus diene…BUMS.
    Und jetzt passiert folgendes: ich gehe raus, fahre meine Tochter abholen, funktioniere irgendwie. In Gedanken hinterfrage ich aber die ganze Zeit mein tatsächliches Motiv, um meinen Sohn zu kämpfen, ihm die Fürsorge zukommen zu lassen, die er benötigt. Tue ich das aus Überzeugung oder um meinen Narzissmus, meine Grossartigkeit als Mutter zu beweisen…Ich falle also wieder in dasselbe Muster wie 19 Jahre bei meiner Mutter und direkt im Anschluss 23 Jahre bei meinem Exmann. Ein wenig hat die meine Therapie geholfen, immerhin dauert es jetzt nicht mehr Tage oder Wochen, bis ich wieder zu mir selbst finde und auch selbstbewusst genug bin, um mir selbst zu vertrauen. Jetzt dauert es ein paar Stunden und eine Nacht Schlaf, und trotzdem bleibt Angst und Zweifel, wenn auch nur ganz leise.
    Ich falle in seiner Gegenwart aber immer wieder in das Verhaltensmuster, dass ich seit jeher kenne, in dem ich mich sicher und heimelich fühle. Er bemerkt das und fällt in sein Muster, soetwas begünstigt sich ja, hat etwas Symbiontisches.
    Es braucht offenbar lange und es braucht Zuspruch und Vergewisserung von Menschen, denen ich vertraue, immer und immer wieder. Aber ich glaube, es wird besser.
    Vielen Dank für Deinen Beitrag
    Liebe Grüße
    Fiona

    • Hallo Fiona,

      tut mir leid, das zu lesen. Solche Erziehungsstreitigkeiten können wirklich hässlich sein. Wenn ich Dich richtig verstanden habe, dann fragst Du Dich, wie viel „davon“ Du für Deinen Sohn machst und wie viel für das Gefühl, eine gute Mutter zu sein. Du hast es ausschließlicher formuliert, indem Du sinngemäß geschrieben hast, ob Du es entweder für Deinen Narzissmus oder für Deinen Sohn tust.

      Narzissmus wäre hier eine Form der Übersteigerung, die ich mir nicht so schnell aufdrücken lassen würde. Es ist alles eine Frage des Maßes. Letztendlich tut jeder Mensch alles, was er tut, weil es ihm etwas gibt. Und sei es nur das Gefühl, das Richtige zu tun. Das ist bei Mutter Theresa nicht anders als bei uns „Normalmenschen“.

      Wenn das aber so ist, dann zerschlägt sich der Gordische Knoten an dieser Stelle selbst. Denn wenn wir alles, auch das, was wir aus „purem“ Altruismus für andere tun, AUCH an irgendeiner Stelle für uns selbst tun und zwar immer, dann tust Du, was Du tust, nicht entweder für Deinen Sohn oder für Dein Gefühl, eine gute Mutter zu sein, sondern sowohl und sicher hauptsächlich für Deinen Sohn und auch ein bisschen, um Deinem Bild einer guten Mutter zu entsprechen.

      Ich kann beim besten Willen nicht erkennen, was daran falsch sein soll. Was wäre die Alternative? Lieber etwas tun, das Deinem Bild einer guten Mutter widersprechen würde? Sprache und die Art, wie wir etwas benennen und definieren, gibt den Rahmen vor, in dem wir es später interpretieren.

      Ich sehe nichts falsches an Deinem Verhalten sondern nur einen Definitionsrahmen, der einfach nicht passt. Mit Narzissmus hat das nichts zu tun – oder ich habe wirklich überhaupt keine Ahnung…such Dir was aus. 😉

      Ich wünsche Dir trotz der Ereignisse des gestrigen Abends einen schönen Sommerabend.

      Liebe Grüße,
      Andreas

  2. Hier stehe ich und muss lächeln…wenn man mal ein wenig inne hält und lernt, die Stille zu genießen, um in sich hinein zu horchen, ist man plötzlich bei Menschen, die einem gut tun.
    Danke
    Ich wünsche ebenfalls einen angenehmen Abend, trotz fünfunddrölfzich Grad

    Fiona

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