Warum die Liebe Grenzen braucht

Grenzen in der Partnerschaft

„Ich brauche sehr viel Liebe – ich will geliebt werden und Liebe schenken. Liebe ängstigt mich nicht, aber ihr Verlust schon.“
Audrey Hepburn

Grenzen in der Liebe? Wtf! Das ist ja sowas von un-Hollywood. Der Prinz bekommt die Prinzessin, der Oger die Ogerin, der Schöne das Biest (oder umgekehrt?), Carrie nach gefühlten 1.000 Folgen dann doch noch Mr. Big und sie leben alle quietschvergnügt bis an ihr Lebensende. Wer braucht da schon Grenzen?

Übrigens enden fast alle Filme in der Phase akuter Verliebtheit. Diskussionen darüber, wer die Kinder ins Bett bringt oder den Geschirrspüler einräumt gibt es, wenn überhaupt, vorher. Am Ende sind immer alle Probleme gelöst. Andersherum wäre dichter an der Wirklichkeit der meisten Paare. Aber ich schweife ab.

Der Schweizer Psychiater Jürg Willi, der sein Lebenswerk der Frage »Was lässt die Liebe gelingen?« gewidmet hat, unterscheidet aufgrund seiner Erfahrungen verschiedene Faktoren, die für das Gelingen einer Partnerschaft maßgeblich sind. Einer davon ist die Gestaltung der intra- und extra-dyadischen Grenzen. Klingt komplizierter, als es ist. Die Dyade ist eine Zweiheit, meint hier also das Paar.

In Partnerschaften gibt es zwei wichtige Grenzlinien. Die eine grenzt die beiden Partner gegeneinander ab. Hier findet das Wechselspiel zwischen Autonomiestreben auf der einen und dem Wunsch nach Verschmelzung mit dem Partner auf der anderen Seite statt. Die zweite Grenzlinie zieht sich um das Paar und grenzt es nach außen ab. Hier entscheidet sich, in wiefern das Paar auch von anderen als Paar wahrgenommen wird und welchen Einfluss Außenstehende haben.

In der Praxis kommen hauptsächlich drei mögliche Kombinationen vor. Zwei kritische und ein harmonischer Idealfall. Schauen wir uns das mal im Detail an.

Die intra-dyadische Grenze

Wie viel Autonomie verträgt ein Paar, bevor es aufhört, ein Paar zu sein? Oder umgekehrt gefragt: Wie sehr können zwei Menschen verschmelzen, bevor sie aufhören, Individuen zu sein? Genau um dieses Spannungsfeld geht es bei der intra-dyadischen Grenze, die das Nähe-Distanz-Verhältnis beider Partner zueinander regelt.

Wird diese Grenze zu starr und undurchlässig gestaltet, driftet das Paar auseinander. Es gibt zu viel Ich und zu wenig Wir. Die Betonung liegt auf Autonomie, was zu schweren Verunsicherungen führen kann, wenn einer der Partner sich mehr Verbundenheit wünscht. Hinter der Überbetonung der Autonomie steckt häufig die Angst vor Nähe und Selbstverlust.

Wer einen anderen Menschen an sich heranlässt, geht immer auch ein Beziehungsrisiko ein. Halten wir den anderen dagegen auf Distanz, verringert sich die Gefahr, verletzt zu werden. Ein ausgeprägtes Autonomiestreben folgt dieser inneren Logik. Im Extremfall kann diese Tendenz so übersteigert werden, dass überhaupt keine Beziehungen mehr eingegangen werden oder ausgeprägte Kontaktstörungen bestehen.

Siehe hierzu auch: Wenn wir aus dem Kontakt gehen – Stufen sozialer Entfremdung

Im Extremfall lebt derjenige als beziehungsloser Einsiedler oder lässt sich ausschließlich auf oberflächliche Liebschaften ein und zieht sofort die Notbremse, sobald auf der Gegenseite der Wunsch nach mehr Verbindlichkeit entsteht.

Den anderen Pol bildet der Wunsch nach Selbstauflösung in der Symbiose. Wird die intra-dyadische Grenze zu offen gestaltet, gehen die Partner in einem Wir auf und verlieren sich selbst. »Wir sind schwanger«.

Hier liegen häufig regressive Strebungen zugrunde, die etwas überspitzt formuliert dem Wunsch entspringen, mit dem Partner stellvertretend die Situation im Mutterleib nachzustellen. Jede Autonomiestrebung des Partners wirkt dann bedrohlich. Der Wunsch nach Verschmelzung mit dem anderen ist auch typisch für die Verliebtheitsphase jeder Beziehung.

Manchmal teilen beide Partner den Wunsch nach Autonomie bzw. Verschmelzung. Dann streben entweder beide auseinander oder aufeinander zu. Wesentlich häufiger sind jedoch Konstellationen, in denen der eine Partner die Autonomie betont, während der andere Partner für die Verbindlichkeit der Beziehung sorgt.

In einer gesunden Beziehung gleicht dies einem Tanz, in dem das Gleichgewicht zwischen Lösen und Binden immer wieder neu verloren geht und wiedergefunden wird. Ganz im Gegensatz zu Beziehungen mit einem Nähe-Distanz-Konflikt.

Wenn Du hier tiefer einsteigen möchtest, empfehle ich Dir meinen dazu passenden Gastartikel auf der Seite myMONK.de:

Abhängigkeit und Angst vor Nähe – Wie und warum Beziehungen aus dem Gleichgewicht geraten

Die extra-dyadische Grenze

Die zweite wichtige Grenze umschließt das Paar und grenzt es gegen außen ab. Oder eben nicht. Je nachdem. Wäre das Paar eine Zelle, dann wäre die extra-dyadische Grenze die Zellmembran um das Paar herum. Hier regelt sich der Austausch mit der Umwelt, insbesondere mit anderen Menschen. Sowohl von innen nach außen, als auch von außen nach innen.

Wie viel wird gemeinsam unternommen, wie viel gemeinsam entschieden? Haben die Partner einen gemeinsamen Freundeskreis oder jeder seinen eigenen? Wie sieht es mit Außenbeziehungen aus? Grenzt sich das Paar vollständig gegen außen ab und möchte am liebsten sein Liebesnest nie verlassen oder steht die Tür immer offen? Wird viel Wert darauf gelegt, sich auch mit anderen Menschen zu treffen oder werden diese als bedrohlich für die Zweisamkeit empfunden? Wird die Einmischung der Schwiegereltern und Eltern erlaubt, oder grenzt sich das Paar auch hier deutlich ab und stellt klar, dass man im Falle eines Streits zum Partner halten wird?

Hier zeichnet sich ab, dass ein Zusammenhang zwischen intra- und extra-dyadischen Grenzen gibt. Jemand, der nach Autonomie strebt, wird sich gegen den Partner (also intra-dyadisch) möglichst stark abgrenzen, um so seine Individualität und Unabhängigkeit sicherzustellen. In derselben Logik wird er daran interessiert sein, die Außengrenze der Beziehung (extra-dyadisch) möglichst offen zu halten und sich in seiner Autonomie auch mit anderen zu treffen. Das müssen ja nicht immer gleich andere Sexualpartner sein, es kann sich hier genauso gut um Freunde oder Arbeitskollegen handeln.

Umgekehrt wird ein Partner, dem mehr die Verbindlichkeit in der Beziehung am Herzen liegt, eher die intra-dyadische Grenze möglichst durchlässig halten wollen, während er den Wunsch verspürt, die Beziehung gegen Außeneinflüsse möglichst stark abzugrenzen. Beide Fälle sind alles andere als ideal, wenn die jeweiligen Strebungen überbetont werden. Aus dem oben verlinkten Gastartikel kannst Du die dysfunktionale Beziehungsdynamik ersehen, die daraus entstehen kann. Es geht hier also vor allem um das richtige Maß. Wie so oft im Leben.

Wie sieht nun also der Idealfall aus?

Die semipermeable Membran als Vorbild für gute Grenzen

Der Begriff ‚semipermeable Membran‘ stammt aus der Biologie. Genauer aus der Zellbiologie. Er bezeichnet eine Zellmembran, die für manches durchlässig, für anderes undurchlässig ist. Und das mit Augenmaß. Auch wenn die Zelle keine Augen hat. Es wird also genau darauf geachtet, was durchgelassen wird und in welcher Menge.

Auf eine Partnerschaft übertragen bedeutet dies, dass beide Partner sowohl gegeneinander, als auch nach außen klar erkennbar abgegrenzt sind. Diese Grenzen werden jedoch durchlässig gestaltet. Für Außenstehende sind beide Partner klar als Paar erkennbar. Sie bilden eine Einheit aus zwei Individuen, die sowohl autonome Bereiche, wie einen eigenen Freundeskreis oder ein individuelles Hobby, haben. Als auch eine ausreichend große Schnittmenge an Gemeinsamkeiten.

Auch in einer gesunden Beziehung ist dies kein fixer Punkt auf einem Spektrum, sondern wird kontext- und situationsbezogen immer wieder neu austariert. Auf diese Weise kann ein starkes ‚Wir-Gefühl‘ entstehen, bei dem dennoch keiner der Partner befürchten muss, dass sich sein Selbst in der Einheit aufzulösen droht.

 

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Titel-Photo: pixabay.com
Lizenz: CCO Public Domain
Fotograf: Pexels

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Weiterführende Literatur
Jürg Willi, „Die Zweierbeziehung – Spannungsursachen, Störungemuster, Klärungsprozesse, Lösungsmodelle“, Rohwolt Taschenbuch Verlag, 18. Auflage, Juli 2007

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