Freiheit erleben – Wie Du vom Opfer der Umstände zum aktiven Gestalter Deines Lebens wirst

Frei sein

„Der Mensch ist frei geboren und liegt doch überall in Ketten.“
Jean-Jacques Rousseau

Hand aufs Herz: wie frei fühlst Du Dich? Klar, verglichen mit dem, was auf dieser Welt üblich ist, leben wir in einem relativ freien Land. Wenn Du diese Zeilen nicht gerade in einer Gefängniszelle liest, darfst Du Dich einigermaßen frei bewegen. Und Du hast auch sonst ’ne Menge Entfaltungs- und Gestaltungsmöglichkeiten, um Deinem Leben Ausdruck zu verleihen.

Dennoch ist menschliche Freiheit immer auch begrenzte Freiheit. Wenn Du das nicht glaubst, versuche mal, gegen ein gängiges Naturgesetz zu verstoßen. Such Dir eins aus. Bitte ein Video machen, auf YouTube hochladen und mir den Link schicken. Ich lache gerne.

Dass die meisten von uns nicht fliegen oder folgenlos nackt im Feuer tanzen können, stecken wir ja noch ganz gut weg. Ich kann zumindest für mich behaupten, dass besonders letzteres meine empfundene Freiheit nicht wirklich einschränkt, da ich meine Freizeit gerne anders verbringe.

Aber was ist, wenn das Leben uns Freiheiten entreißt, die wir lieb gewonnen haben? Wenn es uns den Job nimmt, sodass wir aus unserem Haus ausziehen müssen? Wenn es uns einen geliebten Menschen unter unseren Fingern verdorren lässt, sodass wir nicht mehr die Freiheit haben, in seinen Armen zu liegen?

Dann werden wir schmerzhaft mit einer bitteren Tatsache konfrontiert:

Menschliche Freiheit ist immer bedingt.

Was also tun, wenn uns die Härte des Lebens voll erwischt? Wenn plötzlich nicht mehr geht, was vorher selbstverständlich schien?

Ich weiß nicht, wie es Dir geht, aber würde ich mich meinem ersten Impuls hingeben, würde ich mit meinem ganzen Sein für lange Zeit um meinen Verlust zu kreisen.

Bei vielen Problemen macht das auch Sinn, denn sie erfordern eine intensive Beschäftigung. Und eine ausgeprägte Trauerphase ist definitiv angemessen, wenn wir einen lieben Menschen verloren haben.

Aber alles hat sein Maß. Auch wenn dieses sehr individuell sein kann. Irgendwann sollten wir in der Lage sein, den Blick von unseren hinzugekommenen Einschränkungen wegzubewegen und beginnen, Möglichkeiten zu entdecken, unser Leben innerhalb des neuen Rahmens zu gestalten.

Hierzu gibt es eine wunderbare Methode. Sie hat mir erst kürzlich geholfen, mit einer Einschränkung in meinem Leben besser klar zu kommen.

Freiheit innerhalb unserer Unfreiheiten

Kurz und knackig: ich war mal begeisterter Läufer. Vor zwei Jahren hat dann mein Knie innerlich gekündigt und mir signalisiert, dass ich in Zukunft beim Joggen auf seine Mitarbeit werde verzichten müssen, da es sich künftig lieber anderen Aufgaben widmen möchte.

Schmerzen, anschwellen, blockieren, entzündet sein. Knie auf dem Selbstverwirklichungs-Trip. Entbehrt nicht einer gewissen Ironie bei dem Typen, an dem es dran hängt.

Ich war wenig begeistert, konnte es jedoch auch in diversen Mitarbeitergesprächen nicht von meinem Standpunkt überzeugen. Irgendwann wurde mir klar, dass ich die Situation entweder akzeptieren, oder weiter mit dem Kopf gegen die Wand rennen konnte. Ich habe mich für ersteres entschieden.

Plötzlich taten sich neue Freiheiten auf, die ich mit meinem Tunnelblick zuvor gar nicht erkannt hatte.

Zwar konnte ich keine längeren Strecken mehr laufen, aber vielleicht gab es andere sportliche Aktivitäten, die noch möglich waren. Was genau hatte mir eigentlich beim Laufen so gut gefallen?

  • Ich bin in der Natur
  • Ich tue etwas für meine Gesundheit und meine Fitness
  • Ich liebe das Gefühl, nach einem guten Lauf zu spüren, wie mein Körper leise „Danke“ sagt
  • Solange ich regelmäßig Sport treibe, muss ich nicht darauf achten, wie viel ich esse, um mein Gewicht zu halten
  • Beim Sport in der Natur kann ich den Kopf ausschalten

Mit dieser Liste habe ich mich auf die Suche nach Alternativen begeben, die mein Knie weniger belasten.

Klar: Mountainbike fahren.

Rad geklaut, losgeradelt und siehe da: Andi ist wieder in den Wäldern unterwegs, treibt Sport und Psychohygiene. Grüßt Eichhörnchen und Füchse. Geht doch!

Aber was genau habe ich da eigentlich gemacht?

Existenzanalyse und der Sinn des Lebens

Bei unserer herkömmlichen Sichtweise glauben wir, es gäbe einen verborgenen Sinn im Leben und unser Job wäre es, diesen irgendwie zu finden. Wir fragen das Leben nach dem Sinn.

Logotherapie und Existenzanalyse* kehren die Fragestellung um. Nicht wir sind es, die das Leben nach dem Sinn befragen, sondern das Leben ist es, das uns fragt und wir haben zu antworten.

  1. Herkömmliche Sichtweise (Es gibt einen verborgenen Sinn in den Ereignissen und wir müssen ihn finden):Wäre ich weiterhin danach vorgegangen, fände ich es entweder ziemlich unfair vom Schicksal, dass es mir meine Freiheit zu joggen nimmt, oder ich sehe es als karmische Strafe für begangenes Unrecht, usw. Alles nicht sonderlich hilfreich.
  2. Alternative Sichtweise (Das Leben stellt uns Fragen, wir sind es, die zu antworten haben): Das Leben sagt zu mir: „Andreas, hier hast du ein kaputtes Knie, was wirst du jetzt daraus machen?“ Hier sitze ich plötzlich wieder selbst im Sattel; sehe mich eher einer Herausforderung als einem bösen Schicksalsschlag gegenüber; habe eine Gelegenheit, zu wachsen und zu reifen. Raus aus der Opferhaltung, raus aus der Ungerechtigkeitsfalle, rein ins kreative Gestalten meiner Freiheiten innerhalb meiner neu hinzugewonnenen Unfreiheit. Das Knie ist so oder so im Eimer. Aber mit dieser Einstellung werde ich wieder handlungsfähig, höre auf, mich selbst zu bemitleiden, gehe das Leben aktiv an und gestalte es innerhalb meines neuen Rahmens.

Das Leben fragt, ich antworte.

Jetzt bist Du dran: welche Situationen und Umstände fallen Dir spontan ein, in denen die hier beschriebene Sichtweise hilfreich sein und Dich wieder handlungsfähiger machen würde?

Aus dem Shop:

E-Book: Wie man die richtigen Entscheidungen trifftSelbstwertgefühl stärken

 

 

 

 

 

 

Titel-Photo: pixabay.com
Lizenz: CCO Public Domain
Fotograf: JakeWilliamHeckey
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 Weiterführende Literatur:

*Alfried Längle, „Sinnvoll leben: Eine praktische Anleitung der Logotherapie“, Residenz, 2. Auflage Mai 2011
* Alfried Längle, „Wenn das Leben pflügt: Krise und Leid als existenzielle Herausforderung“, Vandenhoeck & Ruprecht, 1. Auflage März 2016
* Alfried Längle, „Existenzanalyse: Existenzielle Zugänge der Psychotherapie“, Facultas, 1. Auflage Januar 2016
* Alfried Längle, „Existenzielles Coaching: Theoretische Orientierung, Anwendung und Konzepte der Existenzanalyse“, Facultas, 1. Auflage Oktober 2014
*Alfried Längle, „Erfüllte Existenz: Entwicklung, Anwendung und Konzepte der Existenzanalyse“, Facultas, 1. Auflage 2011
*Alfried Längle, „Sinnspuren: Dem Leben antworten“, Residenz, 3. Auflage Mai 2011
*Alfried Längle, „Lehrbuch der Existenzanalyse: Grundlagen“, Facultas, 2. Auflage Oktober 2014
* Viktor Frankl, „Ärztliche Seelsorge: Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse mit den >Zehn Thesen über die Person<„, dtv Verlag, 1. Auflage August 2007
*Viktor Frankl, „Der Mensch vor der Frage nach dem Sinn: Eine Auswahl aus dem Gesamtwerk“, Piper Taschenbuch, 1. Auflage März 1985
*Viktor Frankl, „Das Leiden am sinnlosen Leben“, Verlag Herder GmbH, 1. Auflage April 2015
*Johanna Schechner, Heidemarie Zürner, „Krisen bewältigen: Viktor E. Frankls 10 Thesen in der Praxis“, Braumüller Verlag, Oktober 2013

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1 KOMMENTAR

  1. Lieber Andreas,

    ein wichtiges Thema sprichst du hier an. Die Spiri-Szene mit dem meiner Meinung nach falsch verstandenen Karma-Gedanken hat hier ein seltsames Schuldbewusstsein hervorgebracht. Als müsse man nur lange genug nach dem „Warum mir…? Was habe ich falsch gemacht?“ fragen, um endlich vom Leid befreit zu werden. Meine Erfahrung ist gegenteilig. Das Leid wird stärker. Die Verantwortung kann nur in der Reaktion auf die Ereignisse – also unserer Antwort darauf – liegen kann. Denn alles andere ist Vergangenheit. Ein ganz wunderbarer Satz von Dir: „Das Leben fragt, ich antworte.“ Der eröffnet einen neuen Blickwinkel und fühlt sich sehr wahr an.

    Ich glaube schon, dass es einen Sinn in allem gibt aber anders als wir denken. Ich gehe einfach davon aus, dass es einen Sinn für unsere Existenz gibt und wir allem anderen selbst Sinn geben dürfen. Das ist ein heilsamerer Blick auf das Leben. Darin liegt unsere gestalterische Freiheit meiner Meinung nach.

    Ganz liebe Grüße
    Claudia

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