Episodengedächtnis & Komplexe – Der wahre Grund, warum wir in der Vergangenheit stecken bleiben

Episodengedächtnis

Ist Dir bereits aufgefallen, dass wir uns auch als Erwachsene oft schwertun, uns über die Begrenzungen unserer Kindheit hinwegzuheben? Das kann sich in allen möglichen Situationen äußern. Vielleicht ergeht es einem so, wie einem Klienten, dessen anonymisiertes Beispiel ich hier mit seinem freundlichen Einverständnis veröffentlichen darf.

Dirk (Name geändert) stand mit beiden Beinen fest im Leben. Er hatte einen gut bezahlten Job im mittleren Management eines großen börsennotierten Konzerns. Er kam zu mir, weil ihm der bevorstehende Kauf eines süßen kleinen Einfamilienhauses große Bauchschmerzen bereitete. Die Finanzierung war nicht der Rede wert. Bei seiner finanziellen Situation hätte er locker drei oder vier davon kaufen können. Es war etwas anderes, was ihm Unbehagen bereitete.

Seine Eltern hatten nie Geld. Auf dem Bisschen, das sie hatten, hockten sie und wachten mit Argusaugen darüber, dass ja nichts davon abhanden kommt. Besonders sein Vater träumte immer von einem kleinen Häuschen für sich und seine Familie. Er starb, ohne dass dieser Traum auch nur in greifbare Nähe rückte. Ganz anders bei Dirk. Er war gerade Ende dreißig. Das Gefühl, sich diesen Wunsch so einfach erfüllen zu können, der seinem Vater so wichtig war, doch immer verwährt blieb, brachte ihn in massive Loyalitätskonflikte.

Doch das war noch nicht alles. Vor allem hatte er die Angst seiner Eltern vor jeglicher Form von Krediten übernommen. Als wir drüber redeten, fiel ihm sofort wieder der „Komplexsatz“ seines Vaters ein: „Jede Schuld, die Du ansammelst, knüpft an dem Strick um Deinen Hals.“ Kein Wunder also, dass Dirk sprichwörtlich die Luft wegblieb, als er im Begriff war, sich mit ein paar hunderttausend Euro zu verschulden.

Er reagierte aus dem Komplex heraus und war somit mehr mit der Vergangenheit, als mit den realistischen Bedingungen seines heutigen Lebens in Kontakt. Und in dieser übernommenen Vergangenheit seines Vaters machte dieser Satz durchaus Sinn. Nur eben nicht hier und heute für Dirk.

Oder es geht Dir wie Marie.

Ihre Eltern haben ihr immer wieder eingeschärft, als Mädchen sei es wichtig, hübsch auszusehen und früh einen guten (das hieß finanziell gut situierten) Mann zu heiraten und ihn durch gemeinsame Kinder an sich zu binden. Diesem Lebensskript folgte sie dann auch und ließ ihre Talente und Wünsche verkümmert. Um die vierzig rum kam sie dann in eine tiefe Krise, weil ihr ungelebtes Leben immer lauter an die Tür ihres Herzens klopfte, um sich Gehör zu verschaffen.

Das sind nur zwei von ungezählte Beispielen. Sicher könntest Du eigene hinzufügen. Aber was genau passiert da? Das wollen wir uns in diesem Artikel gemeinsam ansehen.

Komplexe – zentrale Kerne unserer Persönlichkeit

Lassen wir zunächst wieder Verena Kast*1 zu Wort kommen. „Komplexe sind spezifische Konstellationen von Erinnerungen aus verdichteten Erfahrungen und Phantasien, um ein ähnliches Grundthema geordnet und mit einer starken Emotion besetzt. Wird dieses Grundthema im Leben berührt oder der zugehörige Affekt, reagieren wir komplexhaft, das heißt, wir sehen und deuten die Situation im Sinne des Komplexes, werden emotional und wehren in stereotyper Weise ab, wie wir es schon immer getan haben. Für den Beziehungsbereich heißt das, dass das gegenseitige Verstehen in einer solchen Situation zunächst unterbrochen ist.“

Wenn Du Dich jetzt fragst, was es mit diesem Abwehren auf sich hat, findest Du im unten verlinkten Artikel einige der wichtigsten Abwehrmechanismen, mit denen wir unangenehmes psychisches Zeugs aus unserem Bewusstsein fernhalten wollen:
Abwehrmechanismen – Bloß weg damit aus dem Bewusstsein

Komplexe sind also Kernthemen, die uns geprägt haben. Dabei bilden wir nicht direkt die einzelne Erfahrung ab, sondern das dahinter stehende Grundmuster und die zugehörigen Emotionen. Diese werden – etwas vereinfacht dargestellt – in unserem Episodengedächtnis (Tulving) abgebildet. Haben wir beispielsweise wiederholt Schelte für schlechte Leistungen erhalten, so bildet sich mit einiger Sicherheit ein Komplex um dieses Thema herum. Als Erwachsene aktivieren dann ähnliche Auslösereize den zugehörigen Komplex und die ganze Schallplatte läuft als gespeicherte Reiz-Reaktions-Kette ganz von selbst ab. Damit werden wir den berühmten Pawlow’schen Hunden ganz ähnlich.

Dabei verlieren wir den Kontakt mit dem Hier und Jetzt und reagieren aus der Vergangenheit. Da nicht unbedingt die einzelnen Erlebnisse der Vergangenheit im Episodengedächtnis abgelegt werden, sondern vielmehr ihr Destillat, ist es äußerst selten, dass sich aus einer einzigen traumatischen Erfahrung ein Komplex bildet.

Doch steter Tropfen höhlt den Stein. Gab es bei einer Mathe 6 in der Schule regelmäßig einen Satz heiße Ohren oder drohte Liebesentzug (häufig noch schlimmer), so kann trotz hervorragender Leistungen heute das bevorstehende Bewerbungsgespräch oder allgemein jede Situation, in der wir auf Termin eine bestimmte Leistung erbringen müssen oder man uns nur beobachtet und bewertet, den alten Komplex aktivieren.

Nicht selten auch in Situationen, die so gut wie nichts mehr mit der Ursprungssituation zu tun haben. Beispielsweise die (meist hauptsächlich von einem selbst) erwartete Performance im Schlafzimmer. Ein Thema, bei dem besonders viele Männer sich erfahrungsgemäß selbst die mentale Hölle heiß machen. Man muss schon ein bisschen tiefer graben, um Versagensängste im Ehebett mit Liebesentzug der Eltern für schlechte Schulnoten in Zusammenhang zu bringen.

Selbstverständlich ist damit aber nicht gesagt, dass es sich immer so verhält. Es gibt jede Menge Menschen, die für schlechte schulische Leistungen getadelt wurden und dennoch mit ihrer Sexualität vollkommen im Reinen sind. Umgekehrt wäre es auch völliger Blödsinn, sexuelle Versagensängste generell mit Situationen der Leistungsbewertung in der Kindheit zusammenzubringen. Es ist einfach ein möglicher Hintergrund unter vielen.

Natürlich können Komplexe jederzeit im Laufe unseres Lebens entstehen. Aus verständlichen Gründen sind wir jedoch als Kinder besonders empfänglich dafür. Kinderzeit ist Prägezeit! Und es gibt auch nicht nur Elternkomplexe sondern ebenso Geschwisterkomplexe, usw. Im Grunde handelt es sich bei Komplexen um die von uns erlebten! (also das, was wirklich geschah, gefiltert dadurch, wie es uns vorkam und ergänzt durch Phantasien, die wir selbst hinzugefügt haben) Beziehungserfahrungen mit unseren Mitmenschen. Demnach wären auch positive Komplexe denkbar (hier sind nicht die ursprünglich positiven Elternkomplexe gemeint, die ich in den jeweiligen Unterartikeln behandele).

Wenn ich hier jedoch von Komplexen spreche, dann beziehe ich mich ausschließlich auf diejenigen, die in irgendeiner Form Probleme bereiten. Über die anderen freuen wir uns einfach mal und lassen sie unbeachtet.

Geht man nun daran und löst die entsprechenden Komplexe zumindest teilweise auf, so wird das Lebensgefühl reicher, unser Selbstbild echter, unsere Welt farbenfroher. Es ist ein großer Schritt hin zu einem Leben als emotional reifer Erwachsener, der seine Entscheidungen auf der Basis seiner eigenen Werte trifft, anstatt aufgrund uralter in der Vergangenheit übernommener Prägungen.

Wie dieses Auflösen von Elternkomplexen funktionieren kann, erfährst Du hier:
Aussöhnung mit der inneren Familie

Dabei kann es durchaus sein, dass wir auch nach der Auflösung unserer entsprechenden Komplexe viele Entscheidungen weiterhin ganz ähnlich wie vorher treffen. Doch dann tun wir es als freier Mensch, der die Hoheit über seine Beweggründe und die Führung in seinem Leben übernommen hat. Komplexe der Vergangenheit aufzulösen bedeutet also immer auch, eine bessere und fähigere Führungskraft im eigenen Leben zu werden, damit wir unser Lebensschiff dorthin steuern können, wo es unser Herz verlangt zu sein.

Es ändert sich dadurch nicht nur unser Bild der Vergangenheit und unsere emotionale Reaktion auf bestimmte komplexhafte Themen, unser Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen und unsere emotionale Grundstimmung. Viel wichtiger ist noch, dass unsere Erwartungshaltung auf die Zukunft mit jedem hinter uns gelassenen Komplex weiter, offener und freier wird. Wer Komplexe hinter sich lässt, segelt einem Horizont voller neuer Möglichkeiten entgegen, um wirklich sein eigenes Leben zu leben.

Die zugehörigen Artikel im Überblick

Aus dem Shop:

E-Book: Wie man die richtigen Entscheidungen trifftSelbstwertgefühl stärken

 

 

 

 

 

 

Titel-Photo: pixabay.com
Lizenz: CCO Public Domain
Fotograf: Holgi

Für die Artikelserie u.a. verwendete und weiterführende Literatur:
*Verena Kast, „Vater-Töchter Mutter-Söhne – Wege zur eigenen Identität aus Vater- und Mutterkomplexen“, Kreuz-Verlag, 5. Auflage der Neuausgabe 2005
*Louis Schützenhöfer, „In aller Liebe – Wie wir unsere Mutter überleben“, Verlag Herder GmbH, 2004
*Colin C. Tipping, „Ich vergebe – Der radikale Abschied vom Opferdasein“jKamphausen Verlag, 11. Auflage 2010
*Alice Miller, „Am Anfang war Erziehung“, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 1. Auflage 1983
*Marie-Louise von Franz, „Der ewige Jüngling – Der Puer Aeternus und der kreative Genius im Erwachsenen“, Kösel-Verlag, 1987
*Bruno Bettelheim, „Die symbolischen Wunden – Pubertätsriten und der Neid des Mannes“, Fischer Verlag, November 1982
*Alexander Mitscherlich – „Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft“, Piper Verlag, Neuausgabe 1973
*John Eldredge, „Der ungezähmte Mann – Auf dem Weg zu einer neuen Männlichkeit“, Brunnen Verlag, 15. Auflage 2013
*Clarisse Pinkola Estés, „Die Wolfsfrau – Die Kraft der weiblichen Urinstinkte“, Heyne Verlag, 6. Auflage 1993
*Bjørn Thorsten Leimbach, „Männlichkeit leben – Die Stärkung des Maskulinen“, Ellert & Richter Verlag, 8. Auflage 2014
*Astrid Leila Bust, „Weiblichkeit leben – Die Hinwendung zum Femininen“, Ellert & Richter Verlag, 5. Auflage 2017
*Robert Bly, „Eisenhans – Ein Buch über Männer“, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Juni 2005
*Robert Moore & Douglas Gillette, „König Krieger Magier Liebhaber – Initiation in das wahre männliche Selbst durch kraftvolle Archetypen“, Aurinia Verlag, 2014
*Roland Kopp-Wichmann, „Frauen wollen erwachsene Männer – Warum Männer sich ablösen müssen, um lieben zu können“, Herder Verlag, 2011
Gerald Hüther, „Männer – Das schwache Geschlecht und sein Gehirn“, Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, 2009
*David Deida, „Der Weg des wahren Mannes – Ein Leitfaden für Meisterschaft in Beziehungen, Beruf und Sexualität“, J Kamphausen Mediengruppe GmbH, 14. Auflage 2015
*1Verena Kast, „Vater-Töchter Mutter-Söhne – Wege zur eigenen Identität aus Vater- und Mutterkomplexen“, KREUZ Verlag, 5. Auflage der Neuasgabe 2005, S. 36

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