Wie wir uns aus dem Schatten unserer Eltern lösen – Von positiven und negativen Vater- und Mutterkomplexen

Wie wir uns aus dem Schatten unserer Eltern lösen

Viele wissen es gar nicht und doch bestimmen uns auch als Erwachsene noch die eingefahrenen Beziehungsmuster aus Kindertagen. Unsere Erlebnisse mit unseren Eltern sind tief in uns verwurzelt. Sie bilden ein Modell der Beziehungsgestaltung, auf das wir heute noch zurückgreifen.

Unser inneres Kind existiert noch im selben innerpsychischen Beziehungsgeflecht mit unseren inneren Eltern, wie es seinerzeit von uns im Außen erlebt und später verinnerlicht wurde. Auch die Einschärfungen, Lektionen und Ermahnungen unserer Eltern wirken bis heute nach. Sie bestimmen zu einem großen Teil die Begrenzungslinien unseres Spielfelds, in dem wir uns heute bewegen.

Sich diese Elternkomplexe bewusst zu machen und sich anschließend von ihnen zu lösen, ist ein unersetzlicher Schritt auf dem Weg, emotional erwachsen zu werden. Ich nenne es „aus dem Schatten der Eltern treten“.

Das bedeutet keineswegs, dass wir uns gegen sie oder von ihnen abwenden müssen. Im Gegenteil. Viele erleben, dass sie anschließend mit den Eltern viel freier umgehen können, als zuvor. Der Preis, der winkt, ist ein anderer: Das Erlebnis, auf allen Ebenen unser eigenes Leben zu leben. Nach unseren Maßstäben. Authentisch. Selbstbestimmt. Frei.

Dieser Artikel ist der Auftakt zu einer Reihe von Artikeln, in denen wir uns gemeinsam die verschiedenen Auswirkungen negativer wie positiver (auch das gibt’s) Mutter- und Vaterkomplexe jeweils bei Frauen und Männern ansehen werden.

Es macht nämlich einen erheblichen Unterschied, ob eine Frau oder ein Mann beispielsweise einen positiven Vaterkomplex oder negativen Mutterkomplex hat. Zwar ist das Thema „Elternkomplexe“ spätestens seit Freud nichts Neues mehr. Es ist unzählige Male in verschiedenen Formen bearbeitet worden. Schon vor Freud haben sich diverse bekannte und weniger bekannte Philosophen dem Thema angenommen und selbst in den zehn Geboten der Bibel heißt es schon „Du sollst Vater und Mutter ehren“.

Dennoch finde ich das Thema extrem wertvoll. Es ist eine wahre Goldgrube der Erkenntnise für selbstreflektierte Menschen, die tiefer in das Verständnis ihres eigenen „So-Seins“ eindringen wollen, das immer auch ein „So-geworden-Sein“ ist. Auch wenn sich viele damit beschäftigt haben, habe ich es doch nie so schön und differenziert ausgearbeitet gefunden, wie bei Prof. Dr. phil. Verena Kast*. Ihre Arbeiten bilden auch die Inspiration und Grundlage für die folgenden Texte zu diesem spannenden Bereich.

Vielleicht kennst Du ja schon meinen auf myMONK.de erschienenen Artikel Wie Deine innere Eltern Dich gefangen halten und wie Du Dich endlich befreien kannst. Die folgende Artikelreihe greift dieses Thema auf und vertieft es erheblich.

Was sind Elternkomplexe?

Von Komplexen haben wir irgendwie alle schon mal gehört. Wenn es einen jungen Mann immer wieder zu älteren Frauen hinzieht, sagen wir schnell, er hätte halt einen Mutterkomplex. Wenn eine erwachsene Frau immer noch unter allen Umständen versucht, ihrem Vater zu gefallen, hat sie eben einen Vaterkomplex.

Das kann zwar grundlegend richtig sein, in Wahrheit hat uns die Kenntnis der verschiedenen Komplexformen und ihrer Wechselwirkungen jedoch weitaus mehr zu bieten, als bloße Etikettierungen von häufig zu beobachtendem Verhalten.

Die Auswirkungen nicht gelöster Elternkomplexe reichen in alle Bereiche unseres Lebens hinein. Angefangen von der Berufswahl, dem Umgang mit Schwierigkeiten, der Partnerwahl, der Beziehungsgestaltung zu unseren Mitmenschen, bis hin zum Umgang mit den eigenen Kindern.

Es gibt kaum etwas in unserem Leben, das durch unsere ungelösten Elternkomplexe nicht beeinflusst wird. Dies gilt auch und besonders für die Fälle, in denen wir rebellieren wollten. „Bloß nicht so werden, wie Mama oder Papa.“ Selbst das genaue Gegenteil von dem zu tun, was die Eltern vorgelebt haben, wird ganz offensichtlich direkt durch die Elternkomplexe bestimmt. Freiheit geht anders.

Ram Das sagt dazu: Wenn Du Dich für so erleuchtet hältst, geh hin und verbringe eine Woche mit Deinen Eltern.

Danach wird sicher so mancher seinen Status der Erleuchtung realistischer einschätzen.

Gleichzeitig erwischen wir uns immer mal wieder dabei, dass wir uns genauso verhalten, wie unsere Eltern das getan haben und wie wir uns einmal geschworen hatten, es niemals zu tun. Das ist mehr als normal, denn wir verinnerlichen das, was uns die Eltern vorgelebt haben. Automatisch und unwillkürlich. Wir bilden es in unserem Episodengedächtnis ab. Selbst dann, wenn wir es zutiefst ablehnen. Das Verhalten unserer Bezugspersonen wird in uns als Modell für Verhaltensoptionen abgelegt, auf das in bestimmten Kontexten zurückgegriffen werden kann. Ob wir wollen oder nicht.

Dann erwischen sich zum Beispiel liebende Eltern, die als Kind selbst geschlagen wurden und sich geschworen hatten, dass ihnen sowas mit ihren eigenen Kindern niemals geschehen würde dabei, wie ihnen angesichts einer unverschämten Bemerkung ihres Sprösslings die Hand ausrutscht. Üblicherweise begleitet von massivsten Schuldgefühlen und Selbstvorwürfen – hinterher. Doch sind auch die stärksten Schuldgefühl kein Garant dafür, dass es nicht wieder passiert.

In ungelösten Elternkomplexen finden sich auch die Ursachen für so manche gescheiterte Beziehung. Steht beispielsweise die Frau im Bann eines ursprünglich positiven Vaterkomplexes, so ist der entsprechende Platz in ihrem Herzen schon belegt. Selbst der tollste Traumprinz hat dann keine Chance, gegen den „inneren“ Vater seiner Frau anzustinken. Er wird nie als ebenbürtig empfunden, solange der Einfluss des ursprünglich positiven Vaterkomplexes besteht. Darunter leidet auch die Frau, meist ohne zu wissen, was wirklich los ist.

Diese Zusammenhänge sind komplex. Ich gehe darauf im entsprechenden Begleitartikel über den positiven Vaterkomplex bei Frauen näher ein.

Du siehst also, es gibt gute Gründe, sich mit unseren Elternkomplexen näher zu befassen. Ihre Aufarbeitung ist ein mächtiger Schlüssel für ein selbstbestimmtes und authentisches Leben. Eine Klientin hat es hinterher einmal so beschrieben:

„Ich habe zum ersten Mal in meinem Leben das Gefühl, wirklich klar zu sehen. Die Filter sind weg und ich sehe zum ersten Mal: mich!“

Um Elternkomplexe sichtbar zu machen und zu überwinden, gibt es verschiedene sehr effektive Möglichkeiten. Dazu zählen Varianten der Arbeit mit dem inneren Kind, Verfahren aus dem Bereich der Persönlichkeitsteilepsychologie, ROMPC® und weitere. In der Arbeit mit meinen Klienten nutze ich einen Prozess, den ich Aussöhnung mit der inneren Familie nenne und der eine Art Synthese der effektivsten mir bekannten Methoden darstellt.

Die folgenden Artikel zu den jeweiligen Unterthemen werden hier nach und nach in der folgenden Reihenfolge veröffentlicht. Ich versuche, jede Woche einen neuen Artikel fertigzustellen. Fertige Artikel werden dann in der unten stehenden Auflistung direkt verlinkt.

Die zugehörigen Artikel im Überblick


Für die Artikelserie u.a. verwendete und weiterführende Literatur:

*Verena Kast, „Vater-Töchter Mutter-Söhne – Wege zur eigenen Identität aus Vater- und Mutterkomplexen“, Kreuz-Verlag, 5. Auflage der Neuausgabe 2005
*Louis Schützenhöfer, „In aller Liebe – Wie wir unsere Mutter überleben“, Verlag Herder GmbH, 2004
*Colin C. Tipping, „Ich vergebe – Der radikale Abschied vom Opferdasein“jKamphausen Verlag, 11. Auflage 2010
*Alice Miller, „Am Anfang war Erziehung“, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 1. Auflage 1983
*Marie-Louise von Franz, „Der ewige Jüngling – Der Puer Aeternus und der kreative Genius im Erwachsenen“, Kösel-Verlag, 1987
*Bruno Bettelheim, „Die symbolischen Wunden – Pubertätsriten und der Neid des Mannes“, Fischer Verlag, November 1982
*Alexander Mitscherlich – „Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft“, Piper Verlag, Neuausgabe 1973
*John Eldredge, „Der ungezähmte Mann – Auf dem Weg zu einer neuen Männlichkeit“, Brunnen Verlag, 15. Auflage 2013
*Clarisse Pinkola Estés, „Die Wolfsfrau – Die Kraft der weiblichen Urinstinkte“, Heyne Verlag, 6. Auflage 1993
*Bjørn Thorsten Leimbach, „Männlichkeit leben – Die Stärkung des Maskulinen“, Ellert & Richter Verlag, 8. Auflage 2014
*Astrid Leila Bust, „Weiblichkeit leben – Die Hinwendung zum Femininen“, Ellert & Richter Verlag, 5. Auflage 2017
Robert Bly, „Eisenhans – Ein Buch über Männer“, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Juni 2005
Robert Moore & Douglas Gillette, „König Krieger Magier Liebhaber – Initiation in das wahre männliche Selbst durch kraftvolle Archetypen“, Aurinia Verlag, 2014
*Roland Kopp-Wichmann, „Frauen wollen erwachsene Männer – Warum Männer sich ablösen müssen, um lieben zu können“, Herder Verlag, 2011
Gerald Hüther, „Männer – Das schwache Geschlecht und sein Gehirn“, Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, 2009
*David Deida, „Der Weg des wahren Mannes – Ein Leitfaden für Meisterschaft in Beziehungen, Beruf und Sexualität“, J Kamphausen Mediengruppe GmbH, 14. Auflage 2015

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