Der ursprünglich positive Vaterkomplex des Mannes – Stolz, ein Mann zu sein

Der ursprünglich positive Vaterkomplex des Mannes

Eine ganz besondere Eigenschaft der positiven Elternkomplexe tritt auch hier wieder hervor. Eine Ablösung vom Komplex scheint nicht nötig, ja nicht einmal gewollt zu sein. Es lässt sich offenbar gut damit leben. Vor allem in der psychologischen ersten Lebenshälfte. Das, was dabei ausgeklammert wird, kann lange Zeit kompensiert werden.

Das trifft besonders auf die ursprünglich positiven Vaterkomplexe zu, da deren Inhalte in vielen Bereichen dem Leitbild unserer derzeitigen westlichen Kultur entsprechen. Kurzum: es gibt viel Applaus und Anerkennung dafür. Bei Söhnen mit einem ursprünglich positiven Vaterkomplex gilt das im doppelten Sinne. Sie müssen im Gegensatz zu ihren Komplexschwestern nicht erst etwas werden, das ihrer eigentlichen Energie entgegen steht.

So werden männliche Werte und alles „was man eben so macht und überhaupt schon immer so gemacht hat“ betont. Erfolg, Leistungsbereitschaft, Ordentlichkeit, Lebenstüchtigkeit, Funktionalität – die Liste ließe sich fortsetzen. Wenig Bedeutung wird da der passiven Seite des Lebens beigemessen. Der Lebensentwurf scheint auf Ausatmen und Leistung in die Welt bringen angelegt zu sein. Allzu oft wird dabei das Einatmen vernachlässigt.

Dass niemand nur ausatmen kann wird spätestens dann offenbar, wenn uns gesundheitliche Probleme dazu zwingen, passiv zu sein. Dann wird das hektische äußere Treiben weniger, die Außenwelt gezwungenermaßen leiser. Doch wenn das Äußere leiser wird, wird das Innere umso lauter (vernehmbar).

Durch die viele Bewunderung und Anerkennung, die sie haben, besitzen Söhne mit einem ursprünglich positiven Vaterkomplex nach außen hin ein sehr stabiles Selbstbewusstsein. Sie wirken dynamisch, charismatisch, sind eben echte Macher-Typen. Wie hohl dieses Selbstbewusstsein wirklich ist, zeigt sich erst dann, wenn all die Aktiva, auf die es begründet war, wegfallen. Das ist spätestens im Alter der Fall.

Hier zeigt sich auch ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen „bezogenem“ und echtem Selbstwertgefühl. Bezogenes hat immer eine Eigenschaft, auf die es sich bezieht. Das kann alles mögliche sein. Zu einer bestimmten Gesellschaftsschicht zu gehören, mein Einkommen, mein gutes Aussehen, meine Fähigkeiten, mein Partner (als Statussymbol), mein Beliebtheitsgrad, usw. Es gibt zwar Lieblingsthemen, doch letztendlich kann sich bezogenes Selbstwertgefühl auf so ziemlich alles beziehen.

Echtes Selbstwertgefühl gründet sich nicht auf Aktiva. Es erklärt sich nicht aus Eigenschaften und Leistungen (Ableitungen des Verstandes) sondern entspricht viel eher einem Gefühl. Dem Gefühl, in Ordnung zu sein, wie man ist. Es geht den Weg von innen nach außen. Ich muss nicht erst ein paar ganz tolle Kunststückchen beherrschen, um in Ordnung zu sein, sondern ich bin in Ordnung und beherrsche darüber hinaus vielleicht sogar ein paar ganz tolle Kunststückchen. Ohne, dass da ein direkter Zusammenhang wäre.

Ein weiteres Problem bei dieser Komplexprägung ist die abgeleitete Identität vom realen Vater oder anderen geeigneten Vaterfiguren. Sie wissen genau, wie sie zu sein haben, um in einer vaterkomplexigen Welt zu bestehen und zu gedeihen. Was dabei auf der Strecke bleibt, ist ihr Eigenes. Sie haben es kaum entwickelt, was sie jedoch vor einem Wegbrechen der Aktiva nicht als Problem sehen würden.

Ebenso leben sie meist in der Welt der Ratio, der Vernunft, des Verstandes. Die eher der weiblichen Energie zugeschriebene Welt der Emotionen und Intuition ist ihnen kaum zugänglich. Im Sinne der Polarität, die Anziehung schafft, sind sie durchaus häufig fasziniert vom emotionalen „Chaos“ der Frauen. Chaos meint hier die Fähigkeit einer Frau, zu fühlen, was sie fühlt, ohne nach außen zwingend erkennbare Zusammenhänge. Die weibliche Energie (in ihrer Reinform) nimmt die Welt auf eine völlig andere Weise war, als die Männliche.

An der Schnittstelle liegt das Potenzial für große Bereicherungen beider in der gegenseitigen Begegnung und dem Einlassen auf die Welt des anderen. Da sind wird jedoch gesellschaftlich noch nicht und die wenigsten sind es im kleinen Rahmen. Dennoch hat der Andere das, was uns fehlt. Die Herausforderung liegt darin, genau diesen Teil mit zu integrieren und eben NICHT so zu werden, wie der Andere. Mag ja an mir liegen, aber ich begegne immer wieder Männern, die vom Standpunkt ihrer Energie her versuchen mehr Frau zu sein und Frauen, die versuchen, als Mann zu leben.

Das kann nicht der Weg sein. Die Herausforderung ist, zu schenken, was ich dem Anderen aus meiner Welt schenken kann und zu empfangen, was der Andere mir aus seiner Welt schenken möchte und dabei zu wissen, in welcher Energie ich beheimatet bin. Als Mann sollte ich definitiv meine weiblichen Anteile entwickeln und als Frau meine Männlichen. Das bedeutet aber nicht, dass ich am Ende zu 50% Mann und zu 50% Frau bin.

Wenn ich als Mann meine weiblichen Anteile entwickele, dann bedeutet das, dass ich die Welt der weiblichen Energie besuchen kann. Ich finde mich darin zurecht. Habe Zugang. Kann sie nutzen und so mein Leben und das derjenigen, die mit mir in Berührung kommen, bereichern. Es bedeutet nicht, dass ich mit meiner Frau darum konkurriere, wer von uns beiden weiblicher ist. Viele scheinen sich da verrannt zu haben.

Der Mann mit ursprünglich positivem Vaterkomplex in Beruf und Alltag

Der Mann mit ursprünglich positivem Vaterkomplex lebt in der Welt der Leistungsbereitschaft, dominiert von der Kraft des Willens. Was man sich vornimmt, das kann man auch schaffen. Chakka! Natürlich führt Leistungsbereitschaft und Leistungswille in Kombination mit einem Selbstwertgefühl, das von deren Früchten abhängig ist auch zu einem immensen Leistungsdruck. Dieser Leistungsdruck wird jedoch häufig positiv erlebt und als Motivation (v)erkannt. Höher, schneller, weiter. Den Papa stolz machen. Stolzer Papa, stolzer Sohn. Und nicht umgekehrt.

Doch auch mit Eustress kann man sich in den Burnout treiben. Wie sehr die Motivation eben nicht nur auf Leistung sondern vor allem weg von allem, was nicht Leistung und Erfolg ist, geprägt wird, schwelt unentdeckt unter der Oberfläche. Nervosität, Stress, Überarbeitung (die als Zeichen von Leistungswillen oft sogar als positives Zeichen wahrgenommen wird). Nicht selten macht das Herz dieses Tempo nicht ewig mit. Nicht ohne Grund führen gestresste Manager die Herzinfarktcharts an.

Der Mann mit ursprünglich positivem Vaterkomplex in der Beziehung

Es ist nicht so, dass Männer mit einem ursprünglich positiven Vaterkomplex nicht beziehungsfähig sind. Es ist vielmehr so, dass ihnen durch ihre beruflichen Aktivitäten meist die Zeit für ihre Familie fehlt. Die Partnerin und oft auch die Kinder laufen dabei nebenbei mit. Sie würden sich in Momenten sicher wünschen, mehr Zeit mit ihrer Familie zu verbringen doch würden sie sich dafür starkem inneren Stress aussetzen, sobald die Arbeit darunter leidet.

So können ihnen familiäre Verpflichtungen schnell lästig werden. Dadurch, dass sie ohnehin meist ein Zeitproblem haben, ist die Familie halt manchmal etwas, um das sie sich auch noch „kümmern“ müssen. Ungeachtet davon üben Männer dieser Komplexprägung auf einen bestimmten Frauentyp natürlich eine große Anziehung aus. Oft sind dies Frauen, die kein Problem damit haben, sich selbst zurückzunehmen und ihrem erfolgreichen Mann den Rücken zu stärken und ein angenehmes Leben zu ermöglichen. Auch hier wird sich zeigen, was bleibt, wenn gesundheitliche oder wirtschaftliche Probleme dieses Rollenmuster nicht mehr zulassen.

Viele dieser Männer haben in der zweiten Lebenshälfte oder im dritten Lebensdrittel den Eindruck, wesentliches im Leben verpasst zu haben. Das hängt zum einen mit der geliehenen Identität und dem zu wenig ausgeprägten „Eigenen“ zusammen, zum anderen häufig auch mit einem späten Shift im Wertesystem. Je älter ein Mensch wird, desto mehr neigt er der Welt der Weiblichen Werte zu. Das gilt für Männer wie Frauen.

Unser Bewegungsradius in der äußeren Welt wird immer kleiner, dafür rückt unser „Weltinnenraum“ (Rilke) näher. Es geht dann mehr um die tieferen Themen, den Sinn hinter allem, unsere Beziehungen und die Frage „Habe ich ein gutes Leben gelebt“? Gut heißt hier immer auch sinnvoll. Hier kann die Antwort eines Menschen, der den Großteil seines Lebens damit verbracht hat, vergänglichem äußeren Tand nachzujagen, sehr ernüchternd ausfallen.

Das kann entweder in einer Depression (hier nicht zwingend als psychiatrisches Krankheitsbild gemeint) oder im Aufbruch zu einer Innenreise münden. Letzteres ist sicher der erfüllenderre Weg.

Die Wachstumskrise

Wird wie bereits erwähnt, wenn das, worauf die eigene Identität bezogen ist, wegbricht. Sei es der Job, der Vater (oder nur dessen Anerkennung), die eigene Leistungsfähigkeit. Nicht selten sind es auch die Frauen, die eine solche Wachstumskrise auslösen, indem sie – meist auch um ihre psychologische Lebensmitte herum – aufbegehren und sich nicht mehr mit der Rolle als Anhängsel zufrieden geben.

Denn auch sie leiten in dieser Konstellation häufig ihre Identität von ihrem Mann ab. Wenn sie sich auf eine innere Exkursion begeben, um ihr Eigenes zu entdecken und zu entwickeln zwingen sie gleichzeitig ihren Mann, sich mit seinem Eigenen auseinanderzusetzen. Selbstverständlich geht dem häufig eine Phase intensiven Streitens oder einfach das Gefühl „Jetzt dreht sie durch“ voraus. Und es ist keineswegs gesagt, dass gemeinsames Wachstum im Sinne einer Ko-Evolution (Jürg Willi) gelingt. Falls sie jedoch gelingt, haben alle gewonnen. Sich selbst und den Anderen. Den echten Anderen.

Die Wachstumsherausfoderung

Ergibt sich aus dem Vorgenannten. Damit die Ablösung vom Vaterkomplex gelingt muss vor allem die geliehene Identität durch die Entwicklung von Eigenem abgelöst werden. Dieses Eigene trägt dann noch, wenn das Äußere es nicht mehr vermag.

Die zugehörigen Artikel im Überblick

Aus dem Shop:

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Titel-Photo: pixabay.com
Lizenz: CCO Public Domain
Fotograf: blanca_rovira

Für die Artikelserie u.a. verwendete und weiterführende Literatur:
*Verena Kast, „Vater-Töchter Mutter-Söhne – Wege zur eigenen Identität aus Vater- und Mutterkomplexen“, Kreuz-Verlag, 5. Auflage der Neuausgabe 2005
*Louis Schützenhöfer, „In aller Liebe – Wie wir unsere Mutter überleben“, Verlag Herder GmbH, 2004
*Colin C. Tipping, „Ich vergebe – Der radikale Abschied vom Opferdasein“jKamphausen Verlag, 11. Auflage 2010
*Alice Miller, „Am Anfang war Erziehung“, Suhrkamp Taschenbuch Verlag, 1. Auflage 1983
*Marie-Louise von Franz, „Der ewige Jüngling – Der Puer Aeternus und der kreative Genius im Erwachsenen“, Kösel-Verlag, 1987
*Bruno Bettelheim, „Die symbolischen Wunden – Pubertätsriten und der Neid des Mannes“, Fischer Verlag, November 1982
*Alexander Mitscherlich – „Auf dem Weg zur vaterlosen Gesellschaft“, Piper Verlag, Neuausgabe 1973
*John Eldredge, „Der ungezähmte Mann – Auf dem Weg zu einer neuen Männlichkeit“, Brunnen Verlag, 15. Auflage 2013
*Clarisse Pinkola Estés, „Die Wolfsfrau – Die Kraft der weiblichen Urinstinkte“, Heyne Verlag, 6. Auflage 1993
*Bjørn Thorsten Leimbach, „Männlichkeit leben – Die Stärkung des Maskulinen“, Ellert & Richter Verlag, 8. Auflage 2014
*Astrid Leila Bust, „Weiblichkeit leben – Die Hinwendung zum Femininen“, Ellert & Richter Verlag, 5. Auflage 2017
*Robert Bly, „Eisenhans – Ein Buch über Männer“, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Juni 2005
*Robert Moore & Douglas Gillette, „König Krieger Magier Liebhaber – Initiation in das wahre männliche Selbst durch kraftvolle Archetypen“, Aurinia Verlag, 2014
*Roland Kopp-Wichmann, „Frauen wollen erwachsene Männer – Warum Männer sich ablösen müssen, um lieben zu können“, Herder Verlag, 2011
Gerald Hüther, „Männer – Das schwache Geschlecht und sein Gehirn“, Vandenhoeck & Ruprecht Verlag, 2009
*David Deida, „Der Weg des wahren Mannes – Ein Leitfaden für Meisterschaft in Beziehungen, Beruf und Sexualität“, J Kamphausen Mediengruppe GmbH, 14. Auflage 2015

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