Die 3+1 Beziehungsphasen bei Bindungsangst und warum sie oft in zermürbenden Wiederholungsschleifen enden

Beziehungsphasen bei Bindungsangst

„Wir standen uns so nahe, dass es zwischen uns keinen Platz mehr gab für Gefühle.“
Stanislaw Jerzy Lec

Bindungsangst ist ein dreckiges Thema. Und es betrifft so viel mehr Menschen, als man vermuten würde. Viele sind aktiv betroffen. Andere ziehen mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks immer wieder bindungsängstliche Partner an. Zufall?

Sicher nicht. Die beiden lesenswerten Autoren Julia Sokol und Steven Carter haben (neben vielen anderen) diese Dynamiken eingehend untersucht. Dabei zeigten sich schnell einige augenfällige Muster in Partnerschaften, in denen Bindungsangst eine Rolle spielt. Sokol und Carter unterscheiden daher zwischen einem ‚aktiven Vermeider‘ und einem ‚passiven Vermeider‘.

Der aktive Vermeider ist dabei der archetypische Bindungsängstliche, wie er tausendfach beschrieben wurde. Wird ihm die Beziehung zu eng, schaltet er auf Rückzug, sabotiert oder verlässt die Beziehung, weil er ein ‚Zuviel‘ an Nähe nicht gut ertragen kann.

Die Rolle des passiven Vermeiders ist da paradoxer. Als passive Vermeider gilt hier, wer zwar ganz offensichtlich den dringenden Wunsch nach einer intimen Partnerschaft verspürt, die auf Tiefe, Nähe und Verbindlichkeit angelegt ist, aber dennoch immer wieder und scheinbar völlig unabsichtlich an die ‚falschen Partner‘ gerät. Nämlich solche, die bindungsängstliches Verhalten zeigen.

Während also der aktive Vermeider Nähe und Distanz in der Beziehung mehr über sein Verhalten in der Beziehung regelt, scheinen passive Vermeider dies auf einer noch deutlich übergeordneten Ebene, direkt über die Partnerwahl zu steuern. Indem sie sich mit traumwandlerischer Sicherheit immer auf aktive Vermeider einlassen. So regeln auch sie, dass es in der Beziehung nie zu einem dauerhaften und stabilen Maß an Nähe und Verbindlichkeit kommt.

Selbstverständlich tut sich niemand so etwas freiwillig an. Weder aktive, noch passive Vermeider. An dieser Stelle sei gesagt, dass ich kein Freund von Etikettierungen bin. Beschreibungen wie aktiver und passiver Vermeider, bindungsängstlicher Partner, usw. werden einem Menschen genauso wenig gerecht, wie Blondine oder Brünette, Schlumpf oder Mäuschen. Es sind Hilfswörter, die einen Ausschnitt menschlichen Verhaltens in einem bestimmten Kontext beschreiben und damit helfen sollen, eine beobachtbare Dynamik verständlicher zu machen, um besser damit umgehen zu können. Mehr nicht. In diesem Sinne möchte ich sie verstanden wissen.

Außer Frage steht, dass beide Partner unter dieser Dynamik leiden. Aktive Vermeider können sich ihr Verhalten selbst meist nicht erklären. Sie verstehen nicht, warum ihnen der Partner eben noch so wichtig war und sie sich plötzlich, obwohl sich objektiv nichts verändert hat, durch seine Nähe eingeengt und gefangen fühlen.

Passive Vermeider leiden stark unter dem Liebesentzug des Partners und der Frage, warum sie immer wieder denselben Typ Mensch anziehen. Beide kommen oft an den Punkt zu glauben, dass mit ihnen etwas nicht stimmt und halten sich nicht selten irgendwann für beziehungsunfähig. Steter Tropfen höhlt den Stein, wie der Volksmund weiß. Wen wundert’s, wenn man immer wieder ähnliche verletzende Erfahrungen macht.

So läuft denn auch eine ‚Beziehung‘ vor dem Hintergrund der Bindungsangst häufig nach einem typischen Schema ab, das sich in 3 + 1 Phasen aufteilt.

Phase 1: Werbung

Angeblich gibt es zwischen Wahn und Verliebtheit im Hirn kaum erkennbare Unterschiede. Und so sind auch die meisten Partnerschaften in der Anfangszeit relativ spannungsfrei. Ausnahmen gibt es selbstverständlich immer.

Auffallend ist, dass sich aktive Vermeider häufig für potentielle Partner interessieren, die scheinbar zunächst gar kein besonderes Interesse an ihnen haben. Das ist nicht immer gegeben, kommt aber überdurchschnittlich häufig vor. Ist das Interesse erstmal geweckt, werden Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um den Anderen für sich einzunehmen und sprichwörtlich in einen verliebt zu machen. Es wird geworben, geflirtet und verführt, was das Zeug hält. Das ist hier keine Taktik, sondern ehrlich empfundenes Interesse auf der Seite der aktiven Vermeider.

Besonders tragisch ist hierbei, dass diese Hartnäckigkeit in der Werbung vom umworbenen Part häufig als ernstes und besonders aufrichtiges Interesse an einer verbindlichen und auf Nähe ausgerichteten Partnerschaft aufgefasst wird. Dies wiederum trifft auf ein unerfülltes Bedürfnis nach Beziehung beim umworbenen Part. So kommt es häufig dazu, dass der passive Vermeider die erhaltene Aufmerksamkeit und die Gesellschaft des werbenden Parts immer mehr genießt. Es bahnt sich tatsächlich eine Beziehung an.

Phase 2: 180 Grad Drehung

Die zweite Phase wird durch die geglückte Eroberung eingeleitet. Man bekennt sich zu einer gemeinsamen Beziehung. Während zuvor die Aufmerksamkeit des aktiven Vermeiders hauptsächlich bei der Wirkung war, die er beim Gegenüber zu erzielen erhoffte, kann er es nun etwas ruhiger angehen lassen.

Vielleicht führt es zunächst nur dazu, dass die Werbemaßnahmen zurückgefahren werden, er sich etwas weniger in der Beziehung engagiert. Jetzt ist auch wieder Aufmerksamkeit frei geworden, da nicht mehr alle Energie in die Werbung des Anderen gesteckt wird. Diese freie Aufmerksamkeit wird häufig darauf verwendet, die Eroberung genauer zu betrachten. Häufig wird der Blick nun ein wenig ‚mangelorientiert‘. Erste kleine Makel oder etwas unangenehme Verhaltensweisen bei der Eroberung fallen ins Auge. Je mehr nun der Gegenpart Schritte in Richtung Verbindlichkeit geht, desto eingeengter fühlt sich der aktive Vermeider.

Diese Dynamik führt häufig in einen Teufelskreis. Die passiven Vermeider – meist aber beide – verstehen die Welt nicht mehr. Was ist plötzlich passiert? Während die Sehnsucht auf Seiten des passiven Vermeiders immer größer wird, will der aktive Vermeider immer mehr raus aus der Beziehung. Entsprechende Verhaltensweisen nehmen im Verlauf an Intensität zu. Vielleicht ruft man zuerst nur nicht mehr von selbst an, geht später nicht mehr direkt ans Telefon, wenn die Nummer des Anderen im Display erscheint, plant Aktivitäten bewusst ohne den Partner, arbeitet mehr oder versucht die Distanz in der Beziehung über Seitensprünge zu regeln. Dann wird die Nähe auf mehrere verteilt, ist damit breit statt tief und wirkt im ersten Moment leichter kontrollierbar.

Phase 3: Schluss

Dies geht nicht ewig so weiter. Irgendwann ist der Bogen so weit überspannt, dass das Paar sich trennt. Nicht immer sind es die aktiven Vermeider, die diesen Schritt gehen. Häufig sind Schmerz und Verzweiflung auf Seiten des passiven Vermeiders in der Zwischenzeit so übermächtig, dass die Notbremse zur emotionalen Selbstrettung gezogen wird. Menschen mit einer sehr abhängigen Persönlichkeitsstruktur ist jedoch auch dieser Weg häufig noch zusätzlich verbaut und sie schaffen es nicht, sich zu einer Trennung durchzuringen.

Mit der vollzogenen Trennung ist jedoch das Leiden nicht zu Ende.

Phase +1: Ehrenrunde

Während der passiv vermeidende Partner den Anderen ohnehin die ganze Zeit vermisst und sich nach ihm gesehnt hat, verändern sich häufig auch die Gefühle des aktiv vermeidenden Partners durch die Trennung. Nun ist die Distanz wieder hergestellt, der ehemalige Partner wirkt aus dieser Entfernung plötzlich wieder attraktiv. Und war nicht der Sex auch verdammt gut?

Da bei beiden in dieser Phase das Sehnen nach dem Anderen zunimmt, geht man nicht selten erneut Schritte aufeinander zu. Vielleicht probiert man es nochmal miteinander, vermeinend, man wüsste ja nun endlich, was man am Anderen hat. Obwohl manche Menschen hier tatsächlich in der Lage sind, etwas zu verändern, finden sich die weitaus meisten bereits nach kurzer Zeit wieder am selben Punkt. Sie sind direkt wieder bei Phase 1 eingestiegen und das Spiel ging von neuem los. Gleiches Spiel, gleiches Ergebnis.

Abweichungen kommen vor

Was ich hier skizziert habe, ist ein archetypischer, fast schon klischeehafter Verlauf. Er ist absolut typisch für das Thema Bindungsangst. Aber selbstverständlich gibt es jede denkbare Abweichung. Und natürlich kommt es auch vor, dass jemand an einen Partner mit Bindungsangst gerät, der selbst kein passiver Vermeider ist. Dann geschieht dies allerdings kaum regelmäßig. Interessanterweise geraten echte passive Vermeider eher selten an Partner, die keine Bindungsangst haben.

Und noch was zur Geschlechterverteilung sei an dieser Stelle gesagt. Liest man viele populärpsychologische Beiträge zum Thema, dann bekommt man schnell den Eindruck, dass Männer immer die aktiven Vermeider, Frauen die passiven Vermeider oder reine Opfer aktiver Vermeider sind. Bei aller Empathie mit dem involvierten Leid und Verständnis dafür, dass es nach außen hin schnell so wirken kann, kann ich selbst diesen Eindruck aus der Praxis nicht bestätigen. Auch andere erfahrene Autoren scheinen wie ich die Erfahrung gemacht zu haben, dass beide Geschlechter sich gleichermaßen in beiden Rollen wiederfinden können.

Was kann man tun?

Die Hintergründe für Bindungsangst sind vielfältig. Natürlich hat es viel mit unseren frühen Bindungserfahrungen im engsten Familienkreis zu tun. Aber eben nicht ausschließlich. Und für die Lösung ist es auch nicht immer notwendig, manchmal nicht mal ratsam, diese frühen Bindungen ‚durchzuarbeiten‘.

Ich werde sicherlich in weiteren Artikeln noch mögliche Lösungswege exemplarisch aufzeigen. Hier ist mir erstmal die Grundtendenz wichtig. Das Therapieziel für aktive Vermeider liegt in einer Neubewertung und dem Zulassen von mehr Nähe und Verbindlichkeit. Dabei geht es immer auch darum, die damit einhergehenden intensiven Emotionen zu verändern. Die Angst, vereinnahmt zu werden, Kontrolle abzugeben und ein Beziehungsrisiko einzugehen, seien hier nur exemplarisch erwähnt.

Für passive Vermeider gibt es nicht weniger zu tun. Die Strebungen hier gehen deutlich in die Richtung, mehr eigene Autonomie in der Partnerschaft zu entwickeln. Auch dies geht mit der Bearbeitung von Verlassenheitsgefühlen und Verlustängsten einher. Hier haben sich Verfahren wie EMDR und ROMPC® bestens bewährt. Darüber hinaus ist die Frage zu klären, welche schützende Funktion die bisherige Partnerwahl in der Vergangenheit übernommen hat und wie dieser Schutz auf andere Weise in einer funktionierenden Partnerschaft erhalten bleiben kann.

An anderer Stelle dazu mehr.

Wenn Du hier noch tiefer einsteigen möchtest, sei Dir mein dazu passender Gastartikel auf der Seite myMONK.de empfohlen:

Abhängigkeit und Angst vor Nähe – Wie und Warum Beziehungen aus dem Gleichgewicht geraten

Aus dem Shop:

E-Book: Wie man die richtigen Entscheidungen trifftSelbstwertgefühl stärken

 

 

 

 

 

 

Titel-Photo: pixabay.com
Lizenz: CCO Public Domain
Fotograf: makunin

Print Friendly, PDF & Email

Hinterlasse einen Kommentar

Please enter your comment!
Please enter your name here

5 + 4 =

*