Du liebst mich jetzt – aber wirst Du bleiben? Das Bedürfnis nach Vergewisserung in Beziehungen

Bedürfnis nach Vergewisserung

„Liebst du mich?“

„Aber natürlich liebe ich dich.“

„Wirklich?“

„Ja, wirklich.“

„Bist du dir sicher?“

„Ganz sicher.“

„Okay, dann bin ich beruhigt.“

„Schön“.

„Schatz?! Du sagst, dass du mich liebst. Woher weißt du das?

So in etwa klingt ein Mensch mit einem unerfüllten Bedürfnis nach Vergewisserung. Es sei denn, er hat sich das direkte Fragen abgewöhnt. Das geschieht häufig, weil das Umfeld darauf irgendwann genervt reagiert. An der eigenen Verunsicherung ändert dies jedoch nichts.

Wir alle haben ein Bedürfnis nach permanentem Feedback von anderen. Besonders, wenn diese uns sehr nahe stehen. Wir wollen vergewissert werden, dass die Beziehung zum anderen Bestand hat. Wir müssen wissen, dass der andere nach wie vor in der Beziehung engagiert ist.

Diese Vergewisserung ist keine einmalige Sache. Sie ist ein dauerhaftes Bedürfnis. Wir brauchen sie immer wieder.

In einer intakten Beziehung reichen dafür häufig nonverbale Signale völlig aus. Die Art, wie sich der andere uns gegenüber verhält; wie viel seiner Zeit er uns widmet; was er bereit ist, für uns zu tun und zu lassen; wie er uns ansieht und berührt.

Ist alles in Ordnung, muss nicht aktiv danach gefragt werden. Es sei denn, das Bedürfnis nach Vergewisserung eines Partners wurde nachhaltig verletzt.

Die Ursache kann in der Historie der Partnerschaft selbst liegen. Etwa nach einen Seitensprung. Oder wenn der Partner sich in der Vergangenheit schon einmal leichtfertig getrennt hat, als es schwierig wurde. Wie soll man dann wissen, ob er es nicht wieder tun wird?

Häufig wurde das Bedürfnis nach Vergewisserung aber außerhalb der aktuellen Beziehung verletzt. Durch frühere Partner.  Oder die eigenen Eltern, was meist noch viel gravierender ist. Viele Menschen haben in ihrem Leben nicht genug Vergewisserung erfahren. Sie laufen mit einer Art schwarzem Loch in ihrem Herzen durchs Leben, das jegliches soziales Sicherheitsgefühl zu verschlingen scheint.

Kein noch so großer Liebesbeweis kann daran etwas ändern. Nicht dauerhaft. Sie können das Gefühl der Sicherheit nicht halten. Egal, was der Partner auch unternimmt, um sie seiner Liebe zu vergewissern, es bleibt nicht. Ihre Gedanken kreisen weiterhin um die Gefahr, den anderen zu verlieren.

Das verunsichert nicht nur in Bezug auf den Bestand der Beziehung, sondern auch auf den eigenen Wert als Mensch. Wer sich selbst nicht als gleichwertigen Partner sieht, vertraut nicht darauf, dass sein Partner aus freien Stücken mit ihm zusammen ist. Häufig wird der Partner dann besonders umgarnt. Als müsste man das Ungleichgewicht in der Beziehung dadurch ausgleichen, dass man mehr für den Partner tut.

Eine Freundin hat es so beschrieben:

„Ich versuche die attraktivste Dame, beste Ehefrau, am meisten bekümmerte Mutter, reinlichste Hausfrau, beste Köchin, toleranteste Partnerin und größte Hure im Bett für meinen Mann zu sein, damit er mich nicht verlässt. Das ist doch bescheuert, oder? Er liebt mich, das weiß ich. Aber ich führe diesen ganzen Zirkus auf, weil ich Zweifel daran habe, ob ich auch gut genug für ihn bin.“

Viele stellen ihren Partner aus Verunsicherung auch auf die Probe. Häufig, indem sie sich maximal eklig und verletzend verhalten. Nach dem Motto: „Wenn ich meinen Partner so behandle und er trotzdem bei mir bleibt, dann muss er mich wirklich lieben.“

Natürlich haben sie Schuldgefühle wegen ihres Verhaltens und versinken in Selbstvorwürfen. Doch lassen können sie es meist trotzdem nicht. Die Verunsicherung und der Hunger nach Vergewisserung sind einfach zu dominierend.

Der Partner muss dann seine Liebe beweisen. Die Aufrichtigkeit seiner Gefühle steht in Zweifel. In extremen Fällen ist kein Liebesbeweis genug. Nicht mal für den Moment. Immer bleibt ein Rest Zweifel übrig.

Wenn das zu lange geht, geht auch der Partner irgendwann. Scheinbar ein erneuter Beweis, dass man mit der eigenen Unsicherheit richtig lag. Dann hat wieder einmal das, was den Verlust verhindern sollte, ihn erst herbeigeführt. So entstehen sich selbst erfüllende Prophezeiungen.

Doch auch ohne diesbezügliche Verletzungen in der Vergangenheit bleibt es ein Grundbedürfnis, von anderen vergewissert zu werden. Der Unterschied liegt darin, wie dringend, oft und stark wir es brauchen und wie lange wir es halten können.

So ging es auch Susi, einer Klientin, deren Situation ich hier mit ihrem Einverständnis wiedergeben darf. (Die Namen sind natürlich geändert). Nachdem sie eine Weile über ihre Situation erzählt hatte, nahm ich einen Plastikbecher in die Hand und stach ein paar Löcher in die Unterseite. Dann goß ich Wasser hinein und wiederholte dabei wortgetreu, was ihr Freund Patrick bereits alles unternommen hatte, um sie seiner Liebe zu vergewissern und  fragte ich sie nach einem Moment der Stille: "Fühlt es sich so an?"

Susi starrte mit offenem Mund auf den Becher. Als sie sah, wie das Wasser, das oben hinein gegossen wurde, unten direkt wieder heraus tropfte, füllten sich ihre Augen mit Tränen. Nach einer Weile sah sie mich an:

"Du bist der erste, der es versteht. Genau so fühlt es sich an. Es ist egal, was ich versuche oder was Patrick versucht, ich kann es nicht halten. Patrick ist so toll, aber ich befürchte, dass ich ihn verlieren werde, wenn ich das nicht bald in den Griff bekomme. Es ist sogar noch schlimmer. Je mehr Patrick sich anstrengt, desto mehr wird mir bewusst, dass ich so einen tollen und geduldigen Mann nie wieder bekommen werde. Also wächst diese verfluchte Unsicherheit noch mehr."

Viele zwischenmenschliche Verhaltensweisen haben einen doppelten Boden. Oft geht es um etwas völlig anderes, als sich oberflächlich zeigt.

An Kindern lässt sich das ganz unverfälscht beobachten. Auch dann, wenn mit ihren Bedürfnissen alles in Ordnung ist. Für Lehrer und Eltern ist es oft nervig, wenn ein Kind immer wieder mit banalen Fragen ankommt, die es sich ohneweiters selbst beantworten könnte.

Das muss nicht immer ein Zeichen von Unselbstständigkeit sein. Es geht dabei selten um die Antwort auf die gestellte Frage, sondern um die Vergewisserung, dass in der Beziehung zum Gegenüber noch alles in Ordnung ist. Wer diese Zusammenhänge kennt, kann nicht nur seinem Partner verständnisvoller begegnen.

Generell gibt es zwei Wege, wie Betroffene ihrer Unsicherheit begegnen können: aktiv (Kampfmodus) oder passiv (Fluchtmodus).

Aktiv: Die Betroffenen versuchen festzuhalten und sich anzuklammern. An Personen, Gegenstände, Rituale, Gewohnheiten, Traditionen. Sie verhalten sich absichtlich (wenn auch nicht immer bewusst) hilfloser, als sie in Wirklichkeit sind.

Passiv: Die Betroffenen trauen sich nicht, Bindungen zu anderen Personen einzugehen. Sie werden zum einsamen Wolf und bestreiten ihr Leben größtenteils allein. Viele Formen von Bindungsängsten haben hier ihren Ursprung. Auch die Angewohnheit, Beziehungen eher zu fantasieren, als sich einem realen Beziehungsrisiko auszusetzen, muss hier dazu gezählt werden.

Hinter oberflächlich nervigen Verhaltensweisen steckt oft der Wunsch nach Vergewisserung. Wenn wir das verstehen, können wir unseren Lieben in solchen Momenten mit offenem Herzen begegnen.

Dann können wir ihnen, anstatt dass wir uns darüber aufregen, dass sie uns mit “so etwas Unwichtigem” belästigen, die emotionale Wertschätzung geben, die sie wirklich brauchen.

Für die Betroffenen selbst reicht die Einsicht in diese Dynamik meist nicht aus. Wenn durch negative Erfahrungen in der Vergangenheit emotionale Blockaden vorliegen, überfluten diese die rein verstandesmäßigen Einsichten.

Hier liefert die Behandlung mit EMDR oder ROMPC®  häufig sehr gute Ergebnisse. Damit lassen sich die emotionalen Blockaden wirkungsvoll behandeln. Im Anschluss können dann neue Verhaltensweisen im Umgang mit dem Bedürfnis nach Vergewisserung eingeübt werden. Sofern Letzteres dann überhaupt noch nötig ist.

Viele der in diesem Artikel genannten Verhaltensweisen haben ihre Ursache auch in der Unfähigkeit, „alleine zu stehen“. Betroffene haben das Gefühl, regelrecht umzukippen und den Boden unter den Füßen zu verlieren, sollte der Partner oder ein anderer wichtiger Mensch sich von ihnen abwenden oder sie anderweitig verlassen.

Die beschriebenen Verhaltensweisen sollen der Abwehr gegen diesen befürchteten Verlust dienen, erhöhen jedoch leider meist eher noch die Wahrscheinlichkeit, dass sich der andere wirklich früher oder später abwendet.

Je mehr ein Mensch lernt, im Notfall auch alleine stehen zu können, desto weniger muss er sich gegen einen befürchteten Verlust verteidigen und desto freier ist er in der Gestaltung der Beziehung zu seinem Partner und anderen Menschen.

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Titel-Photo: pixabay.com
Lizenz: CCO Public Domain
Fotograf: fsHH

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*Die hier dargestellten Zusammenhänge basieren auf den Arbeiten der beiden Transaktionsanalytiker Richard Erskine und Rebecca Trautmann, sowie den Ergänzungen des ROMPC®-Begründers Thomas Weil in seinem Buch „Selbstwirksamkeit und Performance“:

Thomas Weil, Martina Erfurt-Weil, “Selbstwirksamkeit und Performance – ROMPC®-Kompendium Theorie- und Trainingshandbuch”, MEW Medienedition Weil e.K., Ausgabe 2010

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4 KOMMENTARE

  1. Ein interessanter Beitrag, Danke dafür.
    Während des Lesens hatte ich tatsächlich Kinder vor Augen, die, vor Allem im freien Spiel, immer wieder ankommen und sich rückversichern (so nenne ich das), dass alles noch gut ist. Ich habe bei solchen Aktionen immer die Wörter „Andocken ans Mutterschiff“ im Kopf. Ich freue mich gerade, dass ich das richtig interpretiert habe.
    Ich habe so viel verlernt im Laufe meines Lebens. Kinder sind wundervolle Lehrmeister.

    • Hallo Fiona,

      danke für Deinen Kommentar. Schön, dass Du „wieder da“ bist. Andocken ans Mutterschiff ist eine schöne Formulierung dafür, die werde ich mir merken. Das trifft es wirklich gut. Und es stimmt, Kinder sind die besten Lehrmeister. 🙂

      Liebe Grüße,
      Andreas

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