Abwehrmechanismen – Bloß weg damit aus dem Bewusstsein

Abwehrmechanismen nach Freud

Nun mag man ja von Sigmund Freud und seiner Psychoanalyse halten, was man möchte.

Ich selbst habe zum Beispiel große Schwierigkeiten zu erkennen, wie meine Abneigung dagegen, Strafzettel zu kassieren, mit meiner tief sitzenden Kastrationsangst zusammenhängen soll. Aber wahrscheinlich bin ich da noch im Widerstand.

Oder warum meine Vorliebe für einen frisch aufgebrühten Kaffee zum Frühstück bedeuten soll, dass ich im Sinne des Ödipuskomplexes mit meinem Vater um meine Mutter balge, bloß weil mein Vater auch gerne Kaffee zum Frühstück trinkt und ich ihm damit zeigen will:

‚Du kannst mir gar nichts. Guck, wie stark ich schon bin. Ich trinke auch Kaffee. Und jetzt rück‘ die Mama raus, sonst eskaliere ich noch weiter und trinke einen Espresso. Einen Doppelten!!‘

Und das glaube ich nicht nur deshalb nicht, weil mein Vater seinen Kaffee mit Milch trinkt und ich meinen schwarz.

Aber bei aller mal mehr, mal weniger berechtigten Kritik haben Sigmund Freud und seine Anhänger teilweise echte Pionierarbeit geleistet. Nicht weniges von dem, was aus seinem Dunstkreis stammt, gilt bis heute nahezu uneingeschränkt und hat nicht nur unser Verständnis von Psychologie erweitert, sondern auch unsere Sprache nachhaltig geprägt.

In diesem Artikel soll es um ein zentrales Konzept aus den Reihen der Psychoanalyse gehen. Um die Abwehrmechanismen. Hier hat sich insbesondere Anna Freud, die Tochter Sigmund Freuds, einen Namen gemacht. In ihrem 1936 veröffentlichten Buch* „Das Ich und die Abwehrmechanismen“ beschreibt sie derer 10.

Diese möchte ich Dir hier kurz vorstellen, denn mit diesem Hintergrundwissen lässt sich einiges von dem, was wir an uns selbst und unseren Mitmenschen beobachten, besser nachvollziehen.

Das Gedankengebäude der Psychoanalyse ist komplex und vielschichtig. Die Abwehrmechanismen sind eingebettet in die Konzepte der Trieblehre, des Strukturmodells der Psyche mit seinen drei Instanzen „Ich“, „Über-Ich“- und „Es“, die Phasen psychosexueller Entwicklung, die Neurosenlehre, usw.

Ich werde mich hier allerdings aus Gründen des Umfangs und der Übersichtlichkeit auf die Basics beschränken.

Abwehrmechanismen – Die Dynamik

Abwehrmechanismen können als Versuch gewertet werden, einen psychischen Konflikt zu bewältigen. Dieser Konflikt spielt sich nach dem zugrunde liegenden Konzept zwischen den verschiedenen Instanzen des „psychischen Apparates“ ab.

Beispielsweise in der Form eines Trieb-Abwehr-Konfliktes. Dann hat das „Ich“ ganz salopp gesagt zwischen den Trieben des „Es“ und den soziokulturellen Konditionierungen des „Über-Ichs“ mit seinem Gewissen zu vermitteln.

Das Es würde dann vielleicht gerne auf der Hochzeitsfeier unseres besten Freundes die hübsche Blonde von Gegenüber ohne lästigen Zeitverlust bespringen, während das Über-Ich, das ja eh immer etwas auszusetzen hat, eher die Haltung vertritt:

‚Ne, lass mal lieber. Könnte eventuell falsch verstanden werden.‘

Du siehst schon, das Es möchte eher Fun (Lustprinzip), während das Über-Ich eher dazu neigt, sich als Spaßbremse unbeliebt zu machen.

Beispiel:

Unser Vater wollte unbedingt, dass wir ins seine Fußstapfen treten und die elterliche Firma übernehmen, während wir lieber Baby-Schildkröten auf Galapagos züchten würden.

Egal, wie wir uns jetzt entscheiden, immer macht eine der Instanzen Stunk. Entweder, wir gehen nach Galapagos und lernen die Sprache der Schildkröten. Dann plagt uns das schlechte Gewissen unseres Über-Ichs, weil wir die Wünsche unseres Vaters nicht befolgen.

Oder wir gehorchen unserem Gewissen, dann nervt uns unser Es mit seinen Triebansprüchen, weil es endlich zu den Baby-Schildkröten möchte.

Das Ich hat dann die undankbare Aufgabe, zwischen den beiden Streithähnen zu vermitteln. Ist das Ich stark und die beiden Kontrahenten sind es eher nicht, stellt dies kein allzu großes Problem dar. Ist das Ich eher schwach und eine der beiden anderen Instanzen oder beide sind stark, ist das Ich dagegen schnell überfordert.

Dann muss es zusehen, dass es diesen Konflikt loswird. Da das Ich hauptsächlich im bewussten Bereich unserer Psyche zuhause ist und bis ins Vorbewusste hineinreicht, bemüht es sich, diesen Konflikt aus seinem Zuständigkeitsbereich zu verbannen.

Nach dem Motto: ‚Kümmere sich doch lieber ein anderer drum, ich kann’s nicht und mag auch nicht mehr.‘

Genau hier kommen dann die Abwehrmechanismen ins Spiel.

Die Abwehrmechanismen

Hier also in Übersichtsform die 10 Abwehrmechanismen nach Anna Freud. Es gibt noch mehr, aber mit den hier genannten kommt man schon ein ordentliches Stück weit.

  • Verdrängung: Der Godfather of Abwehrmechanismen. Quasi der Archetyp der Abwehr. So bekannt, dass wir diesen Begriff heute wie selbstverständlich im täglichen Sprachgebrauch verwenden. ‚Weißt du noch damals, in der 9. Klasse, als du so knallrot geworden bist an der Tafel, als du die Mathe-Aufgabe nicht lösen konntest?‘ – ‚Hm, ne. Da kann ich mich nicht dran erinnern. Das habe ich wohl verdrängt.‘ Bei der Verdrängung wird ein ehemals bewusster Vorgang aus dem Bewusstsein verschoben und ins Unbewusste verdrängt. Über die Details kann man ganze Bücher schreiben, aber das ist der Grundvorgang.
  • Reaktionsbildung: Die Reaktionsbildung ist ein reaktives Verhalten auf einen verdrängten Wunsch, Trieb oder Impuls. Die gebildete Reaktion stellt dann quasi das Gegenteil des Wunsches dar. Beispielsweise habe ich den Wunsch verdrängt, mit meiner Chefin zu schlafen und werde deshalb immer rot, wenn sie den Raum betritt. Und das ohne, dass mir noch wirklich bewusst ist, dass ich mit ihr schlafen möchte.
  • Regression: Regression ist das Zurückfallen auf eine frühere – meist kindliche – Entwicklungsstufe unserer Persönlichkeit. Siehe hierzu: Regression – Wenn das innere Kind auf die Bühne springt.
  • Ungeschehenmachen: Beim Ungeschehenmachen wird so getan oder versucht so zu tun, als wären bestimmte Gedanken, Triebe, Wünsche, Impulse, Handlungen, etc. gar nicht passiert. Damit einher gehen oft rituelle Handlungen, die der Abwehr dienen. Viele Zwänge haben u. a. hier ihre Wurzel. Beispielsweise kann ständiges zwanghaftes Händewaschen im Sinne eines Trieb-Abwehrmechanismus gegen aufkommende „schmutzige“ Gedanken aufgefasst werden, wenn ein stark ausgeprägtes und moralisierendes Über-Ich Gedanken dieses Typs strikt verbietet und die Ich-Struktur zu schwach ist, um mit diesem mächtigen Über-Ich klar zu kommen. Mit dem Waschen der Hände wird dann rituell versucht, die „schmutzigen Gedanken“ wieder abzuwaschen, so als wäre nichts geschehen. ‚Ich wasche meine Hände in Unschuld.‘
  • Isolierung: Ein bestimmter psychischer Inhalt wird eingekapselt und von der „restlichen Person“ isoliert. Er ist nicht weg, er ist nur weggesperrt. Deckel auf, Inhalt rein, Deckel zu, Schlüssel weg.
  • Introjektion: Die Gedanken, Wünsche, Gefühle, Triebe – vor allem aber die Normen und Wertvorstellungen einer anderen Person werden in die eigene Person hinein genommen und zu den eigenen gemacht. Besonders kommt dies natürlich im Rahmen der Erziehung vor, wenn Kinder die Werte ihrer Eltern übernehmen und sich entsprechend verhalten, wenn sie später selbst erwachsen sind. Nicht selten haben die Kinder dann die Tendenz, dieses Verhalten sogar noch stärker zu betonen, als die eigenen Eltern. Siehe auch: Die inneren Eltern.
  • Projektion: Projektion ist das Gegenteil der Introjektion. Bei der Projektion werden eigene Wünsche, Gedanken, Emotionen, etc. von der eigenen Person auf einen anderen Menschen (manchmal auch auf Gruppen, Organisationen,…) projiziert und auf diese Weise abgewehrt. Der Vorgang der Projektion ist eng verwandt mit dem Schattenkonzept, das auf C. G. Jung zurückgeht.
  • Sublimierung: Ein nicht erfüllter Triebwunsch wird auf Ersatzhandlungen übertragen und damit in eine sozial verträglichere Form gebracht. So können beispielsweise sexuelle Impulse in künstlerische Tätigkeiten übertragen werden oder starke aggressive Impulse durch sportliche Betätigung sublimiert werden.
  • Wendung gegen die eigene Person: Bei diesem Abwehrmechanismus richte ich die Gefühle, die ich eigentlich einer anderen Person gegenüber empfinde, gegen mich selbst. Ein häufiges Beispiel ist hier die Autoaggression. Eigentlich empfinde ich eine Stinkwut auf jemand anderen, doch weil mir mein strenges Über-Ich nicht erlaubt, diese Gefühle auch in Beziehung zu bringen, richte ich sie stellvertretend gegen mich selbst.
  • Verkehrung ins Gegenteil: Hierbei verschiebe ich einen Wunsch vom aktiven in den passiven Bereich (oder umgekehrt) und verkehre ihn in sein Gegenteil. So kann aus sadistischen Gedanken einem anderen gegenüber beispielsweise eine Neigung zum Masochismus entstehen.

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Titel-Photo: pixabay.com
Lizenz: CCO Public Domain
Fotograf: josealbafotos

Weiterführende Literatur:

* Anna Freud, „Das Ich und die Abwehrmechanismen, Kindler Verlag GmbH München, 9. Auflage 1977
* Jürgen Kritz, „Grundlagen der Psychotherapie“, Urban & Schwarzenberg, München, 6. Auflage 2007
* Sigmund Freud, „Abriß der Psychoanalyse“, Frankfurt, Fischer Verlag, 1972 (posthum)

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6 KOMMENTARE

  1. Hallo Andreas,
    diesen Beitrag hab ich bestimmt schon zweimal gelesen. Heute jedoch unter einem ganz besonderen Eindruck.
    Ich war gerade bei meiner Chefin zur osteopathischen Behandlung wegen meiner immer wiederkehrenden Nackenschmerzen und weil ich so schlecht sehen kann.
    WAS WILL ICH NICHT SEHEN….Was halte ich gut verschnürt und mit an Trotz grenzender Sturheit oder an Sturheit grenzendem Trotz (daher diese ätzenden Nackenschmerzen) so tief verborgen, dass ich nahezu niemanden durchlasse. Wir sind in diese Untiefe vorgedrungen.
    Ich weiß sehr gut, was Du mit diesen Abwehrmechanismen beschreibst.
    Leider reicht es nicht, es zu wissen.
    Hard work
    Vielen Dank für diesen Beitrag
    LG Patrizia

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